Lieber, verehrter freund!
Ihr brief traf noch einen tag vor meiner abreise von Ötlishausen ein, und ich hatte nichts eiligeres zu thun, als mich sogleich nach Andwyl zu begeben, um erst mir selbst das räthselhafte und unverständliche Ihres briefes aufzuhellen; denn von den skandalen u. s. w., welche Sie erwähnten war mir kein wort zu ohren gekommen und ich war daher am wenigsten im stande, Ihnen darüber aufklärung zu geben. Ich hatte auch keine ahnung von etwaigen vorfällen unerfreulicher art in Ihres vaters hause, denn Kaspar hatte mich noch 8 tage zuvor besucht und obgleich er sonst sehr vertraulich war, nichts von dergleichen erwähnt.
Und um Sie nicht mit der beantwortung Ihrer frage länger aufzuhalten – es ist mir noch jetzt unbegreiflich was Sie meinen; ich nahm auf dem rückwege von Andwyl, auf dem mich Ihr bruder eine stunde weit begleitete, denselben energisch vor und befragte ihn um den stand der dinge. Er war selbst verwundert über Ihre auffaßung derselben und was ich erfahren konnte, beschränkt sich auf folgendes, was ich Ihnen mit kurzen worten, wie ich es habe verstehen können, wiedergebe denn Kaspar hat eine so unlogische art sich auszudrücken und dabei einen dialekt, der mir oft nach mehrmaligem bitten mir das Gesagte zu wiederholen, noch unverständlich
blieb.
Es herrscht in Ihrer familie selbst uneinigkeit; der vater steht unter dem regiment Ihrer mutter und der ältesten schwester. Diese tyrannei geht so weit, daß man ihm förmlich untersagt, Kaspar mit der geige zu akkompagniren. Die überaus bornirten ansichten (nach Ihrem briefe darf ich mich wohl auch ungeschminkt ausdrücken) Ihrer mutter, die alle theilnahme und liebe für Sie verloren hat, weil Sie indem Sie Sich der kunst widmeten, noch nicht \sogleich/ nach zwei jahren \noch nicht/ kapitalist geworden sind, weil Sie nicht im stande sind Ihre familie zu unterstützen, ein „diener“ Liszts sind, und gerade das verzehren was Sie verdienen, was daher keinem verdienst gleich zu stellen ist, – haßt \auch/ die musik und Kaspar hat die worte „bettelmusikant“ und drgl. bis zum überdruß zu hören. Diese mittheilung Kaspar’s traf mit meiner eignen anschauung zusammen. Ihre mutter und Maria Antonie die Ihnen übrigens ganz und gar nicht ähnlich sondern sehr verbauert aussieht, während die jüngere schwester sanfterer natur ist und etwas mehr theilnahme für Sie an den tag legt, was ihr finstere blicke von den Anderen zuzieht – blieben während meines besuches der an 3 stunden währte, ganz kalt und ohne mir das leiseste zeichen daß sie mit Ihnen verwandschaftliche beziehung hatten; ich erzählte viel von Ihnen und gerade, wo ich glaubte, ihren antheil zu erwecken, lächelten sie dumm höhnisch oder liefen ans fenster, wenn man einen wagen rollen hörte. Ihr vater dagegen, dem Sie in meinen augen unrecht thun, nahm innigen antheil an Ihnen; er war von der größten freundlichkeit gegen mich; waren seine ansichten auch zum theil unverständig und beschränkt, so verleugnete sich doch die liebe zu Ihnen nie ganz. Beim abschiede namentlich zeigte sich dies; er begleitete mich allein hinaus bis an die stufen, drückte mir mehremals die hand; die hellen thränen standen im auge, als er mir grüße, herzliche grüße an Sie auftrug und hinzufügte: sagen Sie auch dem Hrn. Liszt meinen wärmsten dank für Alles das, was er an meinem sohne gethan hat; er soll sich seiner doch ferner annehmen und ihn befördern! Ich kann nicht von mir sagen daß ich „la larme facile“ hätte, aber diese im engen zimmer zurückgehaltene vaterliebe, die sich hier im freien offen aussprach, rührte mich: vielleicht besonders der contrast den sie mit der herzlosigkeit der übrigen bildete.
