25. 8. 1853
Brief an Kunigunde Heinrich
ID: A01517
| Absender: | Joachim Raff (C00695)
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| Erstellungsort: | Weimar |
| Empfänger: | Kunigunde Heinrich (C00362)
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| Datierung: | 25. August 1853 (Quelle) |
| Standort: | Bayerische Staatsbibliothek (München) |
| Signatur: | Raffiana II |
| Umfang: | 4 Seiten |
| Material: | Papier |
| Schreibmittel: | schwarze Tinte |
| Incipit: |
Liebste vortreffliche Freundin!
Vergeblich habe ich seit einem halben Jahr auf einen Brief |
Vergeblich habe ich seit einem halben Jahr auf einen Brief von Ihren lieben Händen gewartet. Sie sind mir böse – das merke ich jetzt – sehr böse, und ich kann es Ihnen nicht einmal übel nehmen; denn Sie haben ein Recht mir böse zu seyn. Aber ich darf Sie doch bitten, herzlich und inständig bitten, es nicht zu bleiben. Ja, darf ich? – Und darf ich auch hoffen, daß Sie wieder gut werden? – Wie, Sie sagen nichts? Nun geben Sie Acht, ich werde Ihnen von dato an alle 14 Tage mit einem Briefe auf den Hals kommen, ich werde Sie so lange incommodiren, bis Sie zuletzt dennoch schreiben. Ich kann mir denken, daß Sie mir nichts Freundliches zu scheiben haben werden. Immerhin; machen Sie mich herunter, so viel und so lang Sie wollen, lassen Sie kein gutes Haar an mir, alles was Ihnen im bittersten Groll einfällt; – aber: – schreiben Sie!!
Wie haben Sie diesen ganzen Sommer ins Gütle gehen können, ohne ein einziges Mal an mich zu denken? Freilich alles was ich armer Junge dort gesungen, ist Ihnen längst verklungen. Aber ich muß Ihnen sagen, daß es bei mir nicht so aussieht. Ich denke viel an Sie und gerne; das macht denn auch, daß ich viel und gerne von Ihnen spreche, wo es angeht.
Ich habe Ihnen lange nicht geschrieben. Gut – oder auch schlimmer, wie Sie meinen. Indeß, warum sollte ich Ihnen die Ohren voll klagen? Ich schreiben Ihnen jetzt
öfter wieder; denn es sieht so aus, als ob es mir allmählich besser ergehen sollte. Ich habe Ihnen so viel Kummer, Mühe und Sorgen gemacht, meine Liebste, Beste, daß es der baare reine Undank wäre, wenn ich Ihnen aus der Ferne her vorlamentirte. Aber so oft ich Ihnen was Freundliches zu sagen habe, so setze ich mich gleich hin, und kritzle es Ihnen zu. (Meine Notenschrift wird täglich besser, meine Currentschrift täglich miserabler)
Ich könnte Sie fragen: Sind Sie wohl, oder sind Sie krank? Aber ich glaube das Erstere. Denn wenn Sie krank wären, würden Sie wohl schreiben. Wer hat besser Zeit und ist contemplativer gestimmt zu correspondiren als ein Kranker? Nein, nein, Sie müssen gesund seyn. Auch dächt ich, müßte es Ihnen sonst wohl ergehen. Sie verdienen es mehr als jedes andere Menschenkind. Indeß ist es doch gar nicht schön, daß Sie mir so gar nichts – rein nichts sagen. –
Jetzt plaudere ich Ihnen was von mir vor. Wie Sie wollen nichts hören, nichts wissen? Haben Sie so ganz vergessen, daß Sie mich sonst Ihr «liebes Kind» genannt? Wenn ich etwas ungezogen war, wer konnte Schuld daran haben, als Sie, Liebe, die Sie ein etwas anderes zu thun gehabt haben, als mich gründlich zu verhätscheln, zu verziehen, zu verderben, wofür ich Ihnen allemal noch (unter uns gesagt) beide Hände und Backen küssen möchte? Aber Sie müssen mich hören! –
Natürlich muß ich Ihnen von meiner Musik sprechen. Von Orchestersachen habe ich nichts geliefert als die
Festouvertüre für das große Hofconcert, was aus Anlaß der Vermählungsfeierlichkeiten stattfand. Frl. von Hayn war darin (als Dame der Princessin Auguste); von dieser können Sie wohl etwas über das Stück gehört haben. – Am Sonntag ist die Huldigungsfeier für den neuen Großherzog. Da wird in der Kirche ein Te Deum von mir gemacht. Was ich sonst alles geschrieben haben, davon will ich Ihnen verbissenerweise nichts sagen. Aber darauf aufmerksam machen muß ich Sie, daß Sie nächstens ein Paquet gedruckter Sachen von mir erhalten werden, darin werden liegen:
- op. 55. «Frühlingsboten» 12 kurze Klavierstücke
- op. 56 Romanze. Ekloge. Valse-Etude. 3 Salonstücke für Klavier
- op. 57 Aus der Schweitz. Phantastische Ekloge für Klavier und Geige.
Sie sind capabel u. schicken mir die Sachen zurück. Denn da Sie sich nicht entschließen können mit mir zu sprechen, so werden Sie auch nichts von mir sehen wollen. O wie bös können Sie seyn. Tantae ne animis coelestibus irae? fragt der Dichter. ( «Können himmlische Seelen auch solchem Grolle Raum geben?» ) –
Jetzt eine andre Neuigkeit. Allem Anschein nach komme ich mit October als zweiter Kapellmeister an die Stelle von Ignaz Lachner in die Hofkapelle zu München. – Die Folge davon
wäre, daß ich peu à peu meine Schulden bezahlte, und mich consolidirte, was mir nicht schaden kann, wie Sie wissen. Meinen Sie wohl, daß ich es in München lange aushielte ohne einmal zu Ihnen hinüberzurutschen, oder wenigstens , wenn Sie könnten, ein Rendezvous auf halbem Wege mit Ihnen zu halten? Nein, das meinen Sie nicht. Vielmehr halten Sie sich im Herzen darauf gefaßt, den ungezogenen Jungen bald einmal anlangen zu sehen.
Wie denn, wenn es eines Tages bei Ihnen klopft, Sie rufen: Herein! Ich öffne schüchtern die Thüre; werden Sie mich durchaus nicht sehen wollen? Werden Sie mich weiter gehen heißen?
Sagen Sie mir, meine Beste, daß Sie das nicht thun; sagen Sie mir daß Sie mich scheußlich finden, aber daß Sie nicht aufgehört haben, mir gut zu seyn. Engel, wie Sie, haben nicht nöthig, daß sie Jemand liebe. Aber Scheusale wie unsereins brauchen viel Liebe; sie verschlingen die Neigung einer halben Welt und werden nicht satt davon.
Also ich schreibe Ihnen sehr bald wieder, denn wie gesagt, ich habe Hoffnung, daß es mir besser gehe. Inzwischen seyen Sie tausendmal aus ganzen Herzen gegrüßt von IhremJoachim Raff
Weimar 25. August 1853.