Lieber, verehrter Freund!
Wundern sollte ich mich über Ihren Brief? Nein, ich habe mich vielmehr herzlichst gefreut über dieses Lebens- und Freundeszeichen von Ihnen. Sie wissen, ich bin Ihrer Ansicht entgegen: „von Ihren Bekannten habe Frau Laussot allein das wirkliche Herzensbedürfniß von Ihnen brieflich hören zu müssen“. Wir sind gerade ebenso organisirt. Nun bekommen Sie aber auf einen doppelte Dank, einmal daß Sie geschrieben u. das andere Mal daß Sie aus solchem Grunde geschrieben. Diese feinen Fühlhörner für mein Empfinden, konnte nur ein so treuer Freund haben – wie Sie eben einer sind. Ihr bester Dank wäre nun gewesen, Sie hätten meine Freude über „Lenoren’s“ Erfolg gesehen; geschrieben nimmt sie sich lange nicht so herzlich aus. Raff empfing Ihre frohe Nachricht fast als Willkommensgruß, er war erst seit ein Paar Tagen von seiner Reise zurück. Nach dem erquicklichen „Waldesrauschen“ in München, hörte er in Dresden Cellokonzert (2 Mal) u. „Lenore“; dann dirigirte er in Weimar ein: Raff-Konzert: Bach’sche Chiaconne (v. Raff für Orchester gesetzt) Lieder gesunden von Frl. Dotter, Klavierkonzert gespielt von Lassen u. zum Schluß: 6te Symphonie. Diese letztere ist vor drei Wochen von der königl. Kapelle in Berlin zuerst gespielt worden u. hat selbst in die Geheimeräthe freudige Beweglichkeit gebracht; die Kritik aber macht in seltener Einigkeit wegen des „bewundernswerthen Contrapunkts“ meinem Mann einen tiefen Kratzfuß. – Nach 3 wöchentlichen Fasten hat sich nun Raff mit Heißhunger auf eine neue Partitur geworfen u. weil ich heute schreibe, verspart er eigenhändige Mittheilung an Sie auf später. Er hat aber trotz seiner „Blasirtheit“ Ihren Brief u. seine liebe Absicht mit ebenso freudiger Erregung aufgenommen als ich. – Helenens neueste Beschäftigung ist Politik u. sie erklärt Gortschakoff’s Besuch in Berlin: als des Czaars Bemühen sich nicht mehr als Verbündeter von Don Carlos blamiren zu wollen, der Kladderadatsch habe ihm genug deßwegen aufgetrumpft. Uebrigens schickt sie Onkel Bülow einen schönen Gruß.
Ich stecke in einer ziemlichen Menge von Proben u. Vorstellungen, weiß daher nicht ob ich Alexa bald sehen werde, jedenfalls soll sie aber Ihren Gruß zu Weihnachten geschenkt bekommen.
Wir freuen uns daß das kalte Wasser noch bei Ihnen vorhält, muthen Sie sich nur auch nicht gar so viel zu.
Ihren verehrten Verwandten unsere besten Empfehlungen.
Ihnen nochmals Dank u. herzliche Grüße von Raff und
Ihrer treuest ergebenen
Doris Raff
Wiesbaden d. 25. Nov. 74.
copyright Simon Kannenberg