Absender: Doris Raff (C00693)
Erstellungsort: Frankfurt a. M.
Empfänger: Hans von Bülow (C00114)
Datierung: 27. Oktober 1879 (Quelle)
Standort: Bayerische Staatsbibliothek (München)
Signatur: Raffiana IX, Bülow, Hans von Nr. 3
Umfang: 4 Seiten
Material: Papier
Incipit: Verehrter Freund!
Nein, ich wußte Nichts! Leider! Wie hätte ich sonst...!
Veröffentlichung: Kannenberg 2020.

Habe den Brief an den E. am Dienstagmorgen abgeschickt, am Mittwoch Abend die erste Notiz über die ganze Affaire [Bülows Entlassung in Hannover] in der Zeitung gelesen. Hätte ihren Brief gerne ungeschrieben gemacht. Hätte gerne einen zweiten Brief geschrieben, aber von der Reise des E.s nach Berlin gelesen. Will den E. auch über ein Missverständnis aufklären, das Cossmanns Anliegen doppelt unbescheiden erscheinen lassen müsse. Dieser möchte ebenfalls lieber auf das Projekt verzichten, als dem E. ein Opfer aufzuerlegen. Raff würde sich sehr über einen Besuch des E.s freuen, auch ohne Soirée.

Frankfurt a/M d. 4. Nov. 79 Verehrter Freund! Nein, ich wußte Nichts! Leider! Wie hätte ich sonst...! Dienstag Morgen war mein Brief an Sie abgeschickt, Mittwoch Abend lasen wir die erste Notiz über die ganze Affaire in der Zeitung. Was hätte ich darum gegeben meinen Brief ungeschrieben machen zu könnn, statt damit bei Ihnen hereinzufallen zu einem Zeitpunkt wo man Sie mit derartigen Anträgen am Allerwenigsten hätte belästigen dürfen. Gern würde ich einen zweiten Brief geschrieben haben um den ersten zu desavouiren – aber ich las zu gleicher Zeit von Ihrer Reise nach Berlin u. wußte nicht wohin mich wenden. Nun erwiedere ich sofort Ihr Schreiben, nicht nur um Ihnen zu danken für seinen mich beschämend freundlichen Inhalt, sondern auch Sie über ein Mißverständniß aufzuklären welches Coßmann’s Anliegen doppelt unbescheiden erscheinen lassen muß. Die Soirée x sollte eine gemeinschaftlich von Ihnen Beiden gegebene u. getheilte sein. Mehr als das von Ihnen zu erbitten kam Coßmann nicht in den Sinn. Also – ich ließ ihn vorhin zu mir bitten, theilte ihm von Ihrem Brief mit was nöthig war, verfehlte ihm aber dabei nicht, wie unendlich peinlich es mir sei unter den obwaltenden Verhältnissen Ihnen mit solcher Bitte lästig gefallen zu sein; Er versicherte „daß es ihm eben so gehe“ u. will lieber auf das Projekt verzichten, als Ihnen ein Opfer auferlegen – besonders wenn Sie es in einem anderen als von ihm gemeinten Sinne bringen wollten; Und so nehmen Sie doch seine Resignation an u. sagen: Nein! Um Gotteswillen keinen „Wunsch“ von mir vermuthen wo keiner ist. Am Ende: Was ist mir Hekuba? Ja, den Wunsch haben wir Beide, Raff u. ich, Sie auf einige Tage hier zu haben, ohne Kammersoirée! Die „Soirée“ bei uns, nur Sie u. wir u. eine behagliche „Kammer“ für Sie zum Schlafen. So können Sie ganz incognito hier sein u. wir schimpfen uns gegenseitig über Conflikte aus. Kommen Sie doch! Raff würde sich sehr freuen. Er mußte heute nach Wiesbaden, läßt also grüßen statt zu schreiben. Ich habe ihm doch Alles gebeichtet u. seine Vorwürfe waren eben so schlimm als die meinigen. So verzeihen Sie, bitte, Ihrer nicht mehr auf Ihre gütigen Freundschaft sündigen wollende sonst treu ergeben bleibende Doris Raff copyright Simon Kannenberg


Zitiervorschlag: Raff, Doris: Brief an Hans von Bülow (27. 10. 1879); https://portal.raff-archiv.ch, abgerufen am 10. 3 2026.