Absender: Joachim Raff (C00695)
Erstellungsort: [Bregenz]
Empfänger: Antonie Genast (C00277)
Datierung: [undatiert]
Standort: Bayerische Staatsbibliothek (München)
Signatur: Raffiana II
Umfang: 4 Seiten
Material: Papier
Schreibmittel: schwarze Tinte
Incipit: Liebe Toni!
Sowohl das ungekaufte Papier, als der Anblick einer mir unbekannten Feder

berichtet vom Aufenthalt in Friedrichshafen, wo mit R.s Mutter und Seline gespiesen wird, und Bregenz. [siehe Transkription]

Liebe Toni! Sowohl das neugekaufte Papier, als der Anblick einer mir unbekannten Feder, die gewiss schon dümmere Kerle in den Fingern gehabt haben, als ich, vor allem aber die Wahrnehmung dass das vor mir stehende Tintenfass nur noch einige Tropfen enthält, veranlassen mich, in früher Nachmittagsstunde nach kaum […] Schlummer an dich zu schreiben. Der gestrige Tag war in Hinsicht der Witterung ein recht interessanter. Der Wind hatte sich an einer bestimmten Stelle des Firmaments ein Rendezvous mit allen irgendwie im Umkreis von cca 100 Stunden vorhandenen oder entstehenden Wolken gegeben, welche das Bedürfnis einer momentanen Entleerung verspürten, und trug dieselben unermüdlich in galanter Geschäftigkeit vor die Front des Hôtels zur Krone in Friedrichshafen, woselbst demzufolge ein Mangel an Wasser unmöglich eintreten konnte, sofern es sich um Wasser handelte, welches nicht von unten, sondern von oben kam. Da ich Tags zuvor an Mutter telegraphirt hatte, so kamen um ein Uhr sie sowohl als Seline wirklich an, und assen mit uns an der table d’hôte. Da Seline ausser Café, Käse und Bier nichts verzehrt, so war der grössere Theil der vorkommenden Speisen ihr vollkommen fremnd, und wurde daher gar nicht von ihr berücksichtigt, während dagegen Mutter, als Tochter eines Hôtel und Weinländerin sich alles wohl schmecken liess, und auch von dem vorhandenen guten alten Marktgräfler trank. Eine weitläufige meist Familien-an-und-unangelegenheiten betreffende Unterhaltung schloss sich an das Diner an. Nachdem beide Café mitgetrunken und etwas Weniges soupirt hatten reisten sie wieder nach Ravensburg zurück. Inzwischen hatte der Wind seine Beschäftigung einigermassen satt bekommen. Infolge dessen hörte es nach und nach auf zu regnen, und Dodi [Doris Raff] und ich vermochten nicht nur stellenweise die gegenüber liegenden Alpen zu erblicken, sondern auch eine kleine Promenade auf dem Mole am Leuchtthurm zu machen. Da wir von Erfüllung unserer verwandtschaftlichen Pflichten etwas müde waren, so legten wir uns verhältnismässig ziemlich zeitig zu Bette. In der Nacht ängstigte uns der Wind noch ein paar Mal durch unanständiges Brüllen. Aber heute früh zeigte es sich, dass er ein Poltron gewesen war. Er war blasmüde geworden. Wir zahlten unsere starke Rechnung, nicht ohne die Bemerkung gemacht zu haben, dass in der Krone mehr oder weniger Jedermann ein bischen [!] stiehlt, bestiegen das Dampfboot, und langten um 11 ½ Uhr nach 2 ½ stündiger Fahrt an Langenargen, Wasserburg, Lindau vorbei mit starken Ausblicken auf die weitläufigen Ufer und die Alpen von Appenzell, Graubünden und Vorarlberg hier an, wo wir im Oesterreichischen Hofe abgestiegen sind, und von einem Düsseldorfer Kellner bedient wurden. Der erste Gang war nach der Post, wo es mir gelang keinen Brief von dir zu erhalten, dann durch einen Theil der Stadt, woraus wir als Resultat hereinbrachten, dass dieselbe vorzugsweise «wüscht» und langweilig ist. Table d’hôte ist hier nicht, und so assen wir Etwas nach der Karte. Unterwegs hiher machte ich, wie so oft, die Bemerkung dass Dodi keine Art von «Schneebergen» werthschätzt ausser die Berner. Hieraus wirst du mit Recht abnehmen, dass ich nächstes Jahr ohne Gnade im August reisen muss, lediglich um das Privileg dieser Berner einigermassen zu verkümmern. Uebrigens logiren wir hier am Landungsplatz in einem ganz netten Zimmer, und die Eisenbahnzüge u. Dampfboote passiren hin und wieder unter unsern Fenstern. Ausserdem werden wir da der Himmel ziemlich blau ist, gegen Abend einen kleinen Spazifizirgang nach dem Gebhardsberg achen, von