Absender: Joachim Raff
Empfänger: Kunigunde Heinrich
Datierung: 10. November 1849 (Quelle)
Standort: Bayerische Staatsbibliothek (München)
Signatur: Raffiana II
Umfang: 6 Seiten
Material: Papier
Schreibmittel: schwarze Tinte
Incipit: Madame Kunigunde Heinrich Wohlgeboren in Stuttgart durch H. Bocks Güte Friedrichstraße No 25. III Hamburg 10. November 1849. Liebe!
Ohne Zweifel sind meine Zettel jetzt bereits in Ihrem Besitze.


* Daten nicht verifiziert
Madame Kunigunde Heinrich Wohlgeboren in Stuttgart durch H. Bocks Güte Friedrichstraße No 25. III

Hamburg 10. November 1849.

Liebe!

Ohne Zweifel sind meine Zettel jetzt bereits in Ihrem Besitze. Ich wollte, das[s] ich dasselbe von mir sagen könnte rücksichtlich des ersten Briefes, den ich von Ihnen zu kriegen habe. –

Es hat sich in den letzten Tagen nichts von Interesse zugetragen, doch wollen wir uns von dem Wenigen unterhalten was vorhanden ist.

Von Liszt besitzen wir kaum Nachrichten und ich meinerseits habe an denselben trotz der Nähe seines Aufenthaltes (man fährt in 5-6 Stunden hin) seit seinem Geburtstage – 22 Oct. ein einziges Mal geschrieben. Soviel wir von dem Cornettisten Fiesolt aus Bückeburg vernahmen, der mit Recommendation von ihm hierher kam um zu concertiren, so hat er ein paar mal an dortigem kleinem Hofe gespielt; er giebt vor, daß seine Arbeiten im Fache der Composition diesen einsamen Aufenthalt erheische. Meine Meinung ist, daß er die Zeit größtenteils mit dolce far niente und in schlechten Späßen mit der Fürstin vertändelt. Meine Abreise von hier steht auf den 1. December fest und wenn ich nichts weiteres bis dorthin sage, so wird meine Adresse seyn Joach. Raff. Comp: derzeit im Hôtel zum Erbprinzen in Weimar. Sie müssen nämlich wissen, daß Liszt dortselbst wohnt d. h. er, die Fürstin hat eine Privatlogis worin er sich meistens aufhält. Die vielen Zeitungsenten, welche über Liszts Thätigkeit u. s. w. zu lesen sind, kann ich Ihnen des Zuverläßigsten als reine Erdichtungen bezeichnen; es ist in der That nicht an etwas Großes von ihm zu denken, so


lange nicht die Hände eines «rothbackigen blonden Menschen» , welchen Sie genau kennen, für ihn thätig sind. –

Chopins Hintritt hat Sie gewiß sehr alterirt und ich condolire Ihnen von Herzen. Die Ausführung des Mozartschen Requiems an seinem Grabe, die er sterbend gewünscht hatte, war sehr mangelhaft. Von seinem musicalischen Nachlaß verlautet weder in den französischen Blättern etwas, noch in den Briefen des Pariser Verlegers Brandus. Sollte ein solcher etwa gar nicht vorhanden seyn? – Als Sargconduct hatte er Franchomme den Cellisten, einen berühmten Maler, dessen Name mir diesen Augenblick nicht geläufig ist, Meyerbeer und den Fürsten Cartorysky .

Wir sind mit Virtuosen fortwährend überlaufen. Ausser Mortier de Fontaine sind wenig berühmte Namen darunter.

