Absender: Joachim Raff (C00695)
Erstellungsort: Weimar
Empfänger: Kunigunde Heinrich (C00362)
Datierung: Januar 1851 (Quelle)
Standort: Bayerische Staatsbibliothek (München)
Signatur: Raffiana II
Umfang: 10 Seiten
Material: Papier
Schreibmittel: schwarze Tinte
Incipit: Liebe!
Wie lange her ist es denn nachgerade,
Liebe!

Wie lange her ist es denn nachgerade, daß ich nicht mehr an Sie geschrieben! Ich weiß, was Sie denken; ohne daß ich Sie sehe und höre sind mir alle Vorwürfe gegenwärtig, womit Sie – aber auch nur Sie alleine – mich zu überhäufen vielleicht ein Recht hätten, wenn ich nicht mehr zu entschuldigen wäre, als es im ersten Augenblicke scheinen könnte. – Hätte ich allemal an Sie geschrieben, so oft ich mir's vorgenommen, oder gar so oft ich mich an Sie erinnert, Sie besäßen einen Folianten meiner unliebenswürdigen Briefe. Danken Sie dem Himmel, daß es nicht so ist. – Ich frage nicht «wie geht es Ihnen? Sind Sie gesund? erinnern Sie sich meiner?» Wäre es anders, war es nicht Ihre Pflicht, es mir zu sagen? Oder sollte das bischen Zeit, der kleine Raum, der uns trennt, Monate und Jahre und die engste Berührung vergessen gemacht haben? Erwarten Sie keine Neuigkeiten von mir! Gewiß ich war in Stuttgart ziemlich fleißig; doch was ich damals that ist Kinderey gegen die Anstrengung, der ich jetzt beinahe erliege. – Anfangs Juli begann ich die Partitur des Lisztschen Prometheus . Die 3 Bände starke Partitur nebst der eines Marsches für Militär


musik und eines Festchores waren in 6 Wochen fertig; alsdann war meine Zeit durch die Maße Proben, durch die Fremden, durch die Correspondenz für die Signale, (wo alle Artikel mit xyz sowie alle Recensionen mit mf von mir herrühren unter anderem die lange Kritik aus Anlaß der lisztschen Illustrations) der Illustrirten Zeitung, und die Deutsche Allgemeine Ztg. in Anspruch genommen. Da Liszt Ende Sept. schon wieder reisen wollte, so war ich auf alle Weise gehetzt. Das Engagement Joachim's das auf meinen Hals geladen ward, führte mich [dreißig?] Male nach Leipzig. October 19. reiste Liszt endlich ab. Vorher ward noch das Definitive über Aufführung des König Alfred festgestellt. Von da ab mußte ich mich nicht nur selbst in den Mittelpunkt unseres Kunstlebens begeben, sondern auch für die Fremden meinen Freund vertreten. Nachdem ich Wagner's Lohengrin , Schumanns Genoveva u. Meyerbeers Prophet , die 3 bedeutendsten Werke des Augenblicks gehört hatte, so fand ich, daß der «König Alfred» in seiner alten Gestalt nicht in's Publicum gehen durfte, wenn es einigermaßen meine Erwartungen rechtfertigen sollte. Ich arbeitete also das Buch um, und machte mich sofort an die Herstellung einer neuen Partitur in welcher kein Blatte der alten stehen bleiben konnte. – Zwei Acte sind bereits ausgeschrieben, d. h. für die Aufführung
in Stimmen copirt, der dritte kommt mir in ein paar Tagen aus der Feder u. der 4te wird auf die Feiertage fertig werden. Am letzten Samstag besuchte mich der Intendant um mich officiell einzuladen, die Proben für mein Werk selbst zu leiten. Am letzten Montag, gestern und heute habe ich die ersten Proben abgehalten. Die Sänger sind sehr gut disponirt, der Intendant, der Regisseur und alles ist über das bisher gehörte erfreut u. von bestem Geiste beseelt. Das Werk wird bis zum 8ten Januar einstudirt seyn. Dann wird eine andre Oper zum Geburtstag des Großherzogs (2. Febr.) einstudirt, jede Woche 1 Repetitionsprobe vom Alfred gehalten und am 3. Febr: beginnen die Orchesterproben. Am 14. u. 15. Febr: morgens sind die Generalproben, wozu unsere Leipzigerfreunde sich jetzt schon mehrfach angesagt haben und am 16. Febr: Abends als dem Geburtstage unserer kunstsinnigen Frau Großherzogin (Schwester des Kaisers von Russland) findet die erste Aufführung statt. Liszt u. der Intendant beabsichtigen bey Hofe die Pensionirung des Hofkapellmeisters Chelard durchzusetzen, und mich an seine Stelle zu poussiren, wogegen einstweilen Nichts einzuwenden ist. –


