Lieber Freund!
Besten Dank für Programm und brief!
Es steht – wie ich glaube – weder mir noch sonst Jemand das Recht zu, deine Ansichten, oder die in denselben eintretenden Wandlungen zu controliren und theoretisch oder practisch zu critisiren.
ich selbst habe jederzeit volle Unabhängigkeit für mich in Anspruch genommen, und wenn es Personen giebt, die heute noch nicht einmal so weit sind als ich vor 25 Jahren, so kann uns das zwar leid thun, aber ich werde ihnen zulieb nicht nochmal von vorn anfangen, und alles – oft doch Peinliche – nochmals durchmachen, was vom etwas herben Verlauf meiner Entwicklung unzertrennlich war. Laß dich also nichts anfechten!
Daß Ihr 4. Sÿmph. schön gespielt habt, und daß diese Musik, die ich seiner Zeit mit ganz aufrichtigem herzen componirt habe, doch nicht ganz ohne Beifall vorübergerauscht ist, freut mich um so mehr, als ich den bezüglichen Erfolg jedenfalls zumeist dir verdanke.
Bezüglich W. mache ich dich darauf aufmerksam, daß Wr ihn nicht desavouiren kann, wenn er vielleicht möchte. Nimm’ dich also in Acht! Es schaut da ohnehin keine Ehre heraus.
Hier gehen die Dinge nicht sonderlich. Gott besser’s! Eröffnung des Conservatoriums ist jetzt erst auf 19 Sept. angesetzt. Allein das ließ sich freilich wohl voraussehen. Wir sind schon mit der Wahl des Locales, u. dgl. sehr hingezögert worden, u. die Organisation mit allem, was drum und dran hängt, will und darf nicht übereilt werden.
Wir waren alle eine Zeit lang nicht gut auf dem Damm; allein es geht uns wieder besser.
Gern will ich hoffen, daß du dich auch wesentlich besser fühlst, als da ich dich in Kreuznach sah.
Wenn du nur wieder schreibst, so laß mich doch wissen, ob dir Liszt im Juli oder August nicht geschrieben. Er versprach es mir; es war das Einzige um was ich ihn bei meiner Anwesenheit in Weimar gebeten.
Sehr nett wär’s gewesen, wenn du dich bei der Rückkehr aus Schottland, über frankfurt nach Hannover begeben hättest. Wir haben jetzt einen bechsteinschen flügel, welcher in meinem hübschen Arbeitszimmer höllischen Staat macht, und der uns inclusive Porto nur 1025 Mk kostet, indem Bechstein erst gar nichts nehmen wollte, auf mein Protestiren hin aber mir zuletzt das Instrument für 960 Mk ließ. heißt ein Geschäft!! Aber ich hatte keinen Klavierspieler der es einweihen konnte, und mußte mich begnügen, feierlichst einige Tonleitern darauf zu probiren, die mir um so mehr mißlangen, als ich 6 Wochen ohne Klavier gelebt und gearbeitet hatte. Jetzt arbeitet Lene alle Jubeljahre einmal darauf, und ich dämmere hie und da im Zwielicht drüber hin.
Wenn du h. v. Bronsart siehst, so dank’ ihm ja, daß er sich freundlich meiner erinnerte; es giebt ja Intendanten, die in dieser Beziehung – sich nichts zu Schulden kommen lassen. Und nun leb’ wohl für heute. Alle grüßen schönstens, zumal dein
frankfurt a/m getreuer
Leerbachstraße 39 JoachimRaff.
Ultimo Januarii.
copyright Simon Kannenberg