29. 4. 1850
Brief an Kunigunde Heinrich
ID: A01447
| Absender: | Joachim Raff (C00695)
|
| Erstellungsort: | [ohne Ort] |
| Empfänger: | Kunigunde Heinrich (C00362)
|
| Datierung: | Quelle undatiert Frühestens 29. April 1850 (ermittelt) |
| Standort: | Bayerische Staatsbibliothek (München) |
| Signatur: | Raffiana II |
| Umfang: | 12 Seiten |
| Material: | Papier |
| Schreibmittel: | schwarze Tinte |
| Incipit: | Also endlich! Nur Gottlob besser spät als gar nicht! |
* Daten nicht verifiziert
Also endlich! Nun Gottlob besser spät als gar nicht! Aber ein ganzes Vierteljahr nicht zu schreiben!! Es ist zu arg! Na kommen Sie mir wieder und sagen, Sie hätten mich lieb! Wer das glaubte! Aber nun ist endlich Ihr Brief wieder da, und ich will also meine Gelüste, tapfer zu schimpfen, bezähmen. –
Es wird drollig in meinem heutigen Briefe aussehen, Liebe! Aber ich weiß, Sie sind mir darum nicht böse. –
Erst zu Ihrem lieben Briefe zurück! Was Sie mir von Logau schreiben kömmt mir nicht unerwartet. Indeß freue ich mich, daß es noch andre Leute giebt, die meiner Meinung sind, und endlich bin ich schauerlich schadenfroh, daß gerade Sie, Liebste, diese Erfahrung gemacht haben. Ja sehen Sie, Sie wünschen mir immer diese seltsame Ruhe; aber ich gehöre nun mal nicht zu jenen Menschen ohne Liebe und ohne Haß, die so pomadig dahin duseln, als ob gar kein Tag käme, wo man sterben müßte, und bereute, daß man kein Mensch war. Denn welches auch unser Daseyn nach diesem Leben seyn mag, soviel ist gewiß, daß es nicht identisch, nicht einmal ähnlich mit unserer gegenwärtigen Existenz seyn kann, und darum ist es denn doch gut die Fehler und Tugenden unserer Gattung zu theilen. Uebrigens bei alledem erfüllt mich Logau mit tiefem Bedauern. Es ist vielleicht nicht am Platze wenn ich es hier ausspreche; aber wissen Sie was diesen Menschen retten kann? Ein gutes, regsames junges Weib, welches ihn dem einschläfernden Einflusse seiner Mutter entzieht, alle seine Leidenschaften entflammt, und seinen Bestrebungen (vielleicht wider seinen innerlichen Willen) eine neue Richtung giebt. Ich z. B. der ich von jeher eine unauslöschbare Gluth im Herzen trage, die mir freilich schon mehr
geschadet als genützt hat wenn ich äussere Beziehungen ins Auge fasse, kann das entbehren. Aber er – eine so unselbstständige faible Natur! Ist ihm wirklich keine Frau anzuschaffen? Keine gelehrte – nein irgend ein Mädchen was knapp schreiben und lesen kann, voll Leben und ursprünglicher Naivetät. – Aber ich lese es aus Ihren Mienen, Gute, es ist ihm fast nicht zu helfen. Vollends wenn der unglückliche der Lacorré in die Hände fiel.
Na, lassen wir ihn! Nur noch eins! Ehe ich Ihren Brief nebst dem von W. Bock empfing, schrieb mir Bock, der glaubte, daß ich diese Nachrichten schon empfangen hätte, einen 2ten Brief , der also den ersten überholte, worin er mir seine Abreise binnen 14 Tagen nachficirt [?] und die trübe Nachricht bringt, daß Logau’s Stück nicht so gefallen habe, als man es vielleicht erwartete. Da ich Ihre Nachrichten, Liebe, über diesen Punkt noch nicht besitze, so will ich meine Meinung ajourniren aber gleichwohl wird es genug Leute geben, die das sagen, was ich Ihnen in meinem letzten oder vorletzten über den «Arnold» sagte. Gelegentlich kommen wir also auf Logau zurück.
Was Sie mir von Kolatschek u. Rank schreiben ergötzt mich. Kolatschek stand auch mit Kolisch in Beziehung, der jetzt in Paris ist, wo es ihm gut geht, – sein Kamerad Frankl ist noch hier.
Sie schelten mich aus wegen meiner altklugen Bemerkung über das Chopingedicht. Kommt mir ganz unerwartet, Liebe! Im Gegentheil freute ich mich über die gesetzte Manier, die sich
in meiner diesmaligen Naseweisheit kund gab, und nun kommen Sie, und gießen auf mein superkluges Wesen kalt Wasser. – Um mich zu rächen begehe ich die Fädesse Sie über die sinnige Einrichtung Ihrer Chopinfeier zu complimentiren. Raff – complimentiren! – Drei Kreuze an die Wand, aber groß mit Kreide oder Rothstift. Nicht wahr? Lassen Sie sich küssen, Liebe, und lachen wir nach besten Kräften.
