11. 3. 1851
Brief an Kunigunde Heinrich
ID: A01492
| Absender: | Joachim Raff (C00695)
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| Erstellungsort: | Weimar |
| Empfänger: | Kunigunde Heinrich (C00362)
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| Datierung: | 12. März 1851 (Quelle) 11. März 1851 bis 12. März 1851 (ermittelt) |
| Standort: | Bayerische Staatsbibliothek (München) |
| Signatur: | Raffiana II |
| Umfang: | 8 Seiten |
| Material: | Papier |
| Schreibmittel: | schwarze Tinte |
| Incipit: |
Liebe!
Sie werden gewiss wieder das Beispiel der guten |
Sie werden gewiß wieder das Beyspiel des guten sel. Troll riskiren, weil ich Ihnen auf den 25. nicht geschrieben. Aber sehen Sie: nachdem meine Oper am 16. nicht hatte seyn können wegen Krankheit der Primadonna u. Heiserkeit andrer Mitglieder, so wurde sie erst auf besagten 25. dann den 3. März u. endlich den 9. angesetzt. Vorgestern nun war sie endlich. Liszt ist derzeit abwesend u. krank. Ich dirigirte mein Werk selbst. Der Erfolg war so enorm, als man sich hier seit Jahren nicht erinnern kann. Ich hatte das abwarten wollen, um Ihnen ausser meinen herzlichen
Wünschen für Ihren Geburtstag doch auch etwas sagen zu können, was Sie, welche das allmähliche Wachsthum meiner mühevollen Arbeit mit angesehen erfreuen wird, wenn Sie mir noch so freundlich gesinnt sind, als ich es zeitlebens seyn werde, wie ich Ihnen wohl nicht erst heute zu sagen brauche.
Ja, meine Liebe! endlich fange ich an die Früchte so mancher sauren Arbeit zu erndten, deren Zeuge Sie waren, und es darf mein Stolz seyn, daß ich den ausserordentlichen Erfolg dahier nicht sowohl der Protection Liszts, als meinem persönlichen Verdienste zu danken habe.
Liszt ist seit dem 16. wieder abwesend, und somit fiel mir die Leitung der letzten 3 Proben u. der Aufführung anheim. Sollten Sie glauben, daß ich, der ich zum ersten Male an die Spitze unserer ausgezeichneten Capelle gestellt wurde, dirigire, wie wenn ich mit dem Tactstock auf die Welt gekommen wäre? Als ich (nachdem mehre Tage vorher im hiesigen Tagblatte von Liszts Feinden alle möglichen niederträchtigen Angriffe gegen mein Werk geschleudert worden waren,) am 9. abends in die Capelle kam, fand ich die Ouverture aufgeschlagen, ein Lorbeerkranz und duftige Sträuße bedeckten die Partitur; die Veteranen u. jüngeren Künstler empfiengen mich mit ehrfurchtsvollen Glückwünschen u. warmem Hände[2v]
drucke. Das Theater war gedrängt voll. Nach Beendigung der Ouverture, welche in ihrer jetztigen total veränderten Gestalt 18 Minuten spielt, dröhnte das Haus von jubelnden Bravo's und dieser Beyfall steigerte sich bis zum 2ten Acte mit jeder Nummer. Am Schlusse dieses Actes wollte der Applaus nicht mehr enden. Nach dem 3ten ward ich in einem völligen Sturm allein gerufen u. am Schlusse mit den Darstellern. Man pfeift in der Stadt von nichts, als von der neuen Oper. Ich kann keinen Schritt auf die Straße thun ohne von Leuten, die ich zum Theil gar nicht kenne, beglückwünscht zu werden. Der Hof, wo ich gestern war, hat [3r]
sich förmlich für meinen Erfolg verschworen. Der Erbgroßherzog klatschte und rief selbst aus der Prosceniumsloge in einem Fort. Der «König Alfred» , den ich in einer Stunde zum 2ten mal dirigiren gehe, verspricht der Trost unserer Theaterkasse zu werden.
Die alte Frau Großfürstin, welche nicht ausgehen darf, bis sie wieder wohl ist, hat befohlen, daß man die 3te Vorstellung unverzüglich gebe, sobald sie wieder in's Theater kann.
Nach der 2ten Vorstellung.
Obschon heute ein anderer Theil der Abonnente und der ungünstigste Theatertag der Woche war, so fand ich doch wieder ein volles Haus und einen Beyfall. So stürmisch als vorgestern nur mit dem erfreulichen
Unterschiede, daß das Publicum, welches die 1te Vorstellung besucht hatte, bereits durch den [...] Applaus, womit es die Nummern an gewissen Stellen unterbracht, an den Tag legte, daß es sich Mühe gebe, die Pointen der Musik herauszufinden.
Der Sturm nach dem 2. u. 3ten Acte nahm wieder kein Ende. Obschon gerufen, erschien ich erst am Schlusse u. auch da nach langer Nöthigung, weil die Leute nicht anders zu beschwichtigen waren. –
Der Großherzog versichert mich, daß er selbst an der 2ten Vorstellung mehr Gefallen gefunden, als an der ersten.
Der Kammerherr von Ziegesar (Intendant) räth mir mein Werk zunächst in Berlin aufführen zu lassen, wohin mir der Hof alle möglichen Empfehlungen geben wird. Die Kronprinzessin von Preußen , der ich
neulich auch vorgestellt worden bin, ist die Tochter des hiesigen Großherzogs.
In Leipzig gedenke ich die Oper erst zu geben wenn mein Psalm, an dessen Umarbeitung ich vorerst beginne u. meine Sinfonie, die bis Sept. fertig seyn wird, zur Aufführung gelangen können.
Die übrigen Plätze, auf die ich zunächst reflectiren muß, sind Dresden, München, Hamburg, Frankfurt.
Wegen Verlags des «König Alfred» kann ich noch nichts sagen. Er wird wohl zuvor noch an einem 2ten Platze reussiren müßen.
Wenn Sie Logau sehen, so benachrichtigen Sie ihn von meinem u. seinem Erfolge. Ich werde ihm jedenfalls noch diese Woche schreiben und das Textbuch schicken.
Dieses letztere (unter uns beiden gesagt) wird
als nicht sehr kurzweilig allgemein angegriffen werden.
Liszt, Joachim u. Cossmann schreiben Fantasieen über den «König Alfred» und es wird alles gethan werden um mich bey Zeiten zu verewigen.
Es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn ich Sie nicht diesen Sommer sehen sollte. Bis dahin könnten Sie mir wohl wieder mal schreiben, weil Sie in dieser Hinsicht ebensosehr in meiner Schuld sind, als ich in anderer in der Ihrigen.
In Erwartung Ihrer freundlichen Nachrichten grüße und küsse ich Sie viel tausendmal und verbleibe wie stets der IhrigeJoachim Raff
Weimar 12. März 1851