Liszt, der in Eilsen ist, kömmt erst am 8 Januar zurück. Er war krank, ist aber wieder besser. Die Fürstin, deren Mutter kürzlich starb, ist ebenfalls unpässlich. Wir schreiben uns wöchentlich 2-3 mal, was leider nicht anders zu machen ist, weil wie Sie sich denken können, unsere Verhältnisse darnach sind. Neues habe ich nicht viel geschrieben. Für Klavier allein schon gar nichts. Dagegen mache ich mir das agrêment mir meine fertigen Sachen anständig vorspielen zu lassen. Das Trio haben wir während der Augustfeste von Liszt, Joachim und Cossmann in großer Vollendung gehört. Chorley aus London, der gerade mit in der Soirée war schreibt im dortigen Athenaeum am Schluße eines langen Artikels über unsere Musikzustände «I can only speak further of a pianoforte Trio by Herr Raff, parts of which are excellent and effective. It is, however, enormously difficult: – in its style [...] «young German» , but more orderly and more melodious than many among its contemporaries of the same school. – An opera by Herr Raff has been accepted, – and will be performed at Weymar early in the next year.»

Mein Quartett haben mir David, Joachim, Stör und Cossmann in wunderbarer Vollendung vorgespielt. Ist aber auch ein Virtuosenvölkchen, was man nicht alle Tage zusammenhat.


Das Violoncellstück habe ich mir neulich von Cossmann und Winterberger (einem jungen Schüler von Liszt, der bey mir Composition studirt) vorspielen lassen. Trotz seiner Länge mußten sie's den Anwesenden, die es einstimmig verlangten, wiederholen. Erinnern Sie sich, Liebe, wie viel kindische Händel uns dieses Stück, welches ich für einen gewissen 25. Febr : schrieb verursachte? Was, ich glaube Sie haben Lust, nochmals anzufangen. Ruhig sage ich Ihnen, oder ich küsse Sie, bis Sie stille sind. –

Ein seltsames Stück habe ich neulich geschrieben, ein Nocturne für Clavier u. Geige, was ich David widmete. Ich hab's mit Joachim, mit welchem ich wie mit einem jüngeren Bruder zusammenlebe, gespielt. Es macht einen wirklich merkwürdigen Effect besonders auf die Frauenzimmer – Damen wollte ich sagen. Diese Form gefällt mit selbst auch so, und eignet sich so sehr, um meiner zerwühlten Seele etwas Luft zu schaffen, daß ich den Entschluß gefaßt habe mich derselben für eine ganze Reihe ähnlicher Stoffe zu bedienen.

Meine Lieder lasse ich bey Hofe und in Privatcirkeln singen. Sie gefallen recht wohl, und ich bin erfreut zu sehen, daß sogar Dilettanten recht hübsch damit fertig werden können (mit der Begleitung leider weniger). Ich habe mir den Spaß gemacht die Veröffentlichung derselben zu


beginnen, und schicke Ihnen hier die ersten die ich habe drucken lassen. Ich schrieb sie in 3 Tagen wo ich nicht zu Ihnen gehen konnte, weil wir uns gezankt hatten. Das erste davon hatte ich auf Ihrem Zimmer concipirt. Senff, der die Lieder verlegt hat, drang darauf, daß ich sie Pischek dediciren sollte, wozu ich aufrichtig gesagt wenig Lust hatte, weil sie für ihn passen, wie eine Faust auf ein Auge. Wenn der Reallehrer Fischer noch dort ist, der die Texte davon geschrieben hat, so lassen Sie michs doch wissen, damit ich ihm durch Ebner's ein Exemplar schicken kann.