Strauß u. Lacorré – Stimmenwetteifer. Gott! welche Gegend! Ja, ja es ist wahr: Nitimur in vetitum, semper cupimusque negata. z. d. wir streben nach dem Verbotenen und begehren immer das, was uns versagt ist. Also G. v. H. nennt mich den Bevorzugten! Ja, was weiß der! Allerdings habe ich den Vorzug mehr ausgescholten zu werden als jeder andre. Aber freilich, das bewiese nichts als daß Sie wirklich Interesse für mich gehabt hätten. Denn man erzürnt sich nicht über Leute, die einem gleichgültig sind. Uebrigens acceptire ich sein Compliment de tout mon coeur und – lachen Sie so viel Sie wollen – ich bin affectiv stolz auf den Titel, den er mir giebt. Ja, ja, Sie sollten sehen wie ich mich diesen Augenblick innert meinen 4 Mauern brüste! Und habe ich nicht Recht? Habe ich nicht Jahre lang warten müssen, um ein befreundetes Herz zu finden. Endlich fand ich eins, und was für eins! Warum soll ich nun nicht damit stolziren? –
Sie sind böse darauf, daß ich meinen Brief nicht auf Ihren Geburtstag expedirte. Ja sehen Sie, nachdem Sie von der Sache sprachen, so will ich Ihnen den Grund ganz
aufrichtig sagen. Ich hatte mir vorgenommen, Ihnen meine werthe Person daguerotypirt zu senden, und hoffte bestimmt darauf, zu diesem Ende während der Fastnacht nach Leipzig kommen zu können. Aber meine Hoffnungen und Absichten scheiterten leider an der Unmöglichkeit sich hier los zu machen. Freilich hätte ich einen nach Leipzig schicken können, der einen hübscheren Kopf als ich geliefert hätte; gewiß wäre Ihnen auch bestens damit gedient gewesen. Aber mir nicht. So nachdem mir meine Freude verdorben war, wurde es mir grämlich Ihnen zu schreiben – ich sage grämlich, weil es mich förmlich grämte, Ihnen schreiben zu sollen, ohne den Beweis liefern zu können, daß ich nicht bloß am 25. sondern auch an verschiedenen andern Tagen an Sie gedacht. Sie citiren unsern todten Troll! Die Todten in Ruhe lassen, Liebe! Nun sagen Sie mir, daß Sie nicht mehr böse sind!
Thun’s waren, wie Sie sagen, ganz treffliche Leute. Psalm, – Mathilde ? – Kopfweh – u. s. w. mir noch alles in frischer Erinnerung. Wenn ich nach Berlin komme, so will ich die Leute aufsuchen. Aber das wird erst geschehen, wenn wir zum Göthecomité reisen, oder vielleicht auch, wenn sie dort den «König Alfred» einstudiren.
Fräul. Wimpfen gratulire ich. Thut mir leid, daß ich so wenig in Gondolieren, Notturnen u. s. w. gearbeitet habe (nein, diese Dintenklex!!) sonst würde ich mich in ihrer Erinnerung verewigt haben.
Sie meinen, Ihre Feder sei gar nicht zu repariren. Sie mit ihrem Silberdruck, worüber klagen Sie denn? Sehen Sie, wie ich kratze und ich kann doch die Federn selber schneiden. Thu’s freilich selten. Pure Faulheit!
Also man hat Glossen über uns gemacht – man war boshaft? – Warum denn nicht? – Trösten Sie sich! Neben der Bosheit residirt gewöhnlich die Dummheit und fast immer die Herzlosigkeit. Uebrigens werden Sie noch mehr als einmal mit mir ausgehen, und der Tag wird sogar kommen, wo Sie mit einer Art von Stolz sich auf meinen robusten Arm stützen, als wollten Sie sagen «er ist weder dümmer noch schlechter als anderes Menschenkind.»
Dingelstedt (dessen Brief über den «Propheten» an Franz Liszt Sie gewiß gelesen haben – er ist in der Cölnerzeitung abgedruckt) hat an Liszt schon wegen des Vampirs geschrieben. Er macht sich lustig über Lindpaintner’s Versuch die alte Leier durch neue Instrumentaleffecte (Bassethörner) aufzufrischen. – «Il matrimonio segreto» ist allerdings eine hübsche Oper u. eine der besten von Cimarosa. Wenn Sie, wie ich nicht zweifle aufgepaßt haben, werden Sie eine seltsame Aehnlichkeit mit Mozart entdeckt haben.
«Gütle» – Namen, den nur ich ordentlich verstehen kann, was knüpfen sich an dich für glückliche Erinnerungen!? Also es grünt und blüht wieder, wird auch ordentlich [...] begoßen, u. s. w. A propos begießen. Sie sollten sehen, wie ich meine Blumen und meine Epheulaube und den Epheu der sich um den Amor über meinem Sectretaire rankt begieße. Nein, Sie sollten’s lieber nicht sehen; denn Sie lachten sich gleich todt.
