Absender: Joachim Raff (C00695)
Erstellungsort: Wiesbaden
Empfänger: Hans von Bülow (C00114)
Datierung: 13. April 1875 (Quelle)
Standort: Sächsische Landesbibliothek (Dresden)
Sammlung: Staats- und Universitätsbibliothek
Signatur: Mscr.Dresd.App.2551,53
Umfang: 4 Seiten
Material: Papier
Incipit: Lieber Freund!
Allen schönsten Dank für freundl. Uebersendung der „Academÿ“
Veröffentlichung: La Mara [Marie Lipsius], Musikerbriefe aus fünf Jahrhunderten, 2. Bd., Leipzig 1886, S. 315–318; Kannenberg 2020.

Bedankt sich für die Übersendung der Besprechung seiner Symphonien von E. P. in "Academy". Bezweifelt, dass das Verständnis seiner Arbeit dadurch gefördert wird. Beklagt sich über Miss- und Nichtverständnis von Seiten einer Masse der Musiker. Dürfe sich nicht darüber beklagen, dass die Symphonie, die die Musiker am wenigsten spielen und die Zuhörer am wenigstens goutieren, noch auf ein exaktes Verständnis verzichten müsse. Habe sich amüsiert über E.P.s Darlegungen über die Sechste Symphonie. Bereits Beethoven habe in seiner Fünften dem Scherzo eine enge Beziehung zum Finale gegeben und in der Neunten "den Inhalt des 1. Satzes im 2. humoristisch ergänzt resp. vertieft". Habe aus anaologen Gründen in der Dritten den 2. und den 3. Satz und in der Fünften und der Sechsten den ersten und zweiten Satz einander koordiniert. Das Motto der Sechsten laute: "Gelebt: Gestrebt, gelitten, gestritten; - Gestorben; - Das Leben des Künstlers sei Streben, ein fortwährender Kampf gegen die Negation. Der Künstler kämpfe nicht mit Prügeln oder mit Zeitungsartikeln, sondern "indem er die ihn beseelende Idee fortwährend in neuen Manifestationen entwickelt. Wolle dies im ersten Satz von der erhabenen Seite, von der humoristischen im 2. Satz darstellen. Diese innere Gestaltung werde bereits ohne Quellenangabe ebenso täppisch ausgebeutet, als dies bei früheren Werken der Fall gewesen sei. Der dritte Satz soll die Totenklage derjenigen darstellen, die den Erlegenen betrauern. Der 4. Satz sei keineswegs eine Apotheose im gewöhnlichen Sinn. Er beginne vielmehr mit der Freude, dass der Hingeschiedenen ausgelitten habe, bis die anderen Stimmen angesummt kommen, "die da finden, dass derselbe doch so gar schlimm nicht gewesen sei, und die Idee, die derselbe im Leben verfolgt, endlich mit dreister Acclamation beloben". Der Bau des Ganzen sei E. P. durchaus unklar geblieben, ganz ähnlich mit anderen Sachen. Wenn er denke, wie es Hiller, Rietz und Lachner mit einer so leichten und durchsichtigen Arbeit wie der Waldsymphonie ergangen sei, wundere er sich über nichts mehr. Bedankt sich für die Protektion des Klavierkonzerts. Frau Dr. von Wels habe ein paar Zeilen über die Aufnahme in München geschrieben. Habe sich wegen der Protektion des E.s an die Komposition eines neuen Opus für Klavier und Orchester [op. 200] gemacht. Mad. Schott sei am letzten Mittwoch begraben worden. Saurmas seien immer noch hier, erfolglos. Die Stadt habe 20% Steuerzuschlag und eine Anleihe bedurft, um ihren Verbindlichkeiten für dieses Jahr zu genügen, und könne nicht eine Synekura für einen königlichen Komissar errichten, unter welchem dann doch immer wieder Heyl die Geschäfte fortführen müsste. Von Liszt wurden seit Neujahr "Gaudeamus", Préludes und "Tasso" gespielt, demnächst sollen "Festklänge" und "Ideale" folgen. Grove habe geschrieben, werde diesem in Kürze antworten. Seine Frau kränkle ab und zu, Lene sei wohl.

