Absender: Doris Raff (C00693)
Erstellungsort: Frankfurt a. M.
Empfänger: Hans von Bülow (C00114)
Datierung: 11. Oktober 1880 (Quelle)
Standort: Bayerische Staatsbibliothek (München)
Signatur: Raffiana IX, Bülow, Hans von Nr. 5
Umfang: 4 Seiten
Material: Papier
Incipit: Lieber, verehrter Freund!
Heute endlich geht der Wein an Sie ab, den ich Ihnen erst nicht schnell genug
Veröffentlichung: Kannenberg 2020.

Schickt den Wein an den E. ab. Sei auf der Nase, resp. dem Rücken gelegen. Auf Raffs Ruhe sei Sturm gefolgt. Sein Pessimismus habe keine Grenzen gekannt. Die Erklärung der Administration bezüglich der Schmähartikel werde der E. gelesen haben. Die Lehrer hätten Raff eine Adresse überreicht, in der sie ihm ihre Sympathie und ihr Vertrauen in seine Leitung versichert hätten, wenn die Administration nicht diesen öffentlichen Schritt gemacht hätte. Auch Frau Schumann habe nicht gezögert, sich auf die Seite Raffs zu stellen. Sie habe laut ihre Entrüstung über das unwürdige, unkünstlerische Benehmen von St geäussert. "Rouge et noir" [Roth und Schwarz] bringen ihnen Gewinn. In einer neuen Musikzeitung ["Musikalischen Centralblatt"], von Seitz herausgegeben, sei zu lesen, dass der E. und Frau Neruda am 23. d. M. im Gewandhaus spielen. Fragt, ob das stimme. Gestern habe sich Dessoff als 15.000 Mark-Kapellmeister vorgestellt. Jahn habe es zu noch mehr gebracht, 12'000 fl. Ihre Schwester Merian habe es gut, dass der E. so nach Weimar rutschen könne und sie nach Meiningen. Da könne sie von den Konzerten des E.s profitieren. Raff habe sich über die Auswahl seiner Werke, die der E. getroffen habe, gefreut.

Lieber, verehrter Freund! Heute endlich geht der Wein an Sie ab, den ich Ihnen erst nicht schnell genug schicken konnte u. dann doch nicht schickte. Warum? Weil ich auf der Nase resp. auf dem Rücken lag. Die Aufregungen der letzten Wochen waren nicht ohne Wirkung auf mich geblieben. Auf die sieben fetten Jahre folgten die sieben mageren d. h. auf die Ruhe Raff’s, über die ich mich so gefreut, folgte Sturm, viel Stürme. Sein Pessimismus kannte keine Grenzen – kurz, wir hatten schlimme Tage. Da sie aber vorüber, will ich nicht weiter darüber klagen. – Die Erklärung der Administration bezüglich der Schmähartikel werden Sie gelesen haben. Oder nicht? Wenn die Herren der Administration nicht diesen öffentlichen Schritt gethan hätten, würden die Lehrer Raff eine Adresse überreicht haben, worin sie ihm ihre Sympathie u. ihr Vertrauen in seine Leitung versichert. Auch Frau Schumann hat nicht gezögert sich auf die Seite Raff’s zu stellen. Sie hat gegen uns, wie gegen Jeden, laut ihre Entrüstung über das unwürdige, unkünstlerische Benehmen St. geäußert. Nun, das ist ja hübsch u. anerkennenswerth. Es hat auch Raff Freude gemacht. „Rouge et noir“ bringen uns Gewinn, sie gefallen sehr u. ich wünsche nur daß es ihnen eben so geht. – In einer neuen Musikzeitung – von Seitz herausgegeben – ist zu lesen: [„]daß Sie u. Frau Neruda am 23ten d. M. im Gewandhaus spielten“. Lüge od. Wahrheit? Wenn letztere, muß es doch mit Ihrem Befinden besser gehen? Wie uns das beruhigen würde! Schreiben Sie, bitte, eine Zeile darüber. Aber nicht mehr. Es soll Ihnen nicht Schmerzen machen einen Brief zu verabfassen. Das wäre eine schlechte Freundschaft die dergleichen verlangte. – Gestern hat sich Desoff bei uns vorgestellt, als 15.000 Mark-Kapellmeister! Jahn hat es noch zu mehr gebracht. 12,000 fl! Nun, er ist auch dicker! – Wie man sich dagegen vorkommt. Meine Schwester Merian hat es gut, daß Sie so nach Weimar rutschen können u. sie nach Meiningen. Da kann sie von Ihren Conzerten profitiren. – Raff freute sich der Auswahl die Sie unter seinen Werken getroffen. Und nun wünsche ich daß der Wein glücklich in Ihre Hände u. Ihren Magen gelange. Bezahlt ist er ja längst!! Beste Wünsche u. herzlichste Grüße sind stets bei Ihnen von Frankfurt Ihrer alten, treuen d. 11. Okt. 80. Freundin D. Raff copyright Simon Kannenberg


Zitiervorschlag: Raff, Doris: Brief an Hans von Bülow (11. 10. 1880); https://portal.raff-archiv.ch, abgerufen am 10. 3 2026.