24. 2. 1850
Brief an Kunigunde Heinrich
ID: A01489
| Absender: | Joachim Raff (C00695)
|
| Erstellungsort: | Weimar |
| Empfänger: | Kunigunde Heinrich (C00362)
|
| Datierung: | Quelle undatiert |
| Standort: | Bayerische Staatsbibliothek (München) |
| Signatur: | Raffiana II |
| Umfang: | 18 Seiten |
| Material: | Papier |
| Schreibmittel: | schwarze Tinte |
| Incipit: |
Liebe!
Gewiss machen Sie mir Vorwürfe, wenn ich Ihnen lange nichts schreibe. |
Liebe!
Gewiß machen Sie mir ein Vorwurfe wenn ich Ihnen lange nichts schreibe. Weder meine Person, noch meine Erlebnisse, weder meine Gefühle noch meine Art, dieselben an den Tag zu legen könnten, je Interesse genug für Sie haben um Ihnen jene Empfindung zu erwecken, welche uns quält, wenn wir unbewußt von der Unbehaglichkeit des «Vermissens» überrascht werden. Anders ist es bey mir. Wenn ich, oder vielmehr wenn sich meine arme Seele einmal an etwas gehängt hat, so gleicht sie einem Rade, welches nicht mehr gehen kann, wenn die Axe, um welche es sich dreht, ihm entrissen wird. So, wenn ich des Morgens aus der Thüre meines Schlafzimmers trete, fällt mein erster Blick auf den gegenüber hängenden kleinen «Dresdenerwandkalender» und dieser stumme Zeitmesser überhäuft mich alsdann mit Vorwürfen, deren Wesen Ihnen zu erklären wenn nicht unmöglich doch überflüssig wäre. – Auf besagtem Kalender ist der 12. Januar als der letzte Posttag an Sie angemerkt. –
Eine Zeitlang sagte ich zu mir: was du zu schreiben hast, wird ihr das Lesen nicht verlohnen, dann fiel mir ein, daß Sie mir noch auf 2 Briefe nicht geschrieben hätten, und daß ich überhaupt vom 7 Dec. ab nichts mehr von Ihnen gehört hätte, dann aber trat eine Zeit der Thätigkeit für mich ein, welche mich an der Erledigung meines Vorhabens des Gänzlichen verhinderte. In der That, wie sehr sich auch der Stoff zu meinem Briefe angehäuft hat, und wie dringender auch tagtäglich für mich das Bedürfniß wurde, Sie wieder zu sehen und mich auszuplaudern, so wäre ich doch auch heute noch nicht dazugekommen diese Blätter zu fertigen, wenn nicht eine kleine Alteration meiner Gesundheit die Kette meiner schweren Arbeiten auf einen Tag unterbräche, und mir eine doppelte Erholung geböte, indem ich nicht nur nichts Lästiges sondern etwas recht Erwünschtes und Liebes zu beginnen im Stande bin. – Es ist zwar heute Sonntag und während ich dieses schreibe, drängen sich die Christen aller Confessionen in die Heiligthümer ihres Cultes; allein wir, die Priester und Bekenner der Kunst, wir haben nie Feiertage, als wenn ein wirkliches Bedürfniß, oder der Mangel an Arbeit – von innen
oder von aussen – uns dazu veranlaßt. – Ich sagte eben, es ist Sonntag; und Sie können sich denken wie nahe mir die Erinnerung tritt, daß ich an diesem Tage das Privileg hatte mich länger als sonst in Ihrer Nähe zu halten, – ein Privileg welches ich noch mit keinem andern vertauscht habe, und auch nicht zu wechseln gesonnen bin. – Noch ist es Morgen, aber ich versetze mich gleichwohl in jene Mittagsstunden, wo ich gewöhnlich auf unserm Stübchen anlangte, wenn Sie noch schliefen oder eben geschlafen hatten und alsdann unerbittlich alle angenehmen Träume und Illusionen durch das Rauhe und Intolerante meiner sehr unliebenswürdigen Gegenwart verscheuchte. Vergeblich suchten Sie Schutz in ihrem kleinen Nebenzimmer, vergebens beschäftigten Sie sich mit der Kafeekanne. Es war mir nicht auszuweichen. Öfters holten Sie mir, wie man es wirklich bey ungezogenen Jungen thut, die sich nicht anders beschwichtigen lassen, ein Stück Kuchen oder Zuckerbrod. Allein auch dann noch schwieg ich kaum so lange, als ich es verzehrte, und war hernach nicht wieder zu beruhigen. – Diese entsetzlichen Zeiten sind einstweilen für Sie vorbey. Allein weit entfernt die Spur derselben durch ein voriges Schweigen zu tilgen, worauf Sie durch Ihre maßlose Geduld gewiß allen Anspruch hätten, sinne ich jetzt mit einer Beharrlichkeit, die eines edleren Zweckes würdig wäre, darauf, Ihre Augen in dem Maße zu mißhandeln als ich es seiner Zeit mit Ihren Ohren durch Wort und Ton gethan habe. –
Es war mir so trüb in der Seele, wie es mir in meiner jetzigen gänzlichen Vereinsamung jetzt oft ist, als der Austräger der Hoffmannschen Buchhandlung mit einem Paquet für mich ankam, welches mir Ihre, Logaus und Bocks Nachrichten überbrachte.
