15. 12. 1851
Brief an Kunigunde Heinrich
ID: A01448
| Absender: | Joachim Raff (C00695)
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| Empfänger: | Kunigunde Heinrich (C00362)
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| Datierung: | Quelle undatiert |
| Standort: | Bayerische Staatsbibliothek (München) |
| Signatur: | Raffiana II |
| Umfang: | 8 Seiten |
| Material: | Papier |
| Schreibmittel: | schwarze Tinte |
| Incipit: |
Liebe!
Ich kenne Sie zu gut, um zu wissen, dass Ihnen ein Brief |
Ich kenne Sie zu gut, um zu wissen, daß Ihnen ein Brief von mir um diese Zeit nicht unerwartet kömmt. Oder wie, Sie kennen mich nicht mehr? – Sie sehen ganz verwundert nach der Unterschrift dieser Zeilen, um daraus zu erkunden, wer sich so zutraulicher Weise Ihnen nähere? – Wie dem aber auch sey, noch bin ich Ihnen, was ich immer war, – warum sollten Sie es mir minder seyn? –
Oft, meine Liebe, sehr oft hätt’ ich Ihnen geschrieben; allein ich versparte es immer indem ich hoffte, Ihnen irgend eine erfreuliche Neuigkeit von mir mittheilen zu können. Glauben Sie nicht, daß ich mich mit Illusionen trage, aber ich hatte denn doch manchen Grund, eine wesentliche Besserung in meinen Verhältnissen zu erwarten, welche sich leider bis heute nicht im mindesten zeigte.
Als Liszt im October vorigen Jahres Weimar verließ, machte er mir die bestimmte Zusicherung, daß er mich zum Kapellmeister an hiesiger Hofbühne fördern würde. Bis Ostern dieses Jahres sollte dies sich machen. Ich verwandte wie Sie sich leicht denken [...] können, auf das Umarbeiten und Einstudiren des «König Alfred» alle Mühe und dirigirte meine Oper zu Jedermanns Zufriedenheit. Allein der entschiedene Erfolg machte weder Liszt viel Freude noch brachte er mich in angedeuteter Hinsicht vorwärts. Vielmehr fürchtete Liszt, ich möchte mich emancipiren und sonach aufhören für ihn thätig zu seyn. Bey seiner Rückkehr im May benahm er mir [...] plötzlich jede Aussicht auf eine Anstellung als Kapellmeister, obschon der bisherige Inhaber dieser Stelle, Hr Chelard pensionirt worden war und man einen der Musikdirectoren Hrn Götze zu seiner interimisten Disposition gestellt hatte, während er die Oberleitung sämmtlicher musikalischen Aufführungen erhielt. –
Sein Buch über die Göthestiftung war mittlerweile erschienen. Ich war wie für alle seine Unternehmungen, so auch vorzugsweise für dieses in der Presse mehrfach thätig, und brach in einem längeren Artikel in der Deutschen Allgemeinen Zeitung sogar mit Gutzkow eine Lanze in dieser Angelegenheit. Nun eröffnete mir Liszt, er halte eine Anstellung als Kapellmeister noch zu zeitig für mich, sey jedoch der Meinung, daß eine andre Position einstweilen für mich creirt werden könnte; ich solle mir in Jena das Doctorat der Philosophie verschaffen, und es würde mir alsdann möglich seyn, zu einer Anstellung an der Bibliothek zu gelangen. Als nun Liszt im Juni d. J. Weimar wieder verließ entsagte ich den musicalischen Beschäftigungen fast gänzlich und widmete mich energisch den Vorstudien, welche mich zu einer anständigen Dissertation befähigen sollten. Ich nahm zum Gegenstand dieser Abhandlung das Sujet des Samson. Das so überschriebene Buch sollte die Bearbeitung der Samson-Sage als Opernlibretto im Wagnerschen Genre, im ferneren 3 Abhandlungen 1. über die bisher vorhandene Samsonliteratur 2. über die Samson-Mythe u. 3. über die älteste Geschichte der Philister enthalten, nebst eine Menge der nöthigen Notizen chronologischer, geographischer, archäologischer u. a. Inhalt. Auf diese Art gedachte ich zwei Fliegen mit einer Klappe zu erschlagen, nämlich eine Dissertation für das philosophischer Examen und zugleich ein Libretto für eine neue Oper herzustellen. Als Liszt im letzten October zurückkam, waren meine zahlreichen und schwierigen Vorarbeiten beendet, und das Libretto bereits bis zum Schlusse des 2ten Actes vorgeschritten. Plötzlich gieng Liszt wieder von seinem früher geäusserten Vorhaben ab, und es wurde mir sonach klar, daß er nicht im mindesten daran denke, mich vorwärts zu bringen, sondern mich fortwährend in einer so beschäftigten Lage zu erhalten, daß ich den Rest meiner besten Jahre in seinem Dienste verleben und auf eine eigene Carrière förmlich verzichten müßte. –
Wie sehr mich diese Wahrnehmung betrübte können Sie sich nicht vorstellen. Es ist fürwahr bitter, sich fortwährend getäuscht zu sehen und ein mühevolles Daseyn ohne alle Frucht immer wieder von vorne anfangen zu müssen. –