Die Lind ist hier und verrückt den Leuten die Köpfe. Sie sang vorgestern in der «Schöpfung» . Die Einnahmen zu Gunsten der Armen betrug 7000 Mark banco. Heut singt sie zum Besten einer armen Kunstgenossin in deren Concert, wozu man beinahe kein Billet zu bekommen wüßte. Vor etwa 8 Tagen war in unserm Saale die erste Quartettsoiree von Haffner wo man ein Trio in G von Haydn, das Dmoll von Mozart und das III. von Beethoven ausführte. Lind war H. Haffner zu liebe auch gekommen, obschon sie sehr «angegriffen» aussah. – Man macht sich in hiesigen Blättern darüber lustig, daß sie so dick wird. –

Morgen geigt ein Ungar im Thaliatheater u. s. w. Die Sonntag – Gräfin Rossi soll auch kommen, sobald sie ihren Verpflichtungen in London genügt haben wird.

Unter den hiesigen Musikern gelte ich bereits als ein großes Licht. Sie haben sich unter einander wie erscheint


geeinigt, daß «etwas an mir sey» . – Mein Quartett hat sie alle in Ektase versetzt, und sie haben sich mir für alles mögliche zur Disposition gestellt, – natürlich weiß ich, wieviel von dieser Bereitwilligkeit ich auf Rechnung des Schuberth'schen Einflußes zu schreiben habe. –

Auch Lectionen sind mir bereits anerboten worden. –

Schuberth hat mir die bestimmte Zusicherung gegeben, daß wenn ich mich mit Liszt nicht einigen könne, sein Haus und die Stelle, die ich darin einnehme offen bleiben sollen, und er nicht versäumen werde mir alsdann eine Position dafür zu machen. Es ist dies für mich der größte Trost, wenn ich an die schwierige Stellung vis a vis meinem magyarischem Freunde denke.

Fritz Schuberth, der mit seiner Frau 10 Tage lang in Berlin u. Leipzig war, ist heute wieder retour.

Reinecke von Bremen schreibt, daß er bey Liszt in Bückeburg gewesen und mit ihm mein Arrangement der Somnambula-Fantasie gespielt hat.

Croll hat Manuscripte an Liszt geschickt, die wahrscheinlich an Schuberth empfohlen werden sollen.

Von Robert Schumann, der diesen Augenblick mit den Repetitionen zur « Peri » in Dresden beschäftigt ist, steht uns weiteres Manuscript in Aussicht. Es liegen mir die gedruckte Partitur seiner 2ten Sinfonie und der Klavierauszug seines «Adventliedes» vor, die mir nicht sonderlich gefallen. –

Die Partitur von Mendelssohn's Athalia bot mir manches Interessante u. Lehrreiche dar.


Liszts Göthe-Album ist in der Berliner Allg. Musikzeitung tüchtig heruntergerißen worden. In den Signalen erscheint ein schwacher, sehr schwacher Contrecoup, der besser unterblieben wäre. –

Seit meinem letzten Briefe habe ich nachstehende Arbeiten angefertigt.

2 Lieder von Spohr u. Reissiger für das Album des Freiherrn Fabricius von Tengnagel componirt. Ich habe das erstere für Alt u. Sopran speciell ausgeschrieben und den französischen Text Victor Hugos im Versmaaße der Urschrift übersetzt. An Reissigers Liede habe ich dasselbe gethan und die dritte Strophe mit einer Begleitung meiner Manier versehen. Der alte Papa wird sich wundern, wenn er sich von den Händen eines Jüngers so aufgedonnert sieht. –

Bundeslied von Lindpaintner vierstimmig gemacht. –

The last rose für den Verlag von H. Schuberth arrangirt (Text deutsch u. englisch) für Alt u. Sopran besonders.

Henselt Tableau musicale , Edition facilité von mir.

Thalberg u. Prume (unter diesem Namen erscheint die von mir angefertigte Übertragung des Notturnos op. 35 von Thalberg für Clavier und Geige) Grand Nocturne – Duo concertant .

der «Prophet» Potpourri.