wo man eine hübsche Aussicht auf dem ganzen See, und die zu beiden Seiten des Rheinthales sich aufbauende Landschaft von St. Gallen-Appenzell einerseits und Oesterreich-Vorarlberg anderseits geniessen muss. Dass Dodi während des Schreibens meinem Fond an Tinte durch erheblichen Wasserzuguss beigesprungen ist, wirst du an der Schrift bemerken. Montag 3 Uhr. Wir waren gestern Nachmittag theils in der Stadt umhergebummelt, theils hatten wir die Zeit zu einer Promenade auf den St. Gebhardsberg verwandt, wo wir auch Kafe [!] tranken. Die Stadt hat keinen Mangel an Kirchen und Klöstern, sonst aber scheint hier nichts los zu sein. Was die intellektuelle Bildung der Population anlangt, so zweifle ich zwar nicht daran, dass jedes Madel weiss, was der Kaplan sagt, und der Lieutenant will; aber es ist doch bezeichnend, dass in dem ersten Hôtel der Stadt nicht ein einziges Buch vorhanden ist, und der Zeitungsstempel [… …] 1 Kreuzer beträgt, wodurch die Anschaffung mehrer Blätter in einem Hause natürlich erschwert ist. – Doch genug! Der Gebhardsberg ist, wenn auch als Localität selbst miserabel wie anderes mehr, so doch ein vortrefflicher Aussichtspunkt in jede Richtung, ausgenommen Nordost und Nordwest. Darauf übersieht man da den grössten Theil des Bodensees nebst Umliegenschaft, ferner das Massiv der Alpen von Appenzell und Toggenburg nebst Vorleger, das ganze Rheinthal von Einfluss des Rheins in den Bodensee an bis in die Gegend von Sargans; Das Massiv der Berge auf dem rechten Rheinufer mit den 3 Schwestern im Mittelgrunde, und dem Calanda bei Chur im Hintergrunde; die Bregenzer-Ach mit Umliegenheit bis zu ihrem Ausfluss aus dem Bregenzer Walde, selbstverständlich das Massiv der rhätischen und Glarneralpen jenseits des Gonzen, welcher bei Sargans abfällt. Sohin bietet der colossale See, der Kranz der Ufer, die […], die Hochalpen und die Flüsse Rhein und Bregenzer-Ach in ihrem Ensemble ein bedeutendes Panorama, dem sich seine Eigenthümlichkeit und Anziehungskraft nicht absprechen lässt. Gegen Abend verliessen wir das Local, welches nebenbei gesagt aus einer Burgruine, einer angeflickten Kapelle neueren Datums und einer sehr bäurischen kleinen Restauration, die in und auf einem früheren Burgthurm errichtet ist, besteht, und besuchten dann noch einige fromme «Stiftungen», worauf wir uns zum Nachtessen verfügten. Heute Morgen fanden wir wiederum weder auf der Post noch auf dem Telegraphenamt Nachrichten von dir; wir machten also eine Promenade auf die Bregenzer-Clause, die einen ähnlichen Aussichtspunkt bietet wie der St Gebhardsberg, nur dass man weder das Rheinthal sieht, noch eine Ahnung vom Dasein der Bregenzer Ach u. des resp. Waldes bekömmt. Letzteres würde man am besten sehen, wenn man den Pfänder bestiege, aber es ist 2 ½ Stunden hinauf, die Sonnte macht hiess, und Raffs sind etwas bequeme Leute. Wenn uns in Breisach der seltsame Anblick eines Messbuch [?] mit der Aufschrift «Neueste Schlachten Wilhelm unser’s» zu Theil wurde so arbeitet hier in Bregenz seit früh eine Caroussel-Bude mit Accompagnement einer grossen Drehorgel, welche in sehr sonorer Weise ohne Unterbrechung ihr grossers Rerertoir abspielt, worin sich u. a. auf das deutsche Vaterland u. Wacht am Rhein bemerklich machen. Gezankt haben wir (Dodi u. ich) heute erst ein Mal, was hoffentlich ausreicht. Wie zumeist geschieht dergleichen infolge der auszustehenden Langeweile. Morgen früh wird nochmal nachgesehen ob was von dir angekommen ist, um 9 ½ Uhr geht’s dann weiter nach Baiern [?] hinab. Eben ist ein Dampfer «Kaiser Wilhelm» mit rothweissschwarzer Flagge hier eingelaufen, der sich durch die Bauart seines Deckes von den andern Bodenseeschiffen schweizerischer, badischer, würtembergischer, bairischer u. oesterreichischer Flagge wesentlich unterscheidet, und den wir nachher besehen wollen. Leb’ wohl für heute, küss das Kind u. sei vielmals gegrüsst von deinem herzlich ergebenen Schwager Raff.


Zitiervorschlag: Raff, Joachim: Brief an Antonie Genast ([undatiert]); https://portal.raff-archiv.ch, abgerufen am 16. 3 2026.