Ich instrumentirte eben die Heroide funebre von Liszt , und die breiten trüben Motife, denen ich noch jene dunklen instrumentalen Tinten verleihen sollte, welche in uns die Gedanken an die letzten Dinge von uns allen erwecken, durchdrangen meine Empfindung. Ich griff mechanisch nach dem Paquete; meine Melancholie hatte einen hohen Grad erreicht und ich verdankte diesem Umstande einige technische Inspirationen, die meinem Freunde Ausrufungen der Freude und des Staunens entlockten. Der Austräger entfernte sich und ich arbeitete ruhig weiter. So überraschte mich das Zwielicht, und erst nachdem ich merkte, daß ich keine deutliche Note mehr aufs Papir brachte, erhob ich mich aus der gekrümmten Haltung am Schreibtisch, die ich leider nie habe abgewöhnen können. – Noch litt ich unter dem Eindrucke meiner Arbeit und indem ich ein paar Mal durchs Zimmer gieng hob sich mir die Brust zu jenem krankhaften Zucken, welches ich immer empfinde, wenn ich während der Arbeit unbewußt den Athem anhalte und durch die seltsame Art meiner Gefühlsweise in jene Art der Exaltation gerathen bin, wo eine Art von Fieber alle Regelmäßigkeit meines Pulses aufhebt. Mählich ward ich ruhiger und warf einen Blick auf die fertige Partitur. Der böse Traum war vorbey; eine ruhige Zufriedenheit mag meinem häßlichen Gesicht zur Stunde einen erträglichen Ausdruck verliehen haben, und in dieser Stimmung nahm ich das Paquet zur Hand. Das Logausche Stück war das erste was mir auffiel, dann Bocks Brief, aber ich las weder das eine noch das andere, sondern erbrach mit Hast ein zierliches Couvert, in welchem sich Ihre lieben Zeilen befanden. –
Ist es Ihnen schon vorgekommen, daß ein Reisender, der von langem beschwerlichem Marsch kommend zu Tische sitzt, in seinem
Heißhunger nicht Abwarten kann, bis eine zweite oder dritte Speise vorgesetzt wird, sondern sofort die erste bis zu Rest verzehrt? Nicht anders ergieng es mir mit Ihrem Brief, dessen erster Satz ich, ich weiß nicht wie viele Male durchlas, bis ich weiter kam. – Wenn Sie mich hätten sehen können, so hätten Sie ohne Zweifel die Ueberzeugung gewonnen, daß Sie nur etwas öfter schreiben müssen, als jede 2 Monate einmal, welches beiläufig gesagt für Sterben zu viel für Leben aber allerdings vor dem Richterstuhl der kühlsten Vernunft zu wenig ist, geschweige denn von dem eines treuergebenen Herzens.
Da so manches was in Ihrem kleinen Briefe vorkommt zumeist in meinen geringen Nachrichten erledigt werden kann, so erlauben Sie mir, daß ich mich neben Sie setze und Ihnen davon weitläufig plaudere. –
In meiner Beziehung zu Liszt ist ein zweites Stadium eingetreten welches ich voraussehen konnte, von dem ich aber nicht so frühzeitig überholt zu werden fürchtete. – In Eilsen und noch zu Anfang unseres hiesigen Aufenthaltes gefiel sich mein Freund in einer gewissen Sicherheit des Benehmens, die mir die Ueberzeugung einflößen sollte, wie wenig ich für ihn ein wirkliches Bedürfniß sey. In Allem gab er so ungefähr zu erkennen, daß jeder das für ihn machen könnte, was er verlange, daß ich den Vorzug habe, meine Copien reinlicher zu halten, und daß ausser diesem überhaupt nicht viel mehr verlangt werde. – Als ich nach Weimar kam, nahm niemand Anstand mich für den Mann anzusehen, der die Arbeiten Liszts in einem ganz andern als oben bezeichneten Sinne herzustellen hätte, und behandelte mein geringes Talent mit aller
Achtung. Als aber Fragen an mich gestellt wurden ob ich nicht in diesem Sinne bethätigt sey, nahm ich natürlich keinen Anstand, Liszts Ehre bestens zu wahren. – Nachdem von mehren Seiten, die offenbar von Liszt instruirt worden, vergeblich Versuche gemacht waren, mir irgend ein ungeschicktes Wort zu entlocken, faßte mein Freund endlich eines Tages ein Herz und gieng mich um Instrumentationen an, er gieng nachdem ich darin sehr befriedigendes geleistet noch etwas weiter, und wir sind jetzt dahin gediehen, daß ganze Stellen in den neuern Sachen Liszts ebenso wenig mit der Feder Ihres genannten Verfassers vertraut sind, als gewisse Passagen in meinem 15. Werk von Joachim Raff herrühren. Ich bitte Sie dringend diese Stelle meines Briefes für sich zu behalten. Ich würde Ihnen nicht einmal eine derartige Eröffnung machen, wenn sie nicht nothwendig wäre, um manches, was schon da ist und noch kommen kann, in's richtige Licht zu setzen. Ich würde mich z. B. nie dazu verstehen können, meinen Eltern derartiges mitzutheilen. Sie aber, die meine Bestrebungen, Wünsche, Leiden und Hoffnungen kennen, und die ich auserlesen habe, um über meinem Geschicke zu wachen, was nur ein edles und gutes Herz, wie das ihrige thun kann, Sie müssen meine diesseitige Beziehungen kennen, um über gewisse Thatsachen, die früher oder später sich ereignen können, klar urtheilen zu können. – Seyen wir also aufrichtig gegen einander. Ich habe den Augenblick keinen Mendelssohn, der als letzte Autorität sich für mich in die Bresche stellen könnte, und dessen Machtspruch mir das große Thor ins Publicum öffnete. Ich kann also meine Carrière blos dadurch machen, daß ich der Kunst indirect auf ein paar