Diesen Augenblick beschäftige ich mich mit den Arrangements über das «Diamantkreuz von Saloman» dessen Klavierauszug bey uns erscheint. Das «Potpourri» ist schon fertig; die brillante Fantasie wird übermorgen fertig und wenn Sie meinen daß es angeht, möchte ich sie dem August v. König zueignen; dann wird noch ein Valse-Rondino und einige separate kleine Stücke zu machen seyn. –


Von Stuttgart liegt mir ein Brief Ebner's vor dato 31. Oct. Er hat mir noch keinen Vorschlag wegen Uebernahme der Platten u. restirenden Exemplare der Oper im Salon durch Schuberth gemacht. Das bringt mich in Verlegenheit; denn wenn Schuberth persönlich anfragt so wird Ebner bedeutende Praetensionen machen. – Inzwischen gedenke ich die Sache noch kurze Zeit ruhen zu lassen. –

Bock hat einen Zettel in seiner drolligen Manier beygelegt, worin mir Vorwürfe gemacht werden, daß ich Ihnen u. Glogau noch nicht geschrieben habe. – Ich ersehe hieraus mit einiger Freude, daß Sie fortfahren mir jene sinnige Theilnahme an meinem Geschicke zu widmen, welche seit langer Zeit mein Herz so sehr an das Ihrige bindet. Es gehört zu meinen sehnlichsten Wünschen, daß diese Theilnahme auch jetzt nicht erkalten möge, wo Sie weniger auf betrübenden als erheiternde Objecte gerüstet seyn kann. Wenn Sie lange Zeit wie ein einsames Gestirn in die trübe Nacht meines Lebens hinausstrahlten und mit Ihrer Seele voll Liebe und Anmuth die verglühenden Funken meines gebrochenen Muthes neu entzündeten und zusammenhielten, so wird es mein unabläßiges Bestreben seyn, die haltlosen Stunden des Kummers u. der Betrübniß deren Ursache ich gewesen bin, durch Thaten der Ehre und eine nimmer ersterbende treue Anhänglichkeit an Sie so sehr auszugleichen, als dieß abgesehen von Ihrem ungleich höheren Werthe nur immer möglich ist. – Nie gab es für mich eine Aufgabe, der ich mich mit mehr Eifer und Liebe unterzogen hätte. –

An Logau schreibe ich heute 2 Zeilen. Es thut mir leid, daß ich ihm wegen des «König Alfred» noch nichts Erfreuenderes mittheilen kann; aber er wird einsehen, daß da seine Klagen überall nicht am Platze sind, wo ich die meinigen bereits unterdrücken gelernt habe. –


Von Büthlen habe ich bis heute noch keine Nachricht. Ich kann ihm jetzt nicht wohl schreiben, ehe ich in Weimar bin, weil die Correspondenz nur Umwege machen würde, habe ich aber bis dorthin noch keinen Brief von Ihnen, so schreibe ich während der ersten Tage meines WeimaranerAufenthaltes .

Wir haben hier eine häßliche Herbstwitterung. Regen Nebel und Wind sind die herrschenden Elemente dieser Jahreszeit. Preußen befinden sich noch immer in großer Anzahl hier, und die Ereignisse in Schleswig-Holstein, an welches wir mit den Stadtthoren gränzen, setzen von Zeit zu Zeit die Gemüther unserer guten Bürger in Bewegung. –

Am 13. October.

Ich denke daß diese Zeilen mit dem heutigen Postpaquete über Leipzig an Sie gelangen können. Ohne Zweifel werden dieselben in etwa 8 Tagen bey Ihnen angelangen. –

Weiteres Neue von mir kann ich Ihnen nicht mittheilen. Von Schumann liegen mir 2 neue Werke vor «Spanisches Liederspiel» und «Album für die Jugend zum Singen.» – Ersteres gefällt mir nicht; letzteres sehr. –

Gleichzeitig mit diesen Zeilen sende ich einige Worte für Bock ab. –

Ich grüße Sie tausend und wieder tausendmal und höre nie auf zu bleiben Ihr getreuer Joachim Raff.

Zitiervorschlag: [Not found]: Brief an [Not found] (10. 11. 1849); https://portal.raff-archiv.ch, abgerufen am 16. 10. 2026.