Lieber Freund! Allen schönsten Dank für freundl. Uebersendung der „Academÿ“ mit E.P.’s besprechung meiner Sÿmphonieen. Gewiß kann ich nur mit aufrichtigem Danke einen Artikel entgegennehmen, welcher von so viel Wohlwollen gegen mich dictirt ist. Allein ob durch denselben das Verständniß meiner Arbeiten gefördert werde, ist eine Frage, die wohl mehrfach zu verneinen sein wird. Schon in Deutschland fand ich bei der Masse der Musiker gänzliches Mißverstehen oder Nichtverstehen dessen was ich gewollt, warum und wie ich es gewollt. Nur einige wenige meiner „practicirenden” Collegen begnügten sich meine Proceduren ebenso ungeschickt als unverschämt auszunutzen, und sich dafür lobhudeln zu lassen. Umsoweniger darf ich darüber klagen, wenn ich in England, wo man die Leute beinahe unvorbereitet mit denjenigen meiner Sÿmphonieen überfällt, die die Musiker am wenigsten spielen und die Zuhörer am wenigsten goutiren können, vorläufig noch auf ein exactes Verständniß verzichten muß. E.P. nun ist vor allen Dingen nicht ganz im Klaren über den Zweck der Sÿmphonie, wie er sich nach und nach herausgebildet hat, kann es also auch nicht sein über die Mittel und ihr Verhältniß zu jenem Zweck. Er prüft daher die Werke auf zufällige Aeusserlichkeiten, womit wir denn glücklich um 200 Jahre zurückgeschraubt wären. Doch, wie gesagt, man kann das einem Engländer um so weniger übel nehmen, als es in Deutschland viel schlimmer steht und noch werden dürfte. Sehr amüsirt haben mich seine Darlegungen über die VI. Sÿmphonie. Schon Beethoven hat in seiner V. dem Scherzo eine enge Beziehung zum Finale gegeben und in der IX. den Inhalt des 1. Satzes im 2. humoristisch ergänzt resp. vertieft. Analog habe ich aus bezüglichen Gründen in der III. den 2. u. 3. Satz, in der V. u. VI. den ersten u. zweiten Satz einander coordinirt. Das Motto der VI. lautet: Gelebt: Gestrebt, gelitten, gestritten; – Gestorben; – Umworben. æDas Leben des Künstlers als solchen◊1 ist Streben. Dieses Streben selbst ist nichts Anderes als der fortwährende Kampf gegen die Negation /: Leiden –◊2 Streiten :/. Der Künstler kämpft aber nicht mit dem Prügel oder mit Zeitungsartikeln, sondern indem er die ihn beseelende Idee◊3 fortwährend◊4 in neuen Manifestationen entwickelt. – Dies nun◊4 wollte ich von der erhabenen Seite darstellen im 1., von der humoristischen im 2. Satze meiner VI.ç /: Das ganz neue Verfahren, welches ich für die innere Gestaltung der betreffenden Sätze ersonnen, wird bereits ohne Quellenangabe ebenso täppisch ausgebeutet, als es bei früheren meiner Werke geschah :/. æDer 3. Satz nun sollte die Todtenklage derjenigen darstellen, die den Erlegenen betrauern. Der 4. Satz ist keineswegs eine Apotheose im gewöhnlichen Sinne. Vielmehr beginnt er mit der Freude darüber, daß der Hingeschiedene ausgelitten, bis dann die Stimmen angesummt kommen, die da finden, daß derselbe doch so gar schlimm nicht gewesen sei, und die Idee, die derselbe im Leben verfolgt, endlich mit dreister Acclamation beloben.ç – Der Bau des Ganzen nun ist der Idee nach P.E. durchaus unklar geblieben, und somit auch nach Seite der Technik. Ganz ähnlich ist es ihm mit andern Sachen gegangen. Allein wenn ich denke, wie es Hiller, Rietz u. Lachner anfänglich mit einer so leichten und durchsichtigen Arbeit wie die◊5 Waldsÿmphonie ergieng, und sie beim Anhören etwas ganz anderes fanden als beim Lesen, so wundere ich mich über nichts mehr. Nun aber mehr als genug von diesem Gegenstand. Verzeih! — Noch muß ich dir vielmals danken für die Protection des Klavierconcertes. Frau Dr v. Wels hat mir über die Aufnahme in München ein paar Zeilen geschrieben. Hältst Du es für aufdringlich, wenn ich derselben unbekannterweise schriftlich danke? Deine Protection hat übrigens die traurige Folge gehabt, daß ich mich an die Composition eines neuen Opus für Klavier u. Orchester gemacht habe. „Schrecklich! Doch weiter!“ (Oder nicht weiter?) — äMad. Schott haben wir letzten Mittwoch begraben. Sie war nur zwei Tage krank. Hier passirt nichts Neues. Sauerma’s sind noch immer hier, allein (wie ich wohl schon andeutete) ohne Erfolg, denn die Stadt hat 20% Steuerzuschlags und noch eine Anleihe von 60,000 Mrk bedurft, um ihren Verbindlichkeiten für dies Jahr zu genügen; wo kann sie jetzt daran denken, an ihrem rein städtischen Cur-Institut eine Sÿnekura für einen königl. Commissar zu errichten, unter welchem dann doch immer wieder Heÿl die Geschäfte fortführen müßte. Es ist der ungünstigste Augenblick; in einigen Jahren vielleicht weniger. å Von Liszt haben wir seit Neujahr „Gaudeamus“, Préludes u. Taßo gehabt. Letzterer hat am wenigsten gefallen. Demnächst sollen „Festklänge“ und „Ideale“ gespielt werden. äGrove hat an mich geschrieben. ich will ihm dieser Tage antworten, wenn auch nur in Kürze, da ich nur an dich so lange Briefe schreiben kann.å Meine frau kränkelt ab und zu, Lene ist /: unberufen :/ wohl, u. lernt jetzt die Rotunda schreiben, weil’s bald an französisch- u. Englisch-lernen geht. Beide grüßen schönstens. Was mich anlangt, so wirst du mich beim Wiedersehen etwas gealtert finden, allein es muß noch immer gehen. Nun kann ich nur wünschen, daß dich diese Zeilen wohl antreffen, daß du viel Geld verdienest und daß wir dich bald einmal wieder vergnügt und munter hier begrüßen können. Unter besten Empfehlungen an die verehrl. Deinigen bin ich wie stets dein getreuer Wiesbaden, 13. April 1875. JoachimRaff. copyright Simon Kannenberg



Bereitgestellt durch: Sächsische Landesbibliothek Dresden (SLUB)



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Zitiervorschlag: Raff, Joachim: Brief an Hans von Bülow (13. 4. 1875); https://portal.raff-archiv.ch, abgerufen am 10. 3 2026.