Jahre entsage und mir die Geldmittel erwerbe, welche mich in den Stand setzen können, meine Carriere unabhängig und in Muße zu betreiben. Hiezu wäre wohl nach allem was ich jetzt erfahren habe Paris am besten, weil ich dort als Componist diesen Augenblick hübschen Erwerb hätte; – oder aber ich muß mich Liszt so unentbehrlich machen, daß er mir hernach gewisse Forderungen nicht abschlagen kann. – Endlich liegt in der Ferne die Möglichkeit, beide Wege zu vereinigen, – wenn nämlich, was nicht ausbleiben kann, wenn Liszt sich halten soll, – wir alle nach Paris aufbrechen. –
Der erste Weg ist mir jetzt zu riskant. Schuberths Anerbieten habe ich nach reichlicher Ueberlegung Ende Januar bis wohin ich Zeit zur Entscheidung hatte, nicht angenommen. – Gebe ich mich in seine Hände, so schließe ich die Kunstwelt in ihren edleren Theilen hinter mir ab, und werfe mich einem Commerce in die Arme, dessen Chancen mir ganz und gar verderblich werden können. – Liszt, der einzige Freund an dessen Fürsprache und im äussersten Falle an dessen Caße ich appelliren konnte, war alsdann genöthigt sich jemand anders zu suchen und der Riss zwischen uns erweiterte sich dann mit jeder Stunde. Setzen Sie noch den unglücklichen Fall einer neuen Revolution, oder eines neuen Krieges, so liegt ein Schaden des Schuberthschen Geschäftes nahe, der sofort auf mich rückwirken müsste. Ich habe also das zweite gewählt und bin beflissen mein Attachement an Liszt so eng als möglich zu machen, so daß er mich nicht abstreifen kann, ohne sich selbst einen empfindlichen Schlag zu versetzen. Da die Fürstin in unser beider Geschick hier wesentlich eingreift, so erlauben Sie mir hier über diese Beziehung, die wenigen geläufig ist, ausführlicher zu seyn. –
Ich ward gestern unterbrochen, Liebe, und da ich Abends ins Theater gieng, um die Musik zur Athalia von Mendelssohn u. die 9.te Sinfonie von Beethoven anzuhören, wie es mein musicalisches Gewissen nicht anders erlaubte, so konnte ich meinen Brief nicht fortsetzen. Ich bin wieder so in Anspruch genommen, daß ich kaum diesen Augenblick finden konnte um Ihnen guten Tag zu sagen, und Ihnen das Beste für Ihren Geburtstag zu wünschen, der heute ist. Glücklicher weise für Sie bin ich heute nicht bey Ihnen sonst würde ich Sie wenigstens hundertmale in einer Minute küssen, vollends gar, wenn Sie mir nicht ausweichen könnten, wie vor einem Jahre, wo Sie leider so unwohl waren, daß Sie das Bette hüten mußten. Hoffentlich erleben Sie den heutigen Tag in guter Gesundheit und doppelt glücklich, weil Sie sicher sind, von Ihrem Plagegeiste nicht heimgesucht zu werden. Ich rathe Ihnen auch dies Glück recht in vollen Zügen zu genießen, weil es sehr ungewiß ist, ob Sie's aufs Jahr noch haben werden. Sie lachen? Weinen Sie vielmehr, denn wenn es hier etwas erträglich geht, so bin ich im Stande, einen weiten Weg zu machen, lediglich in der Absicht um Ihr Leben wieder mal auf einen Tag zu verbittern.
Aber ich kann heute nicht weiter schreiben, mein Schreibtisch ist völlig mit Arbeiten übersäht, also auf baldig Wiedersehen, Liebe!
Du liebe Zeit! Ich verließ meinen Brief in der Meinung, des andern Tags wieder daran fortzufahren, aber meine Hoffnung hat mich arg betrogen. Ich hatte mir eine Menge Dinge gemerkt, die in meinen Zeilen Platz finden sollten, aber täglich gab es was neues, was jetzt noch dazu kommen soll, und nun bin ich förmlich in der Enge, weil ich fürchte Sie durch einen Brief, der ein kleines Buch zu werden droht, allzusehr zu ermüden. Ja sehen Sie, warum sagen Sie mir, daß Sie mich lieb hätten!
Ich bin vorne bei der Frau Fürstin stehen geblieben. –
Also sehen Sie: diese Fürstin ist eine geborene Caroline Ivanowska also aus altadelichem Hause. Ihr Vater war Russischer Feldmarschall. Ihr Gatte war der Capitän Nicolas-Sayn Wittgenstein.