Nun ist dieser Brief wieder liegen geblieben bis heute, weil ich nicht daran kommen konnte, weiter zu schreiben. Das kommt Ihnen seltsam vor, meine Gute. Ja sehen Sie, ich könnte wohl manchmal hinsitzen und Ihnen schreiben, z. B. Abends 11 Uhr wenn ich vom Soupiren heim komme, mein Zimmer eiskalt und mein Kopf wüst und müde ist, oder Mittags nach Tische anstatt Kafe zu trinken und meinen Indigestionen auszulaufen u. s. w. Aber da ist man denn immer miserabel aufgelegt und froh wenn man keine Dinte sehen muß. Meinen vorletzten Christabend brachte ich bey Ihnen zu, Liebe, den letzten in Eilsen, den diesjährigen bei meinem Regisseur Genast, wo neben dem großen Familienbaume ein sehr kleiner überaus zierlicher für mich stand, welchen (lachen


Sie nach besten Kräften) eine sehr schöne junge Dame für mich bereitet hatte. Ja nun, was sagen Sie dazu, wenn sich in mich häßlichen ungeberdigen Menschen einmal Jemand wirklich verliebte. Sie denken sich’s gar nicht möglich. Aber ich fürchte es ist so. Ich fürchte sage ich; denn Sie wissen wie ich, daß ich [...] um mich zu verlieben, oder gar zu heyrathen keine Zeit habe. Doch um von Ernsthafterem als solchen Kindereyen zu sprechen, sagen Sie mir lieber recht bald, wie’s Ihnen geht, recht weithläufig und ausführlich.

Was macht Logau? Denken Sie sich wie einfältig der gute Mensch sich benimmt. Er weiß nun doch, daß Liszt hier von sehr wesentlichem Einflusse ist. Anstatt nun sein Stück (in der Ueberarbeitung) an mich zu schicken, wo ich’s dann diesem gegeben hätte, der es selbst dem Intendanten bei günstigem Wetter [...] empfohlen haben würde, schickt er es, ohne uns von etwas zu unterrichten an H. v. Ziegesar. Der hatte nichts eiligers zu thun, als es Jaffé (einem Schauspieler, Characterdarsteller) zu schicken, der denn auch nicht viel Gutes davon sagte, so daß Ziegesar den Logau sogleich abschlägig beschied und wir erst lange nachher davon erfuhren, als die Sache nicht mehr adressirt werden konnte. Ist das nicht einfältig?? –

Nun ist heute Neujahrstag und mein Brief liegt noch immer da, ohne daß ich Aussicht hätte, ihn zu endigen. Sehen


Sie dieses zu frühe Auskommen mit der Zeit, die mir nirgends langt, ist mein Jammer. Wie hab’ ich mich in den letzten Tagen oft an Sie erinnert, wie oft wünschte ich, in Ihren 4 Wänden auf nur ein paar Minuten wenigstens bey Ihnen zu seyn. Aber das hülfe mir Alles nichts, gar rein nichts. Gleichwohl kann ich mich nicht enthalten, Ihnen wenn auch nur in aller Hast, heute wie so oft, wieder zu sagen, daß Sie mir stets nahe stehen werden, daß ich bei jedem gelungenen Werke, jeder guten Handlung mich gerne Ihrer erinnere und mir wünsche, mich alsdann an ihrem freundlichen Beyfall zu erlaben, der mir, wie Sie wissen, um Ihres trefflichen Gemüthes, um Ihrer feinen Gefühles willen stets theuer bleiben wird. Nehmen Sie heute die vereinten Wünsche aus so vielen trüben und frohen Stunden meines Lebens für Ihr dauerndes Wohl entgegen gepaart mit dem Ausdruck eines nie erlöschenden liebevollen Andenkens und steter Dankbarkeit, wie man sie Wesen zollt, die so glücklich sind mehr Engel als Mensch zu seyn. Glauben Sie, daß es mir zur schönsten Genugthuung gereichen wird, mich einst auch Ihrer Hochschätzung so werth zu zeigen als Sie es von meinem guten Willen, von meinem geringen Talente und meinen oft bedrängten, aber nicht tugendlosen Gemüthe nur immer erwarten können. Bleiben Sie mir, ich bitte Sie darum, im Jahre 51 so gut, als ich weiß daß Sie es im vergangenen waren, und lassen Sie mir das Bewusstseyn, mindestens in Ihrer Erinnerung mit meinen wenigen guten Seiten nicht erstorben zu seyn, wie sehr auch Zeit und Raum
uns den Ausdruck unserer warmen freundschaftlichen Gesinnungen erschweren mögen.

