Frankfurt a/M d. 27. Okt. 79.
Verehrter Freund!
Lieber sollen gleich die ersten Zeilen enthalten was diesen Brief „verursacht“ als daß Sie lange überflüßige Worte lesen müssen, die dann doch in einer überflüßigen Bitte endigen. Diese letzteren also – ich brauche nur den Coßmann’schen Namen zu nennen u. Sie kennen sie. Ja er ist es der mich zu diesem Briefe an Sie gepreßt hat. Und so schreibe ich ihn unter großem moralischem Katzenjammer ohne Wissen meines Mannes. Dieser würde mir vielleicht gar nicht erlaubt haben den Auftrag zu übernehmen, denn Sie kennen ihn ja, wie er seiner Freunde Zeit u. freien Willen respektirt.
Beidem soll nun auch von mir gewiß kein Zwang geschehen u. auch nicht von Coßmann’s Seite, der gerade darum meine Hand gewählt hat Sie von seinem Anliegen in Kenntniß zu setzen, damit Sie es durch eine Mittelsperson „leichter verweigern könnten“. Dieses Anliegen nun ist: [„]ob Sie gemeinschaftlich mit ihm eine Kammermusiksoirée im Laufe des Novembers hier zu geben sich verstehen würden.“
Sie ziehen am Ende vor seiner Frau eine Anweisung auf 20 Torten zu geben? Aber Scherz bei Seite, der arme Mann scheint wieder in der Klemme zu sein. Dennoch sollen Sie sich deßwegen kein Opfer auferlegen; Trotz meiner aufgezwungenen Fürbitterinnen-Eigenschaft wünsche ich daß Sie erst rücksichtsvoll gegen sich als gegen Andere sind. Ich bitte dringend diesen Brief als das zu betrachten was er ist: die Erfüllung eines Versprechens! Keinerlei Zureden ist damit, von meiner Seite verknüpft. – Dieser Winter bringt Sie ja doch hoffentlich in unsere Nähe u. man kann sich auf andere Weise eines Wiedersehens freuen.
Mein Mann ist leidlich wohl u. munter, trotz dass der organische Conservatoriums-Fehler ihm wieder arg zu schaffen gemacht hat. Heilung dieses Uebels ist ja, Gottlob, nicht unmöglich.
d. 28ten. Indem ich gestern verhindert wurde zu schließen, kann ich heute noch den Empfang Ihrer gestrigen Sendung melden u. Ihnen herzlichst dafür danken. Raff freut sich immer Ihrer alten, treuen Aufmerksamheit für seine Werke.
Da ich seine Grüße, wegen der fatalen Heimlichkeit nicht senden kann, verdopple ich die meinigen u. die von Helenen an „Onkel Bülow“. Ich hoffe es geht Ihnen so gut als es stets von ganzem Herzen wünscht Ihre treu ergebene
Doris Raff.
copyright Simon Kannenberg