Die Frau ist jetzt 31. Jahre alt. Ihre Mutter lebt noch. Beiderseits war ein enormer Reichthum da. Der Fürst scheint ein langweiliger Gesell gewesen zu seyn, an den die Fürstin frühzeitig verkuppelt wurde. Er überließ ihr zum Beispiel die ganze Bewirthung der Güter bey Woronice und durch sein schwaches Benehmen isolirte er die Frau vis-à-vis der Gesellschaft völlig. Andrerseits machte die Fürstin vermöge Ihrer Bildung Ansprüche, die ein Mann der blos etwas gutmüthig war, nicht genügen konnte. Anno 46. kam Liszt in die Gegend, und die Fürstin verliebte sich so schrecklich in ihn, daß sie ihn, der mit einem hübschen Mädchen weiter reiste, nacheilte, Ehre, Vermögen u. Alles zu Füßen legte, was denn Liszt nicht ohne große Bedenken endlich annahm. Allein es ist aus der Ehe mit Wittgenstein eine Tochter vorhanden, ein Kind von etwas schwacher Gesundheit, voll Kenntnissen und Verstand, einer rührenden Unterwürfigkeit unter ihre Mutter und trotz ihrem Alter von blos 13-14 Jahren schon ziemlich ausgebildetem Character, ein Kind mit schönen blassen Zügen, großen braunen Augen u. Haaren. Alle dieses Kinds und anderer Rücksichten willen, wollte sich der Fürst nicht scheiden lassen, und nachdem das Kind (weil noch nicht majorenn) dem Willen der Mutter gemäß hiehier nach Weimar kam, so wurde der Fürst beim Kaiser klagbar. Es wurden der Fürstin Termine gesetzt, bis zu welchen sie zurückkehren sollte; allein sie weigerte sich, und es wurde demnach die Confiscation ihres großen Vermögens verhängt, so daß ausser ihren zahlreichen Kostbarkeiten von hohem Werth sie nichts besitzt, als was ihre Mutter ihr geben kann, die Zinsen die die Prinzessin Marie erhält gehen alle so fort an die Bank. In ein paar Jahren wird dies Kind majorenn, und nimmt von seinem großen Vermögen Besitz. Es fragt sich dann, wie es sich gegen die Fürstin benehmen wird. – Der Stand der Sache ist nun einfach: Liszt kann die Fürstin nicht heirathen (was er, zu seiner Ehre sei es gesagt, thun wird) bis sie die nöthigen Papiere dazu aus Russland bekömmt, wozu jetzt endlich gegründete Hoffnung vorhanden seyn soll. –
Vor diesem Ereigniß kann er durchaus nichts anfangen; spielen läßt ihn die Fürstin nirgends, weil sie fürchtet er könnte ihr untreu werden. Auch kann sie ohne ihn nicht leben und wenn sie ihm irgendwohin nachreist, so kann er sie nicht vorstellen, wie Sie sich leicht denken können. Unter solchen Umständen werden Sie's natürlich finden, wenn Liszt nach einer ruhigen Componisten-Carrière trachtet.
In den ersten Tagen, als ich in Eilsen war, mißhandelte mich die Fürstin auf alle Weise, um mich wieder loszukriegen, weil sie fürchtete, ich könnte den Ehrgeitz Liszts zu sehr in Arbeit nehmen. Als sie dann sah, daß ich mich ebensowenig darum kümmerte als Liszt, so that sie einen Schritt zur Annäherung. Nachdem ich mich hinlänglich abstoßend gegen sie benommen hatte, so fieng sie an, Liszt zu sagen, sie glaube nicht daß ich ein Musiker sey, dies trieb sie soweit, daß sie auch andern Leuten, wie Stör und Belloni die Frage vorlegte, ob sie denn glaubten daß ich wirklich musicalisches Talent besäße. Sie gieng so weit, mir selbst zu einer mathematischen Carrière zu rathen. Nachdem mir aber von allen Seiten die ehrenvollsten Zeugnisse über meine Fähigkeiten ertheilt wurden, und ich sie endlich in Gegenwart anderer mit einem Hohn zu behandeln anfieng, der jedermann auffiel, brach sie zusammen. Nach einer Reihe von Demüthigungen, die ich sie bis auf die Hefe kosten ließ, wurde sie geschmeidig wie ein Lamm. In ein paar Unterredungen, um die sie mich bat gab ich ihr meinerseits die Versicherung, daß ich nichts gegen sie unternehme, sondern im Gegentheil ihren Absichten günstig seyn wollte, weil die Consolidirung Liszt's auch mein Wunsch sey: Sie versicherte mich andrerseits, daß ich auf ihre Freundschaft rechnen könnte, und daß sie für mich thun wollte was in ihren Kräften stehe. – Liszt konnte bei alledem nur ein stummer Zuschauer bleiben. Er wünscht mich zu behalten und die Fürstin kann er nicht wohl verlassen. Unsere Vereinigung ist daher ein wahres Glück für ihn. –
Bei alle dem ist es ein schlimmer Punkt. Die Liebe dieser Frau reibt meinen Freund auf und die Art, wie sie ihn in ihrer Blindheit hätschelt (musicalisch ist sie gar nicht) und alles was er