Wenn Sie mir (nächstens – wie ich hoffe) ein paar Zeilen zukommen lasse, so schreiben Sie mir etwas über die Aufführung des «Diamantkreuzes» , obschon dieser Schmarren von einer Oper nicht verdient berücksichtig zu werden, so scheint mir’s doch, als ob Lindpaintners wieder einmal für gut gefunden hätte, den Miserablen zu spielen.

Haben Sie von Lindpaintners neuprojektirter Oper die er mit Lewald zusammenschreibt, etwas in Erfahrung bringen können? Wie sieht’s damit aus?? –

Erkundigen Sie sich gelegentlich über die persönliche und offizielle Stellung Dingelstedts. Dieser Herr hat, wie soviele andere in Stuttgart während meines dortigen Aufenthaltes eine Zeit noch Mühe genommen, sich im mindesten um mich zu bekümmern. – Er war bestens erstaunt, daß ich der erste und einzige Mensch war, der ihn bey seiner Ankunft in Empfang nahm, hat sich indeß während seines Hierseyns anständig und zuvorkommend gegen mich benommen. Man geht hier mit dem Plan um, den Theater-Etat zu erhöhen, und ihn alsdann in der Eigenschaft eines Dramaturgen anzustellen. – Entre nous toute ça!

Wie ich von unserm Harfenisten Müller höre wird Gottlieb Rönger [?] diesen Winter hieher kommen, indem er nämlich in Leipzig zu spielen u. einen Abstecher noch [...] Weimar zu machen gedenkt.


Litolff u. Marie Wieck kommen demnächst auch her und Gott wer weiß noch.

Reißiger schreibt mir, daß er auch zu meiner Oper herkömmt. David, Senff, Kistner u. andere werden ebenfalls zu diesem Zwecke hier anlangen, so daß ich ganz und gar von Vergnügen und Bewunderung umgeben seyn werde. Wie jammerschade, daß Sie nicht da seyn können, um sich an einem Werke zu ergötzen, dessen Entstehung uns beiden so viele bange und lange Stunden gemacht hat. –

Ueber den Erfolg des «König Alfred» schreibe ich Ihnen unter allen Umständen ausführlich. Ebenso werde ich Ihnen alles Bedeutende, was ich drucken lasse stets einsenden. Das kleine Lied welches Sie mir mit Ihren lieben Zeilen vom 25. August schickten, werde ich bey erstem, wo ich hinlänglich Musse habe in Musik setzen.

Ich schließe hier endlich lediglich um zu schließen; sonst bleiben diese Zeilen noch ewig lange liegen.

Ich weiß nicht einmal ob Sie alles lesen können werden, so häßlich hab' ich geschrieben, wie Sie sehen.

Leben Sie wohl u. so glücklich als Sie es verdienen.

Unwandelbar Ihr


Joachim Raff

Weimar am Neujahrstage 51.

Zitiervorschlag: Raff, Joachim: Brief an Kunigunde Heinrich (1. 1. 1851); https://portal.raff-archiv.ch, abgerufen am 16. 10. 2026.