Ich hatte gehofft, daß es mir möglich seyn würde, im Verlauf des Sommers meine Oper an einige Theater anzubringen, was mir die Aussicht auf einiges Honorar und auf den Verkauf des Klavierauszuges verschafft hätte. Herr v. Ziegesar, der damalige hiesige Intendant empfahl mich oder vielmehr mein Werk dem Intendanten zu Berlin, H. v. Hülsen, welcher versprach sich die Oper hier anzusehen; man setzte dazu eine eigene Vorstellung (die 3te im Anfang des Monats May an, allein H. v. Hülsen war behindert herzukommen; überdem waren bereits die «Olympia» zu des Königs, die «Casilda» zu der Königin Geburtstag und Kapellmeister Dorns Oper auf gegenwärtigen Monat zur Aufführung bestimmt, sodaß eine Aussicht zur Aufführung meiner Oper, wenn ich überhaupt zu dieser Aussicht gelange vor nächster Saison kaum zu denken ist. Im Juli sandte ich meine Partitur nach Dresden, wo beide Kapellmeister (Reissiger u. Krebs) so wie auch Lipinski sie dem Intendanten empfahlen, derselbe hat auch guten Willen sie zu geben, allein die Verhältnisse im Sängerpersonal verhindern eine Aufführung vor dem kommenden Frühjahr oder Sommer. Dingelstädt hätte sich meiner möglicherweise angenommen; allein er hat sich mit Lachner sehr dick eingelassen, und dem scheint es, da seine letzte Oper «Benvenuto Cellini» durchgefallen ist, nicht gerade eine Hauptaufgabe zu seyn, jüngere [...] Talente zu fördern. Ueberall kann ich meine Oper natürlich nicht geben; denn sie ist ziemlich schwer u. erfordert (besonders die großen Chöre) sehr fleißiges und sorgsames Einstudiren und ein Publicum, welches über Flotow und Meyerbeer etwas weniges hinaus ist. Der Herzog von Coburg, dessen «Casilda» ich in der Presse etwas poussirte, versprach mir, mein Werk in Gotha aufzuführen, aber die Bühne wird erst im Frühlinge von Coburg aus wieder dahin verlegt. Ich muß also auch da noch im glücklichsten Falle geraume Zeit warten.
Hätte ich nur einige pekuniäre Mittel zur Verfügung, so könnte ich an einige Orte persönlich hinreisen und würde in wenig Tagen so viel fördern als brieflich in Monaten zu erlangen ist. Allein mein so sehr beschnittenes Appointement reicht nicht einmal zur Deckung meiner Aufenthaltsbedürfnisse hieselbst hin. Ich habe Liszt hierüber schon oft vergeblich Vorstellungen gemacht und ihn an sein in Eilsen mir gegebenes Versprechen erinnert. Da ich immer zu seiner Disposition seyn muß, so kann ich nicht einmal andere Arbeiten annehmen, wenn ich solche auch annehmen wollte. Arrangements u. dgl. darf ich nicht mehr wohl machen, weil es meiner Zukunft schaden könnte. Mehrmals dachte ich an die Veröffentlichung meiner Clavier und Kammercompositionen; allein Liszt verwehrte es mir unter dem Vorgeben, daß diese Publicationen jetzt noch nicht an der Zeit seyen. Das alles macht mich sehr unglücklich. – Dabey soll ich immer aufgelegt seyn alles Mögliche für Liszt zu thun. In der ganzen langen Zeit als ich hier bin habe ich ausser der Umarbeitung des König Alfred, den Vorarbeiten u. der Scizzirung [...] zweier Acte vom Samson und der Composition einiger Lieder und kleinerer Stücke für mich rein nichts thun können obgleich ich immer fleißig war. In diesem Augenblicke steht mit die Instrumentirung einiger symphonischer Werke und der Oper «Sardanapal» von Liszt bevor. All’ die Sachen, dich ich sorgfältig ausarbeiten und copiren muß legt er in den Kasten. Eines Tages tritt er mit der Masse dieser Werke vor den großen dummen Haufen, den man Publicum nennt und lässt sich als einen großen Componisten bewundern, während ich armer Teufel, ohne daß sich ein Hund darum kümmert, zu Grunde gehe. – Ich frage Sie, Liebe, ob das nicht beklagenswerth ist! Und ich darf’s nicht einmal Jemand sagen, ohne den Schatten einer Existenz, mit dem ich jetzt vegetiren muß, vollends zu verlieren. Besäße ich nur die Mittel ein Jahrlang unabhängig in einer größeren Stadt zu leben, so wäre mirs möglich, Liszt
die Alternative zu stellen, mich hier zu befördern, oder zu verlieren, was er zur Zeit am allerwenigsten riskirien kann, da er mich ziemlich nöthig brauchen wird. So aber bin ich ohne alle Waffen gegen ihn, – und muß mich geduldig in mein Schicksal fügen, welches offenbar darin gesteht, meine besten Jahre in dieser armseligen Dunkelheit mich für Liszt abzuquälen und hernach wie eine ausgepreßte Citrone weggeworfen zu werden. – Solcher Art sind die entsetzlichen Aussichten, mit denen ich dem Jahre 52, in welchem ich mein 30tes Lebensjahr erreiche, entgegenblicke.