macht, sublime und divine findet ist dem Zutritt der Wahrheit oft sehr hinderlich. – Die Mutter Liszts und sein alter Secretair Belloni waren 2 Monate da und sind am letzten Sonntag wieder nach Paris gegangen. Die Mutter ist eine alte wohlconservirte Unteröstreicherin von 58-60 Jahren, die noch wenigstens 20 Jahre leben kann. Die Art wie Mutter und Sohn mit einander verkehrten war oft wirklich rührend. Gleichwohl sehnte sich die gute Frau zu ihren Enkeln, ihrem kleinen Hunde und 12 Kanarienvögelein nach Paris zurück. Belloni that als ob zwischen Liszt u. mir nie was vorgefallen wäre. Er benahm sich in allem recht nett gegen mich und es wird im Sommer seine Sorge seyn mich in Paris bekannt zu machen, damit wenn ich nächsten Winter hingehen will, keine Introduction mehr nöthig sey. Zu dem Ende sollen 6 Klavierstücke von mir bey Escudier in Paris publicirt werden, die noch nicht gemacht sind, eines davon soll Escudier's Zeitung beigelegt werden, eine Orchestercomposition von mir soll zur Aufführung kommen, und endlich sollen über diese Sachen in 3 verschiedenen Zeitungen Artikel erscheinen. Ohne zu untersuchen was an diesen Anerbietungen ist, so sind meine Freunde doch die Leute, die das fertig bringen können; wenn ich nur erst mal was für mich thun könnte. Belloni hat gealtert, er ist von seiner Frau geschieden. –
Meine Sinfonie liegt angefangen da, mein Quartett, was sie mir hier schon so oft spielen wollten ist noch nicht fertig, nicht einmal die Uebertragung von [Notenbeispiel] die ich noch bey Ihnen anfieng ist beendigt. Dagegen habe ich freilich für Liszt tüchtig geschanzt. Sein zweites Concert ist fertig, sein Solo habe ich instrumentirt u. 2 Mal copirt. Von seiner Messe für 4 Stimmen habe ich eine Copie gemacht u. die erste Nummer instrumentirt. Die Copien 4 religiöser Chöre und eines Duo für Klavier u. Violine was noch gemeinschaftlich mit dem seligen Lafont geschrieben wurde,
sind schon in Paris, Belloni nahm sie mit. Eine Heroïde funebre instrumentirte ich, deßgleichen «Die Macht der Musik» , das Gesangstück , was ich ihnen einmal zeigte, und den Göthemarsch . Letzteres ist mein erstes orchestrales Debut. Sie müssen nämlich wissen: Dieser Marsch welchen Schuberth für Klavier gedruckt hat, ist hübsch. Er wurde aber beim Göthefeste mit der Liszt-Conradischen Instrumentation aufgeführt. Nachdem ich einen Blick in die Partitur gethan hatte, sagte ich zu Liszt: Mag das gemacht haben wer will, es taugt nichts. Er drauf: Wenn man etwas tadelt, so muß man's auch besser machen können. Ich nahm die Klavierausgabe und setzte mich hin. In einem Tage war die neue Instrumentation fertig, und ich schrieb sie sogleich sauber ab, und gab sie zum Ausschreiben. Ich gestehe Ihnen, daß mir das Herz etwas klopfte, als am letzten Donnerstag die Stimmen zur Probe aufgelegt wurden war ich nach dessen, was ich gelernt habe, sicher, so zitterte ich doch vor den Zufälligkeiten, denen man ausgesetzt ist. Aber siehe da! Der Marsch brauste bestimmt, breit u. majestätisch einher und trotzdem manches hinzugekommen war, wovon Liszt nichts geträumt hätte, und was im Original u. der alten Instrumentation auch nicht stand, so wurde er doch zu unserer Freude fast im ersten Male leicht und fehlerlos heruntergespielt. – Sie können sich denken, daß mein Freund einigen Respect bekam. Zu seiner Ehre muß ich hier anmerken, daß er Niemand verhehlte, daß die neue Instrumentation von mir sey. – Ich bin nun mit der Umarbeitung der Tasso-Ouvertüre beschäftigt aus der ich ihm eine Sinfonie in 2 Sätze zu machen gedenke.
Fortwährend besorge ich auch einen Theil der Lisztschen Correspondenz, darunter habe ich neulich eine Memoire über die Göthestiftung von etwa 45 Seiten Länge aus dem Französischen übersetzt und 2mal copirt (Es war für den Erbgroßherzog bestimmt). – Im übrigen lebe ich ziemlich einförmig. – Mein Umgang ist beschränkt, obwohl ich's anders haben könnte. Meinen Spaziergang nach Tisch mache ich regelmäßig mit dem künftigen «König Alfred» , Herrn Milde, der eine schöne Stimme hat. Von Opern sah ich:
Vampir von Marschner , Iphigenie in Aulis von Gluck (über die ein Aufsatz von mir wahrscheinlich in der Theaterchronik erscheint; ich besitze nämlich das Vertrauen der Intendanz, der ich meine Artikel gebe.), Freischütz, Tannhäuser, Fidelio, Martha, Hochzeit des Figaro. Der König Alfred wird, wenn es nicht Scandal zwischen Liszt u. mir absetzt, wahrscheinlich im September angefangen und wird dann etwa Mitte October herauskommen. Jedoch habe ich mich überzeugt, daß ohne sehr viele Kürzungen und Aendrungen die Oper leiden wird. Manches gefällt mir nicht mehr seitdem mir das Werk etwas fremd geworden ist. –
Concerte waren hier: eines der Bürgerwehr ohne Bedeutung, eines vom Stadtmusikus, wo man die 3. Sinfonie von Gade, das Esdurconcert von Beethoven und die Tasso-Ouvertüre von Liszt zu hören bekam, die letztere ein verfehltes Product voll Klaviereffecte, mit dem ich jetzt sauber umgehen werde. Endlich das Göthestiftungsconcert mit der Athalia u. 9. Sinfonie. –
