Verehrteste Frau!
In Ermangelung aller Möglichkeit („subjectiven“) Ihre liebenswürdigen Zeilen, Ihre gütige Einladung einigermaaßen liebenswürdig zu beantworten, habe ich ein bisher stets versiegeltes Fläschchen blauer Tinte zum ersten Male öffnen laßen. Raff hat mir so oft von seinem Geiste geliehen – können Sie mir nicht ein wenig Gemüths- und Ausdrucks-Grazie leihen? Oder toleriren Sie es, wenn ich in unveräusserlicher Kratzbürsten-Weise Ihre so dankenswerthe und unter anderen Umständen (ich bin der Umstand) unausschlagbare Gastlichkeit ablehne? Wie ich – d. h. in welcher Verfassung ich nach Wiesbaden komme, ist mir noch sehr unklar – ich glaube aber in einer nichts weniger als gediegenen und reizvollen. Nun ist Raff nervös, ich ditto; Laßen Sie mich zu Ihnen kommen („fortschicken“ nehme ich bei Freunden als Freundschaftspfand – wenn es der Tag so mit sich zwingt) wann mir gut und gesprächig zu Muthe ist, ausbleiben, wenn ich tückischer Laune bin. Dann haben wir’s Alle drei behaglicher.
Sehen Sie, gnädige Frau – ich habe ein solches Bedürfniss zuweilen des Morgens Kellner zu zerschellen, Hausknechte zu wichsen, Portiers einzuschliessen – können Sie mir das bei Ihnen bieten? Vielleicht flanire ich einmal des Abends nach Darmstadt, oder Frankfurt oder Homburg – der Luftveränderung wegen. Der Zwang, den ich zum ersten Male einen Winter, ja eigentlich ein beinahe Jahr als Ansässiger hier genossen, der verlangt dringend nach gänzlicher Ungebundenheit. Ruhe – das ist eine Illusion – wenn man sie arrangirt. Desshalb gehe ich nicht nach Luzern – sondern sende nur Frau u. Kinder zur Luftkur hin. Wagner ist mir zu aufregend, anregend, abregend – dann kommt er ja immer des Winters bald auf 2, 4, 6, 8 Wochen zu uns. Ausserdem verlangt es mich übrigens dringend, Raff wiederzusehn – soll ich ihm aber wirklich nicht lästig fallen, so kann und darf ich ihn nur in meinen guten, ruhigen (nicht schläfrigen) Momenten sehen. Ärgern soll ich ihn doch bei Gott nicht – und die Gefahr wäre so leicht vorhanden!
Nun – einstweilen – drohe ich Ihnen noch nicht so bald – vor dem 10 od. 12 vielleicht 15 August werde ich mit meinen Frohndiensten hier nicht fertig. Eine dringende Bitte – sagen Sie Antinous [!] und Venus nichts von meinem Kommen. Diese beiden Leute zu sehen, würde mich „effektiv“, wie die Leipziger sagen, krank machen.
Darf ich ein paar Antworten an Ihren Gemahl einflechten? Er ist sehr gütig mir eine Einladung zu einem Kurconzerte anbieten zu laßen. Ich hab aber noch weit weniger Lust öffentlich Klavier zu spielen als – mich aufzuhängen. Dagegen werde ich ihm dankbar sein, falls er mir ein Abonnement auf einem Proszeniumsplatz bei der Roulette reserviren laßen will.
Leider habe ich Raff mit einer Beschwerde über Schotts ennüyirt. Gott was bereue ich diesen Leichtsinn! Er nimmt, wie Alles, die Geschichte mit einer römischen Gewissenhaftigkeit und hat sich nun gequält, mir darüber Auskunft zu geben!
Wegen Meistersinger-strichen mögen Jahn u. C. schalten u. walten nach Belieben. Der Autor bekümmert sich um nichts dabei. Hier haben wir 6 vollständige Aufführungen gehabt und Fortsetzung folgt im October. Was ist Wagner Hekuba? Kürzungen jedoch angeben, autorisiren, das ist zu viel verlangt, das mögen die Herren Kapellmeister mit eigenen Kosten herstellen. Hier haben wir unsere Tabulatur und z. B. Ihr gehorsamer Diener restituirt bei jeder Hugenottenaufführung (!!) ein neues Stück. Hier, hier – ich bin sehr bairisch geworden und die blaue Tinte auf dem weissen Papier wird Ihnen ganz einfach als Nationalcostüm gelten?
Also Antonius und Cleopatra haben Sie „stark“ in Anspruch genommen! Na, nun werde ich nicht mehr blöde sein und ich werde schon vor meiner Ankunft die Drohung erfüllen – indem ich Raff eine bildschöne junge Sängerin recommandire.
Jetzt haben Sie genug, verehrteste Frau – nicht wahr? Ich lege mich Ihnen zu Füßen in idealerer Gestalt nicht „auf Verlangen“ sondern „aus Eitelkeit“. Wie so – ist in Joachim Raff’s Sprechstunde zu erfahren. Wie bin ich begierig, von Merians Ausführliches zu hören. O dunkles Basel!
Mit herzlichen Grüssen an Raff küsse ich Ihnen die Hand
als
Ihr treuergebener dankbarer
München, 22 Juli 68. HansvBülow.
[copyright Simon Kannenberg]