Meiningen, 4 Sept. 1882
Hochverehrte theure Frau!
Seit etwa zehn Tagen von einer ganz verfehlten Erholungsreise in sehr defekter Gesundheit heimgekehrt, bin ich bisher außer Stande gewesen, Ihren mir vor Monatsfrist geschriebenen Brief und die ihn begleitenden Reliquien, welche ich hoch und theuer halten werde, mit meinem innigsten Danke zu erwidern.
Von Herzen wünsche ich, daß das in der Schweiz gesuchte zeitweilige Vergessen des Unvergeßlichen Ihrer kranken Seele Linderung und neue Kraft zum Ertragen ferneren Daseins gewährt haben möge. Das liebe lebendige Vermächtniß des theuren Meisters bürgt ja doch, wie nichts außerdem, für die Möglichkeit einer Zukunft.
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Ihr von mir so lebhaft getheilter Wunsch eines Wiedersehens und einer Besprechung von den posthumen Angelegenheiten Ihres verewigten Gemahls – scheint, zu meinem größten Schmerze, auf Hindernisse zu stoßen, welche, wenn mich das gegenwärtige Mißgeschick verläßt, hoffentlich beseitigt werden können, zu deren Bemeisterung mir aber in diesem Augenblicke jede Energie fehlt.
Eine große Anzahl der tüchtigsten jüngeren Kräfte der Kapelle – von mir mit redlichster Mühe in voriger Saison eingedrillt – springt ab. Da die mir gebotenen Mittel nicht hinreichen, den anderweitigen Offerten Concurrenz zu bieten, auf welche die Deserteure reflektiren (Offerten die sie doch eigentlich nur den Erfolgen unserer Reisen verdanken) – da die, mehr als ich verlautbaren darf, kleinen Verhältnisse nicht gestattet haben, sie durch definitive Anstellung zu fesseln – so bin ich jetzt in die denkbar peinlichsten Verlegenheiten gerathen, denen abzuhelfen – kaum vier Wochen vor dem Wiederbeginn der Proben – ich jeden Beistandes errathe. Denken Sie, daß mein sogenannter Intendanzsecretär, übrigens ein tüchtiger Musiker und verständiger Mann, obwohl natürlich den materiellen Interessen seiner Collegen holder, als denen des fragmentarischen Instituts, dessen Aufrechterhaltung – ach, es steht in der Luft! – mir obliegt, bis zum 1 October in Bad Nauheim Flöte bläst, welcher Nebenverdienst ihm unverläßlich ist bei seiner hiesigen Gage von 1050 Mark! Es müssen Wunder geschehen – das größte wäre das Eingehen und Einsehen an Höchster Stelle – um die Durchführung der angebahnten und schon in starkem Gange befindlichen (weßhalb ich auch noch nichts abcommandiren darf) Unternehmungen, auf deren finanziellen Erfolg übrigens gerechnet wird, um die Extrakosten, welche durch meine Berufung in Ergänzung der Kapelle der Hofkasse zugefallen sind, möglichst zurückerstattet zu sehen – um diese Durchführung noch zu ermöglichen. Kommt mir Reconvalescenz zu Hilfe – zur Zeit streiten sich um meine Hülle Nevralgie, Darmcatarrh und Gehirncongestion mit Schwindelanfällen – und ein bischen Gegentheil von Pech – so hoffe ich, im November neben zwei Beethovenconzerten das mir vor Allem wichtige Raff-Concert in Frankfurt zuwegezubringen, zu welchem das hiesige Lokalconzert am 5 November die öffentl. Generalprobe zu bilden beabsichtigt war. Vielleicht macht das einen Eindruck nachhaltigen Charakters auf die Herren Verleger, unter denen mir zur Zeit nur Einer würdig und befähigt (bemittelt) erscheint, des Meisters Nachlaß ganz oder theilweise an sich zu nehmen, nämlich Simrock, der Freund und wie exclusiver so unbedingter Trabant Brahms’s.
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An meinem guten Willen, verehrteste Freundin, soll es gewiß nicht fehlen, Ihrem ehrenden Appell an meine wenigstens rathende Mitwirkung Folge zu leisten, sobald ich nur das jetzt zusammenzubrechen drohende Flickgerüst wieder gerichtet habe. Daß, wenn mir das Glück wohl will, dieß dennoch nur auf die nächste Wintersaison Bestand haben könnte, werden Sie wohl begreifen. Nicht weil ich meinen Meininger „Posten“ für nicht gut genug für mich halte (wie viele Würdigere wähnen nicht mich darum beneiden zu müssen!) aber \weil/ [...] nicht \mehr/ elastisch genug, um noch in der Luft weiter balancieren zu können – bin ich entschlossen, nur noch diesen Winter hier auszuharren, um dem Vorwurfe der Desertion auszuweichen, meine gewissermaßen auch finanzielle Verantwortlichkeit dem Herzoge gegenüber, so lange es möglich, aufrecht zu erhalten.
Verzeihung, Verzeihung für die Unziemlichkeit Sie, verehrte Frau, jetzt, zu so unpassender Zeit, einen Blick in die öde Misère werfen zu lassen, mit welcher ich mich herumzuschlagen habe, und welche mich Anwandlungen unleugbaren Irrsinns aussetzt. Vielleicht habe ich in einer solchen einen für zwei Personen unheilsamen Schritt gethan, von dem Sie gerüchtweise gehört. Ich war jedoch zu demselben als rechtschaffender Mensch verpflichtet. Indem ich Ihnen denselben heute mittheile, will ich für denselben ebenso wenig Ihren Glückwunsch herausfordern, als Ihr Mitleid für die Unhaltbarkeit meiner Stellung und die daraus sich ergebenden ernsten Consequenzen, welche meine Unruhe bis aufs Äußerste steigern, meine Lebenskrankheit unheilbar zu machen drohen – mögen diese Expektorationen Ihnen nur eine momentane gütige Nachsicht damit einflößen, daß ich Ihnen jetzt nicht eine Antwort geben kann, wie sie sich geziemt.
In angustis Ihr verehrungsvoll dankbar ergebener
HvBülow.
[copyright Simon Kannenberg]