Hofconcerte waren schon sehr viel, aber ich konnte noch nicht hingehen, weil ich noch nicht bey Hofe vorgestellt war. Längst hatte Liszt gewünscht, daß ich die Alfred-Ouvertüre geben sollte, deren Kosten das Hofamt bereitwillig zu tragen sich erbot. Allein ich wollte nicht das Schicksal meiner Oper auf den unsichern Beifall der Ouvertüre setzen. Die letzte Woche nun, wo ich wieder sehr beschäftigt war, weil, wie Sie aus beigelegtem Zettel sehen, die Bergsymphonie und der uminstrumentirte Göthemarsch bei Hofe aufgeführt werden sollten (erstere in Eilsen angefertigt) benutzte Liszt die Gelegenheit mich zu introducieren; er erwischte aus dem Klavierauszug des Alfred den Canon mit dem Hornsolo [Notenbeispiel] ließ ihn heimlich von Belloni ausschreiben, und probirte ihn in einer Theaterprobe. Das Stück wies sich als etwas zu kurz, allein man sagte mir nichts bis am Freitag. Am Samstag früh componirte ich noch 20 Tacte hinzu welche eine sehr wirksame Steigerung enthalten. In der Generalprobe fügte ich diesen Zusatz den Stimmen mit Bleistift bey, und es affectuirte zu meiner Freude sehr gut. Danach schreib ich die Stimmen rein, mit Ausnahme der Liszt'schen, die ich seiner Discretion überließ, wir hielten um 11. Sonntag früh eine kleine Nachprobe, und abends gieng das Stück prächtig los. Liszt accompagnirte wundervoll und die Sänger thaten ihre Pflicht. Die Frau Großherzogin Kais. Hoh., der Erbprinz und die Erbprinzessin überhäuften mich mit den schmeichelhaftesten Complimenten. Liszt hatte mich dem Prinzen, mit dem er sehr intim steht, als seinen alten Freund u. Begleiter vorgestellt, und unterhielt den Großherzog längere Zeit angelegentlich über mich, die Fürstin that dasselbe bei der Frau Großherzogin. Die Erbprinzessin ließ mich durch den Intendanten des andern Tages um eine Abschrift des Quartettes und durch Liszt um irgend eine andere Nummer bitten, die sich für ihre Stimme eigne. Sie ist eine hübsche
junge Frau mit hohem Sopran (eine Schwester des Königs von Holland, also die Schwägerin unserer Prinzessin Sophie). Das Quartett wurde am Schluße des Concertes da Capo verlangt. Allein dieser kleine Triumpf dessen ich mich öffentlich freuen durfte ergötzte mich nicht einmal sosehr als ein anderer geheimer. Der Göthemarsch war auch Da Capo verlangt worden, sonst aber gar nichts als diese zwei Stücke. – Früher dachte niemand daran diesen Marsch Da Capo zu hören. – Das Kullaksche Concert ist etwas mager an großen Ideen. – Von Opern die zunächst hier gegeben werden nenne ich den Graf Ory, dessen Aufführung ich heute in der Weimarschen Zeitung durch einen Artikel vorbereitet habe, da er schon nächste Woche in Scene geht, die Favorite von Donizetti und Tell, sowie eine kleine Oper von Hoven (Vesque von Püttlingen): Für den «Propheten» langen unsere Kräfte nicht. Von classischen Stücken im Theater hatten wir bis jetzt blos «Götz von Berlichingen» und «Tell» . Die Lustspiele u. s. w. , die man jetzt zum besten giebt interessiren mich nicht, doch gieng ich einmal in die «Irrungen» von Shakespeare.
Von den reisenden Künstlern interessirten mich blos ein grundschlechter Pianist, Bratfisch mit Namen und ein grundgutes Fräulein Klauß [Wilhelmine Clauss]. Wir erwarten Ernst, mit dem Liszt eine Reihe Duette schreiben wird. – Natürlich ist es bei uns nicht so leicht zu debutiren; wir haben z. b. den ersten Posaunisten von Europa, Nabich, einen Kerl der auf seiner Trombone singt wie auf einem Violoncell, er ist drüben in Berlin u. geht nach Hamburg, er spielt eine kleine Phantasie über den Propheten von mir, die ich ihm am Tag seiner Abreise zusammengeschmiert habe. Was muß ich hier nicht alles thun? Mein, so war's in Stuttgart doch nicht!! Wir haben einen famosen Trompeter H. Sachse und andre Geschöpfe, die man nicht allenthalben findet. –
Logau's Tragödie habe ich gelesen. Soll ich Ihnen die Wahrheit sagen? Der Mensch geht in Stuttgart zu Grunde. Seine Fantasie hat in unserm ewigen pagoinirenden [?] Einerlei sichtlich gelitten. Der gute Kerl ist zu sehr von sich eingenommen, als daß ich ihm dergleichen sagen möchte. Aber geben Sie acht: Wenn er so fortfährt poëtisch auf den Hund zu kommen, so ist er in zwei Jahren verschollen. – Die Frauenzimmer hat er nie zu behandeln gewußt. Auch in dieser Tragödie sprechen sie wieder schrecklich ungeschickt, zudringlich und abgeschmackt. Warum verliebt sich denn der närrische Kerl nicht. Manches ist vielleicht auf der Bühne
