Liebe Toni! Sowohl das neugekaufte Papier, als der Anblick einer mir unbekannten
Feder, die gewiss schon dümmere Kerle in den Fingern gehabt haben, als ich, vor allem
aber die Wahrnehmung dass das vor mir stehende Tintenfass nur noch einige Tropfen
enthält, veranlassen mich, in früher Nachmittagsstunde nach kaum […] Schlummer an
dich zu schreiben. Der gestrige Tag war in Hinsicht der Witterung ein recht
interessanter. Der Wind hatte sich an einer bestimmten Stelle des Firmaments ein
Rendezvous mit allen irgendwie im Umkreis von cca 100 Stunden vorhandenen oder
entstehenden Wolken gegeben, welche das Bedürfnis einer momentanen Entleerung
verspürten, und trug dieselben unermüdlich in galanter Geschäftigkeit vor die Front
des Hôtels zur Krone in Friedrichshafen, woselbst demzufolge ein Mangel an Wasser
unmöglich eintreten konnte, sofern es sich um Wasser handelte, welches nicht von
unten, sondern von oben kam. Da ich Tags zuvor an Mutter telegraphirt hatte, so kamen
um ein Uhr sie sowohl als Seline wirklich an, und assen mit uns an der table d’hôte.
Da Seline ausser Café, Käse und Bier nichts verzehrt, so war der grössere Theil der
vorkommenden Speisen ihr vollkommen fremnd, und wurde daher gar nicht von ihr
berücksichtigt, während dagegen Mutter, als Tochter eines Hôtel und Weinländerin sich
alles wohl schmecken liess, und auch von dem vorhandenen guten alten Marktgräfler
trank. Eine weitläufige meist Familien-an-und-unangelegenheiten betreffende
Unterhaltung schloss sich an das Diner an. Nachdem beide Café mitgetrunken und etwas
Weniges soupirt hatten reisten sie wieder nach Ravensburg zurück. Inzwischen hatte
der Wind seine Beschäftigung einigermassen satt bekommen. Infolge dessen hörte es
nach und nach auf zu regnen, und Dodi [Doris Raff] und ich vermochten nicht nur
stellenweise die gegenüber liegenden Alpen zu erblicken, sondern auch eine kleine
Promenade auf dem Mole am Leuchtthurm zu machen. Da wir von Erfüllung unserer
verwandtschaftlichen Pflichten etwas müde waren, so legten wir uns verhältnismässig
ziemlich zeitig zu Bette. In der Nacht ängstigte uns der Wind noch ein paar Mal durch
unanständiges Brüllen. Aber heute früh zeigte es sich, dass er ein Poltron gewesen
war. Er war blasmüde geworden. Wir zahlten unsere starke Rechnung, nicht ohne die
Bemerkung gemacht zu haben, dass in der Krone mehr oder weniger Jedermann ein bischen
[!] stiehlt, bestiegen das Dampfboot, und langten um 11 ½ Uhr nach 2 ½ stündiger
Fahrt an Langenargen, Wasserburg, Lindau vorbei mit starken Ausblicken auf die
weitläufigen Ufer und die Alpen von Appenzell, Graubünden und Vorarlberg hier an, wo
wir im Oesterreichischen Hofe abgestiegen sind, und von einem Düsseldorfer Kellner
bedient wurden. Der erste Gang war nach der Post, wo es mir gelang keinen Brief von
dir zu erhalten, dann durch einen Theil der Stadt, woraus wir als Resultat
hereinbrachten, dass dieselbe vorzugsweise «wüscht» und langweilig ist. Table d’hôte
ist hier nicht, und so assen wir Etwas nach der Karte. Unterwegs hiher machte ich,
wie so oft, die Bemerkung dass Dodi keine Art von «Schneebergen» werthschätzt ausser
die Berner. Hieraus wirst du mit Recht abnehmen, dass ich nächstes Jahr ohne Gnade im
August reisen muss, lediglich um das Privileg dieser Berner einigermassen zu
verkümmern. Uebrigens logiren wir hier am Landungsplatz in einem ganz netten Zimmer,
und die Eisenbahnzüge u. Dampfboote passiren hin und wieder unter unsern Fenstern.
Ausserdem werden wir da der Himmel ziemlich blau ist, gegen Abend einen kleinen
Spazifizirgang nach dem Gebhardsberg achen, von wo man eine hübsche Aussicht auf dem
ganzen See, und die zu beiden Seiten des Rheinthales sich aufbauende Landschaft von
St. Gallen-Appenzell einerseits und Oesterreich-Vorarlberg anderseits geniessen muss.