Wenn ich auf meinen Schreibtisch sehe, so möchte ich mich nur ordentlich sattweinen. Da liegt der Entwurf einer neuen OperZuordnung unklar u. die erste Hälfte einer Fantasie für großes Orchester, die Vorarbeiten für die ehrenvolle Erlangung des Doctordiplomes, welches mich in der Gelehrtenwelt hinlänglich accreditiren sollte, um dem Publicum nicht mehr blos mit anonymer Tendenzschriftstellerei, sondern mit ordentlichen Arbeiten vor Augen treten zu können; – dabey nicht ein Schimmer von Hoffnung das Eine oder das Andere fertig machen zu können.
Ich bin ein paarmal im Zimmer auf und niedergegangen und schreibe Ihnen mit Fassung weiter über das wenige, was Sie von hiesigen Personalneuigkeiten interessiren kann.
Seit Juni ist Hans Bülow hier, um sich zur Laufbahn eines Klaviervirtuosen vorzubereiten. Er war seit August vorigen Jahres in der Schweiz gewesen um eine practische musicalische Laufbahn zu verfolgen, u. zwar unter Richard Wagners Auspicien. Allein wie es scheint so gieng es damit nicht am besten. Sein Vater (v. Frau v. Bülow geschieden) hatte sich mit einer andern Dame verheirathet u. das Schloss Oetlyswil im Ct. Thurgau bezogen. Hans übernahm unter Wagners Oberleitung die Direction des Züricher Stadttheater, gerieth mit der Primadonna in Händel und mußte fort,
ließ sich dann als Musikdirector am St. Galler Theater engagiren, wo mein damals in der Cantonsschule befindlicher Bruder hin und da unter seiner Leitung Trompete blies; allein auch da war nicht viel für ihn los. Sein Vater konnte nichts für ihn thun. Seine Mutter wünscht, daß er entweder zum Jus zurückkehre oder aber hier bey uns energisch sich der Musik widme. Er zog das letztere vor, und kam im Juni hieher wo er in mir einen wahren Freund gefunden hat. Ich ordnete das nöthige für ihn an, benachrichtigte Liszt davon, der auch bei seiner 3 Monate späteren Rückkunft alle meine Verfügungen bestätigte. Seine Mutter war selbst hier, um mich anzugehen, mich seiner etwas anzunehmen; das ist denn auch gar nicht unnöthig, denn er hat all’ seine alten Ihnen bekannten Fehler in größtem Maßstabe beibehalten. Als Musiker ist er sehr extremer Richtung. Er spielt neulich zum ersten Male öffentlich das Quintett von Schumann u. vor 2 Tagen haben wir eine Ouverture, Marsch u. kleinere Musikfragmente zu Shakspeares Caesar im Theater von ihm angehört. – Das ist ganz interessante u. sogar gut geformte Musik aber schlecht instrumentirt u. macht daher keine günstige Wirkung. Er spielt natürlich viel Klavier, und ich hoffe, wenn er nicht ganz undankbar gegen mich ist, wird er meine letzten Manuscripte gelegentlich in Wien oder sonst wo öffentlich spielen, damit sie verlegt werden können, was sonst (wegen ihrer Schwierigkeit) etwas schwer hält. –
Madame Moritz u. ihr Mann waren zu Gastrollen hier; – ich darf wohl sagen auf meine besondre Empfehlung an Herrn von Ziegesar der aber gerade zuvor, als sie ankamen wegen einer langwierigen Augenkrankheit die Intendanz niederlegen und ins Bad reisen mußte. In Folge dessen zerschlug sich für den damaligen Zeitpunkt ihr Engagement, und nachdem es durch
Liszt vor wenig Wochen wieder in Anregung gebracht wurde, scheint sie nicht mehr gewollt zu haben. Man hat jetzt Madame Fehringer engagirt, die Sie wahrscheinlich nicht kennen. –
Strauss ist seit einigen Monaten hier und (so sagte er mir) will bis April hier bleiben. Seine zwei Kinder sind jetzt bey ihm. Da ich natürlich nie mit ihm über seine Frau spreche, obschon ich ihn öfters besuche, so wäre es mir interessant zu wissen, wie es derselben geht. Er arbeitet (wie er sagt) an nichts Schriftstellerischem, sondern will sich vorzugsweise der Erziehung der beiden Kinder widmen, welche, wie es scheint nicht ohne Begabung sind. –
Marie Wächter war einmal hier; da ich aber an Ihrer Seite einen Herrn gewahrte, den ich nicht kannte, der aber vermuthlich ihr Bräutigam oder Gatte war, so wagte ich nicht, sie anzureden.
