Lieber, verehrter Freund!
Heute endlich geht der Wein an Sie ab, den ich Ihnen erst nicht schnell genug schicken konnte u. dann doch nicht schickte. Warum? Weil ich auf der Nase resp. auf dem Rücken lag. Die Aufregungen der letzten Wochen waren nicht ohne Wirkung auf mich geblieben. Auf die sieben fetten Jahre folgten die sieben mageren d. h. auf die Ruhe Raff’s, über die ich mich so gefreut, folgte Sturm, viel Stürme. Sein Pessimismus kannte keine Grenzen – kurz, wir hatten schlimme Tage.
Da sie aber vorüber, will ich nicht weiter darüber klagen. – Die Erklärung der Administration bezüglich der Schmähartikel werden Sie gelesen haben. Oder nicht? Wenn die Herren der Administration nicht diesen öffentlichen Schritt gethan hätten, würden die Lehrer Raff eine Adresse überreicht haben, worin sie ihm ihre Sympathie u. ihr Vertrauen in seine Leitung versichert. Auch Frau Schumann hat nicht gezögert sich auf die Seite Raff’s zu stellen. Sie hat gegen uns, wie gegen Jeden, laut ihre Entrüstung über das unwürdige, unkünstlerische Benehmen St. geäußert. Nun, das ist ja hübsch u. anerkennenswerth. Es hat auch Raff Freude gemacht.
„Rouge et noir“ bringen uns Gewinn, sie gefallen sehr u. ich wünsche nur daß es ihnen eben so geht. – In einer neuen Musikzeitung – von Seitz herausgegeben – ist zu lesen: [„]daß Sie u. Frau Neruda am 23ten d. M. im Gewandhaus spielten“. Lüge od. Wahrheit? Wenn letztere, muß es doch mit Ihrem Befinden besser gehen? Wie uns das beruhigen würde! Schreiben Sie, bitte, eine Zeile darüber. Aber nicht mehr. Es soll Ihnen nicht Schmerzen machen einen Brief zu verabfassen. Das wäre eine schlechte Freundschaft die dergleichen verlangte. – Gestern hat sich Desoff bei uns vorgestellt, als 15.000 Mark-Kapellmeister!
Jahn hat es noch zu mehr gebracht. 12,000 fl! Nun, er ist auch dicker! – Wie man sich dagegen vorkommt.
Meine Schwester Merian hat es gut, daß Sie so nach Weimar rutschen können u. sie nach Meiningen. Da kann sie von Ihren Conzerten profitiren. – Raff freute sich der Auswahl die Sie unter seinen Werken getroffen.
Und nun wünsche ich daß der Wein glücklich in Ihre Hände u. Ihren Magen gelange. Bezahlt ist er ja längst!!
Beste Wünsche u. herzlichste Grüße sind stets bei Ihnen von
Frankfurt Ihrer alten, treuen
d. 11. Okt. 80. Freundin D. Raff
copyright Simon Kannenberg