Dass Dodi während des Schreibens meinem Fond an Tinte durch erheblichen Wasserzuguss
beigesprungen ist, wirst du an der Schrift bemerken. Montag 3 Uhr. Wir waren gestern
Nachmittag theils in der Stadt umhergebummelt, theils hatten wir die Zeit zu einer
Promenade auf den St. Gebhardsberg verwandt, wo wir auch Kafe [!] tranken. Die Stadt
hat keinen Mangel an Kirchen und Klöstern, sonst aber scheint hier nichts los zu
sein. Was die intellektuelle Bildung der Population anlangt, so zweifle ich zwar
nicht daran, dass jedes Madel weiss, was der Kaplan sagt, und der Lieutenant will;
aber es ist doch bezeichnend, dass in dem ersten Hôtel der Stadt nicht ein einziges
Buch vorhanden ist, und der Zeitungsstempel [… …] 1 Kreuzer beträgt, wodurch die
Anschaffung mehrer Blätter in einem Hause natürlich erschwert ist. – Doch genug! Der
Gebhardsberg ist, wenn auch als Localität selbst miserabel wie anderes mehr, so doch
ein vortrefflicher Aussichtspunkt in jede Richtung, ausgenommen Nordost und Nordwest.
Darauf übersieht man da den grössten Theil des Bodensees nebst Umliegenschaft, ferner
das Massiv der Alpen von Appenzell und Toggenburg nebst Vorleger, das ganze Rheinthal
von Einfluss des Rheins in den Bodensee an bis in die Gegend von Sargans; Das Massiv
der Berge auf dem rechten Rheinufer mit den 3 Schwestern im Mittelgrunde, und dem
Calanda bei Chur im Hintergrunde; die Bregenzer-Ach mit Umliegenheit bis zu ihrem
Ausfluss aus dem Bregenzer Walde, selbstverständlich das Massiv der rhätischen und
Glarneralpen jenseits des Gonzen, welcher bei Sargans abfällt. Sohin bietet der
colossale See, der Kranz der Ufer, die […], die Hochalpen und die Flüsse Rhein und
Bregenzer-Ach in ihrem Ensemble ein bedeutendes Panorama, dem sich seine
Eigenthümlichkeit und Anziehungskraft nicht absprechen lässt. Gegen Abend verliessen
wir das Local, welches nebenbei gesagt aus einer Burgruine, einer angeflickten
Kapelle neueren Datums und einer sehr bäurischen kleinen Restauration, die in und auf
einem früheren Burgthurm errichtet ist, besteht, und besuchten dann noch einige
fromme «Stiftungen», worauf wir uns zum Nachtessen verfügten. Heute Morgen fanden wir
wiederum weder auf der Post noch auf dem Telegraphenamt Nachrichten von dir; wir
machten also eine Promenade auf die Bregenzer-Clause, die einen ähnlichen
Aussichtspunkt bietet wie der St Gebhardsberg, nur dass man weder das Rheinthal
sieht, noch eine Ahnung vom Dasein der Bregenzer Ach u. des resp. Waldes bekömmt.
Letzteres würde man am besten sehen, wenn man den Pfänder bestiege, aber es ist 2 ½
Stunden hinauf, die Sonnte macht hiess, und Raffs sind etwas bequeme Leute. Wenn uns
in Breisach der seltsame Anblick eines Messbuch [?] mit der Aufschrift «Neueste
Schlachten Wilhelm unser’s» zu Theil wurde so arbeitet hier in Bregenz seit früh eine
Caroussel-Bude mit Accompagnement einer grossen Drehorgel, welche in sehr sonorer
Weise ohne Unterbrechung ihr grossers Rerertoir abspielt, worin sich u. a. auf das
deutsche Vaterland u. Wacht am Rhein bemerklich machen. Gezankt haben wir (Dodi u.
ich) heute erst ein Mal, was hoffentlich ausreicht. Wie zumeist geschieht dergleichen
infolge der auszustehenden Langeweile. Morgen früh wird nochmal nachgesehen ob was
von dir angekommen ist, um 9 ½ Uhr geht’s dann weiter nach Baiern [?] hinab. Eben ist
ein Dampfer «Kaiser Wilhelm» mit rothweissschwarzer Flagge hier eingelaufen, der sich
durch die Bauart seines Deckes von den andern Bodenseeschiffen schweizerischer,
badischer, würtembergischer, bairischer u. oesterreichischer Flagge wesentlich
unterscheidet, und den wir nachher besehen wollen. Leb’ wohl für heute, küss das Kind
u. sei vielmals gegrüsst von deinem herzlich ergebenen Schwager Raff.