Ihr vater sieht trotz seiner 62 jahre sehr rüstig aus; die klugen intelligenten augen, seine überaus große lebhaftigkeit gefielen mir sehr; ich spielte ihm die ballade von Liszt und Ihre Loreley auf dem alten Ihnen bekannten klaviere vor; es intereßirte ihn, während die Anderen gesichter schnitten (Ihre schwester Seline ausgenommen, die eine hübsche stimme haben soll, jedoch der höhe ganz entbehrend.) Er war oft in St. Gallen gewesen, hatte mich aber immer verfehlt wenn er mich besuchen wollte. Der jüngste sohn Peter soll sehr bedeutende musicalische anlage haben, alles \nach/ dem gehör nachsingen u. s. w. Der jüngsten schwester namen habe ich vergeßen. Doch zum eigentlichen gegenstande – Ihrem bruder und seiner zukunft nun zurück. Als dieser sich einmal auf einen augenblick aus dem zimmer entfernte, klagten beide eltern über ihn; er wiße nicht die hälfte von dem was Sie in seinem alter gewußt, sei träge, unfleißig, habe kein sitzfleisch, wolle nur immer gut eßen und trinken und den frauen nachlaufen etc. Kaspars betragen gegen die eltern mißfiel mir, offen gestanden; wenn man ihm einmal etwas gesagt, was ihm nicht besagt,◊1 geht er ins wirthshaus und übernachtet da u. s. w. Seine klage lautet dagegen auf die spionirerey seiner schwestern, die ihn im orte heruntermachten und schmähten, allen seinen schritten nachspürten, sähen wie viel geld er verthue u. s. w. und ihn wenn er musiziren wollte, durch ihren spott störten. Was nun sein musiziren anbetrifft, so geschieht dies mit großer nachläßigkeit; er könnte fertig klavierspielen wenn er mehr übte er hatte eine unmaße neue musikalien auf dem klavier liegen – antwortete mir nicht als ich fragte woher er sie erhalten – und scheint nur von blatt zu spielen. Der vater freut sich an seinem talent und scheint eigentlich mit ihm einverstanden, daß er sich der musik widmen solle. Das ist pure schwäche, die jedoch begreifliche gründe hat (er darf sich nicht laut dafür aussprechen, Ihre erfolge schmeicheln ihm doch im innersten, er liebt sie musik, und der widerstand der übrigen \familienglieder/ thut das seinige hinzu.) Doch klagte er auch sehr über Kaspar in deßen gegenwart der ziemlich roh antwortete. Überhaupt, hier im vertrauen gesagt, Kaspar gefällt mir nicht ausnehmend und ich glaube nicht daß er viel werden wird.
Sie werden mich entschuldigen daß ich mich heute kurz faße und die nähere besprechung auf unser baldiges wiedersehen verspare. Ich bleibe noch einige tage in München um diese stadt musikalisch kennen zu lernen – es ist vielleicht für später eine außicht für mich hier vorhanden. So viel habe ich jetzt weg, daß die musik hier sehr im argen liegt, daß man um jahrzehnte zurück ist.
Doch noch ein paar worte über Ihre familie. Ihre beiden schwestern sollten sich des anderen tages nach Ravensburg begeben wo sie als weberinnen eine ganz erträgliche anstellung finden; Kaspar wollte sie begleiten und sich in Biberach bei seinem oheim umschauen. Auf einmal erzählt mir der närrische mensch daß er von Hauptwyl eine hauslehrerstelle angeboten erhalten habe (freie kost und logis und 200 fl. gehalt) die er abgelehnt weil die familie pietistisch sei und das seinem katholischen vater schaden könne!!! – Überhaupt betreibt er das geschäft des denkens wie ein ihm sehr ungewohntes Der vater ist auch darin etwas confus und ich wurde selbst confus als ich immer neue produkte dieses hier so sonderbar verrichteten geistigen ritus gewahr wurde. Ich habe Kaspar auf das dringendste zugeredet, die stelle anzunehmen; in Biberach werde es doch nichts sein, er solle sich doch klar werden was er dort wolle u. s. w; ich glaube ihn zur raison gebracht zu haben, denn er versprach mir fest wieder nach Hauptwyl zu schreiben. Es wäre ein glück wenn er hier versorgt würde und die armen eltern nicht mehr mit sorgen um ihn behelligt. – Mein ganzer brief wird Ihnen auch etwas unklar vorkommen; haben Sie noch drei tage geduld, dann sprechen wir uns persönlich und suchen Sich einstweilen dieses „tant bien que \mal“ zusammenzureimen./
Daß ich den erfolg Ihrer oper mit der wärmsten theilnahme vernommen, werden Sie mir unschwer glauben.
Leben Sie wohl bis auf weiteres.
Ihr
ergebener
München, 5 Juni 1851. HGvBülow.
P.S. Meine empfehlungen an Kapellmstr. Liszt, ich hätte geschrieben wenn ich ihn nicht allzusehr zu inkommodiren fürchtete, und \da/ in briefen doch nichts ausgerichtet wird.