von besserm Effecte als in seinen früheren Stücken der Fall war, aber zu lesen sind «der Deutschen Herz» und «Die Patrioten» viel besser. Fräul. Bendel u. s. w. werden freilich in ihrem Kreise alles wundervoll finden, aber in weiteren Kreisen wird Logau gewiß noch bittere Enttäuschungen erleben. Der Himmel erspare sie ihm. Gleichwohl bin ich entschlossen zur Erinnerung unserer Violin und Hornunterhaltung, u. s. w. eine künftige Ouvertüre zu dem Stücke zu schreiben. Sollte er gegen mein Erwarten Glück haben, so kann ich ihm in 14 Tagen das Ave Regina u. die andern Sachen nachcomponiren. Im entgegengesetzten Falle kann ich meine Ouvertüre nach Belieben anders verwenden. – Er hat mir über eine Aufführung des Don Juan bei Euch referirt. Bock auch. Beide in entgegengesetztem Sinne, worüber ich ganz von Herzen gelacht habe. Das Trio hat mir colossalen Spaß gemacht. Also stellen Sie sich vor: Liszts Versprechen in Eilsen gemäß kommen Stör, Apel und ich Abends bei ihm zusammen, und machen sich die Drey an den Anfang. Liszt, der gräulich vom Blatt liest überstand glücklich die 4 ersten Seiten, allein an der 5ten fieng er an zu buchstabiren. Von Seite 8 ab wo der zweite Theil angeht arbeiteten sich alle 3 in die höllischste Confusion hinein. Ich fiel fast um vor Lachen. Endlich kommen wir auf die halsbrechendste Art bis pag 14. Der Cellist trof vor Schweiß. Stör warf mir elegische Blicke zu, und Liszt watete in seinem Solo weiter. So gelangen wir bis pag. 18. Neuer Scandal. Pag. 22 endlich kommt Liszts Klaviercadenz; er fängt 3mal an, muß immer wieder aufhören, das 4. u. 5 mal geht es sehr mittelmäßig und im Stretto schmeißen sie mir alle nochmals um. Gleich schimpften sie alle. Ich blieb ganz kühl und sagte Ihnen Sie möchtens nochmals probiren. Sie spielten's noch 2mal (immer den ersten Satz) und es gieng herzlich schlecht. Darauf hatten wirs satt und setzten einen andern Termin an. Es war dieß an einem Freitag. Den Dienstag drauf kommen wir also wieder zusammen. Diesmal fiengen wir mit der Eglogue fantastique für Piano u. Violine an, demselben
Stück, was ich für Logau geschrieben hatte. Wir wollten's einmal bei Ihnen probiren, Liebe, erinnern Sie sich noch? Da gieng s nicht, und ich wollte es auch nicht hören, und Sie sagten: ich müßte froh seyn, daß man mein Gekritzel lese. Dieses selbige Gekritzel also machten wir. Sie spielten es gleich herunter, und machtens wieder u. noch einmal u. bekamen's nicht satt. Ja, Liebe, sie meinten, es wäre vielviel Pöesie darin, und wurden völlige Narren daran. Drauf gieng's wieder an mein Trio. Sie spieltens dasmal ein wenig besser aber wurden sich noch immer nicht klar über meinen etwas verworrenen Styl. Da sagte ich Ihnen: Spielt's mal durch, vielleicht geht Euch ein Licht auf. Sie machten das Scherzo 2male und fanden es schön, dann die Rêverie (Sie wissen daß ich alles umgearbeitet habe) und fiengen an zu schwärmen, und endlich das Finale. Liszt, der am meisten geschimpft hatte wurde immer schweigsamer und spielte immer feuriger. Stör betrachtete mich liebreich und meinte naiv, er gäbe was drum, wenn er so ein Trio schreiben könnte. Apel meinte blos, es wäre aber ungehöuär schwer, und Liszt holte am Ende aller Ende einen tiefen Seufzer und frug: Wie haben Sie denn das gemacht? Ich zeigte ihm mit großer Ruhe die contrapunctischen Kniffe, die ich angewandt hatte, weil ich von ihm sicher bin, daß er mir dergleichen nicht nachmacht. – Enfin, darüber können Sie sich wundern? Sie u. die Frau Fürstin stimmen darin überein, daß es mir an Gefühl fehlt. Ich aber weiß, daß ich soviel habe, als andere Leute.
Ich habe letztens ein kleines Nocturne geschrieben, was nicht schlecht ist, weiter aber auch gar nichts. Halt, ich will nicht lügen. Ich habe ein Skizzenbuch angelegt nach Art des Schumannschen Album nur für größere Stücke; da sind schon ein paar Sachen drinn. –
Mit Schuberth unterhalte ich eine ziemlich frequente Correspondenz. Er war 15 Wochen lang mit seiner Frau in Paris, und ist seit paar Wochen wieder zurück. Die «Oper im Salon» ist jetzt auf ihn übergegangen, und wird vielleicht fortgesetzt. Unglücklicherweise kann ich jetzt nichts publiciren. Die Leipziger Verleger sind sehr von Liszt in Anspruch genommen, auf deutsch: Sie haben ihm zu Gefallen alles Mögliche von ihm gedruckt und abscheulich theuer bezahlt,
so daß sie gegen einen Menschen, der ihnen in diesem Augenblick als Liszt'scher Protegé erscheinen muß, nicht die mindeste Rücksicht haben zu müssen glauben. – Kommt noch dazu, daß ich von der Fürstin (sie fährt leider das oekonomische Regiment im Hause) etwas knapper gehalten werde, als mir eigentlich von Liszt versprochen ist. Das alles ist mir sehr unlieb. Aber was soll ich machen? Ich kann's Liszt nicht verdenken. Er hat auch gar zu viel Auslagen, und verdient gegen früher so wenig!! Ich mukste mich daher nicht, sondern warte ruhig die Zeit ab, wo ich mich wieder werde auf eigene Beine stellen können, u. die wird doch wohl kommen. –
Von Hause hab' ich einige Briefe. Gottlob sie sind alle wohl! Sogar mein alter Vater der jetzt 61 Jahre auf seinem greisen Haupt hat. Der Teufel hat ihn in diesem Jahr noch geplagt Polka's – lachen Sie mit mir – leibhaftige Polka's zu machen, die er mir hieher schickte. Und doch konnte er mir übel nehmen, daß ich im 18 Jahre Lust zum Musiciren verspürte. – Meine Mutter ist jetzt 50 Jahr alt. – Mit meinem Bruder ist man auf der Kantonsschule ziemlich zufrieden, obgleich er hie u. da kränkelt.
