Wiesbaden, 7 Juni 80
Villa Germania
Hochverehrte Freundin,
ist es nicht gar zu unverschämt, wenn ich Sie mit der Bitte behellige, von dem mir neulich durch Ihre Güte kredenzten superiorem (obwohl trüben) Syracuser Muscat sechs Flaschen an meine Mutter (Dietenmühle) expediren zu lassen? Es dünkt mich, er werde ihr ebenso zuträglich sein als gut schmecken. Daß Ihr Andenken sie herzlich erfreut, daß sie Ihre Grüße dankbar erwidert, daß sie sich über alle Maaßen freuen würde, wenn die Aussicht auf einen Besuch Ihrerseits sich verwirklichte, brauche ich wohl nicht zu sagen. Im Ganzen ist ihr Zustand recht erträglich, Wiesbaden in jeder Beziehung eine Verbesserung gegen Coblenz: im Sprechen wie im Gehen könnte man meiner Mutter ein Vierteljahrhundert aberkennen.
In Weimar wohin ich mich von hier zu nächst wende, hoffe ich durch Indiscretion Ihrer Frau Schwester Näheres zu erfahren, wo man Raff’s im Spätsommer wohl treffen könnte.
Einstweilen – genehmigen Sie mit ergebensten Grüßen an die majorum u. minorum Ihres Hauses den Ausdruck alter, stets erneuerter dankbarer Verehrung
Ihres
HvBw
[copyright Simon Kannenberg]