Krüger, der in Leipzig sehr gefallen haben soll, hat sich hier nicht blicken lassen, was er wohl hätte thun können, da er doch vordem einige Zeit hier u. in Liszts unmittelbarer Umgebung gewesen war. Freilich ist ihm Glück zu wünschen, daß er dieser Umgebung entbehren konnte. –
Von musicalischen Aufführungen ist hier gar nichts besonderes los. Liszt trachtet darnach der Göthe des jungen Carl August zu werden (unseres Erbgroßherzogs meine ich). Diesem ehrgeizigen Zwecke sind alle seine Schritte und Tritte untergeordnet. Um sich an seinem Platze unentbehrlich zu machen, hat er diesen alten Musikdirector Götze zur Disposition genommen. Gefällts ihm, so kömmt er gelegentlich mit einer neuen Oper an, studirt sie ein u. dirigirt sie monopolmäßig. Eine weitläufige Auseinandersetzung dieser Verhältnisse ersparen Sie mir, Liebe, denn ich leide zu sehr darunter, als daß ich gerne davon spräche. –
Lieb wird mirs seyn, von Ihnen Neues aus Stuttgart zu erfahren. Daß Ihr durch Kückens Anstellung beglückt worden seyd, weiß ich. Benedict, Soletsch , Walter oder ich wären ebensogut gewesen. Allein von unserem Hofe ist dergleichen nicht zu gewärtigen. Lindpaintner geschieht übrigens sein Recht. –
Was macht Logau? Ich habe seit April keine Nachrichten von ihm. – Was machen v. Königs, v. Hayns, u. s. w.? Schreiben Sie mir davon, wenn es Sie nicht langweilt mit zu schreiben. –
Grüßen Sie mir alles was mir gut ist.
Wie gerne sähe ich Sie wieder einmal! Aber so bin ich darauf angewiesen, Ihr treuherziges, gutes Gesicht im Bilde zu küssen, wie ich es so oft gethan habe. – In der Anlage schicke ich Ihnen eine Copie meiner häßlichen Visage die man diesen Frühling gemacht hat. Ich weiß, Sie sehen das Bild hin und da einmal mit jenem Blicke stillen Segens an, der so oft Ruhe u. Frieden in meine gequälte Seele brachte und erinnern sich dabey mit frommen Wünschen an den in der Ferne duldenden Freund.
Daß ich meinen Verpflichtungen gegen Sie noch nicht nachkommen kann, bitte ich Sie mir nicht übel zu nehmen. Ich wollte ja gern, meine Arbeit wäre so gesegnet, daß ich sie [...] recht bald lösen könnte.
Noch möchte’ ich Sie bitten sich nach Schillings derzeitigen Verhältnissen zu erkundigen, u. mir darüber das Erfahrene zu schreiben. Die Klavierschul-geschichte spuckt nämlich wieder und da ich bey der Angelegenheit betheiligt bin, so möcht’ ich gerne alle Verhältnissen klar und gerade in’s Gesicht sehen. –
Ich schließe mit den besten Wünschen für die kommenden Festtage, an denen sich alle Welt freut, nur ich nicht. – Leben Sie wohl oder mindestens tausendmal besser als ich und behalten Sie so lieb als Sie können Ihrentreuen alten Freund Joachim Raff.