Büthlen hat sich auch endlich vernehmen lassen. Nachdem ich seinen Brief gelesen, pries ich mich nochmals glücklich, daß ich weg bin. Er hatte es allem Anschein nicht zum Besten im Sinn, scheint aber nach 12 Wochen sich etwas besänftigt gefühlt zu haben. Ich muß jetzt sehen, wie ich mich mit ihm arrangire. –
Es ist heut der 17te. Ich muß ans schließen denken. Denn solang ich nicht schreibe, lassen Sie auch nichts von sich hören, was freilich grundschlecht ist. Aber ich halt's nicht aus, wenn Sie lange schweigen.
Daß Ihre Konzertchen stark besucht werden, macht mir viel Freude. Das Chopin-Gedicht von Hiller lassen Sie lieber nicht lesen. Es kommt darin eine Stelle vor: «Vom ersten Weib der Welt geliebt u. auch von ihr verlassen» die sich auf George Sand bezieht, welche Ihren Damen wenig Freude machen wird. Auch glaube ich, man wird Chopin hinlänglich verstehen, wenn Sie ihn spielen. Apropos Mme Strauß ist hier noch in guter Erinnerung. Man hat uns Drolliges über ihre
Leidenschaft für Dreischock erzählt und über ein gewißes Concert wo sie ohnmächtig wurde. – Tempi passati. Empfehlen Sie mich ihr gelegentlich, wenn Sie intim genug mit ihr sind. –
Ueber das Mendelssohn'sche Quartett kann ich Ihnen noch nichts sagen, ich hab's noch nicht zu Gesicht gekriegt. Man scheint bei Euch verschiedener Meinung zu seyn; wenn Ihnen an meinem geringfügigen Urtheil was liegt, so will ich mich darum umthun. Die hiesigen Quartettsoirees habe ich nicht frequentiren können, denn sie waren schon vorbey als ich herkam. –
Den Hintritt der M. v. Hayn beklage ich aufrichtig. Mit Vergnügen erinnere ich mich stets an die wenigen Familien, die sich auf Ihre Empfehlung, Liebe, direct oder indirect mit mir beschäftigten. Daß Sie schlechte Witze über unsere verwaiste Bertha Reuter machen, ist nicht schön. Das Heirathen anlangend meint Liszt, ob ich noch nicht daran dächte, er wollte mir eine Frau besorgen. Aufrichtig gesagt bin ich nicht Liebhaber von Frauen, die durch Liszts Hände gehen. – Ich sagte ihm ebenso spaßweise, daß ich keine Zeit hätte an's Heirathen zu denken. «Enfin» , meinte er «Sie sind noch gesund u. stark, Sie können à peu pris noch 10 Jahr warten!» Also da ist nichts, sehen Sie! –
Daß Sie glauben, wenn ich in glänzenderen Verhältnissen wäre, würde ich mich nicht mehr um Sie kümmern, ist grundschlecht, aber ich vergeb's Ihnen, weil Sie wahrscheinlich gedacht haben, Sie können sich einen Spaß erlauben, der niemals einen Ernst zu Grundlage haben kann u. wird. Daß man «The last Rose» spielt, freut mich. Malheureusement scheint der Verleger in unsicheren Umständen zu seyn. Ich höre daß er Hr Clastele [?] allein 11000 Thlr debitire. Das kam ueber Nacht. Er galt vordem für einen reichen Mann. –
Sie klagen über Ihr Wetter. Wir hatten die letzten 14 Tage eine Art von Vorfrühling, u. jetzt auf einmal wieder gräulich kalt – Schnee – Wind!
Wann fangen wir denn heuer die Pflanzung im Gütle an? Wenn Sie hinkommen, so grüßen Sie mir das kleine Häuschen wo ich in der letzten Zeit so oft schrieb, die beiden Stühle, die wir so oft hin u. hergeschoben, den kleinen Korb, wegen dessen ich von
Ihnen so manchen Korb bekam, weil Sie nie mit mir daraus essen wollten, die Bohnenstickel, welche tagtäglich vom Wind umgeworfen mein ewiges Leidwesen ausmachten, die Johannisbeerstöcke, welche mir so wesentliche Erleichterungen verdankten, aber insbesondere den Apfelbaum mit dem Tisch und Bank, wo ich mich manchen Augenblickes glücklicher Inspiration erfreute. Dort wurden insbesondere der 2te 3te u. 4te Satz meines Quartetts componirt. Es steht alles lebhaft vor mir, als ob ich es gestern verlassen hätte. Sie auch, Liebe, Gute, die Sie nie aufhören den besten Theil meiner innigsten Gefühle an sich zu knüpfen.
Ich werde nicht wieder so lang aussetzen meinen Brief abzuschicken. Die Tage werden länger, und hoffentlich übrigt mir hie u. da eine Stunde. – An Logau u. Bock schreibe ich demnächst. –
Und nun Adieu für heute. Sie werden mein Gekritzel (das verdient diesen Namen) fast nicht lesen können. Aber seyen Sie mir darum nicht böse.
Es grüßt u. küßt Sie tausendmal Ihr Joachim Raff .