Sie machen Witze darüber daß ich nicht sobald nach Stuttgart komme. – Nun, sparen Sie das; schaffen Sie sich vielmehr Eau de Cologne für den Schreck an, den Sie erleben werden. Denken Sie, daß Sie eines Abends ganz arglos in’s Gütle kommen. Sie gehen unter den Baum, setzen sich auf die Bank, sehen nach Ludwigsburg zu hinunter ergötzen sich an diesem u. jenem. Jetzt gehen Sie die 2 kleinen Treppen hinauf, auf die der Regen allemal soviel Grund schwemmt (na, ich sehe schon ich muß mit dem Karste kommen) und wollen ins Häuschen hinein. Herrgott, was ist das für ein Schatten! Nein einen solchen kann der kleine Nussbaum unmöglich werfen. Der Schreck überfällt Sie. Wie, wenn Diebe – Mörder! Der Schlüssel fällt Ihnen aus der Hand. Sie wagen nicht hinzusehen. Sie stehen wie angewurzelt. Endlich thun Sie einen Schritt vorwärts – mechanisch, wie man das in großer Beängstigung oft thut, da steht das Unerhörte vor Ihnen. «Er ists» ; ja wohl, leibhaftig. Sofort entdecken Sie an meine ganzen schwerfälligen Figur (das einzige was ich mit Beethoven gemein habe) daß da von einem abgeschiedenen Geist nicht die Rede seyn kann. Endlich kommen Sie zu sich. Sie ermannen sich. «Herr Weisinger, bitte Herr Nachbar Weisinger, thun Sie mir den [einzigen?] Gefallen, und werfen Sie mir den Menschen hier aus dem Garten hinaus.» Danke, Liebe, gehe lieber selber. Jaja! Zum Todtlachen! Aber ‘s kann vorkommen. –
Sie lesen die mus. Journale häufig. Leider ist jetzt etwas Ebbe. Sie wundern sich vielleicht darüber, daß ich von mir nichts hineinsetzen lasse, daß selbst in den Signalen, wo ich alle Weimarer Artikel schreibe, nicht von mir die Rede ist. Es geschieht absichtlich. Ich habe kein voriges Pulver zu verschießen. Einen großen Coup vorbereiten, bis dahin keinen unnöthigen Rumor machen, dann aber solid und anständig mich in der Oeffentlichkeit poussiren ist meine Absicht. Darum habe ich noch letztens Hagen, Senff u. a. dringend gebeten, nichts über mich zu sagen. –
Die Klauss anlangend muß ich gestehen, daß die Zeitungen übertreiben. Sehen Sie: das Mädchen reist mit ihrer Mutter. Die Leute haben 2000 Thaler Revenue, sind von ganz guter Familie in Prag und beide nicht päßlich – jedes für sein Alter nämlich – jetzt können Sie sich denken, daß die Admiration der Herren Recensenten nicht ganz uneigennützig ist. Das Wahre ist daß die Klauss noch viel – viel lernen muß. Punctum.
Soweit Sie, Liebe; jetzt aber komm’ ich. Der «König Alfred» der die Mitglieder des hiesigen Theaters jetzt schon mit Schrecken füllt, geht rüstig der Vollendung der zweiten Ueberarbeitung entgegen. Eine Riesenarbeit. Denken Sie daß mannigfache Aenderungen vorgekommen sind, u. daß ich fast das Ganze uminstrumentire. Zu diesem letztern hat mich vorzüglich die Betrachtung des norddeutschen Orchesterétats vermocht. So z. B. verstärke ich das Posaunenchor durchweg durch eine Basstuba, streiche die 3ten Trompeten und das Contrafagott.
Die neue Partitur ist ganz geeignet, Entsetzen zu erregen. Schon die alte sah etwas seltsam aus. Seitdem ich mich aber im Orchester gehört habe, bin ich nicht mehr zu halten. Die Partitur ist auf einem enorm großen Format geschrieben und die Seite zählt öfters in 30 Zeilen, sodaß man’s fast nicht übersehen kann. Ich habe eine wahre Wuth, das Abentheuerliche zu leisten.
Es wäre mir lieb, wenn Sie abkommen könnten um die erste Vorstellung, die denke ich im October oder Anfang Nov. stattfinden wird, beizuwohnen. –
Die ersten Klavierproben wird Liszt leiten, dann aber muß ich selbst am Studiren Theil nehmen. Man hofft trotz aller Schwierigkeiten mit dem Einstudiren in 6 Wochen fertig zu seyn.
Auch mein Psalm wird im nächsten Winter vom Montagschen Gesangverein und dem Theaterorchester aufgeführt. Der erste Satz wird neu geschrieben, weil mir der alte nicht mehr gefällt.
Im Ganzen verfließt mein Stilleben ziemlich ruhig u. gleichförmig. Anders verhält es sich mit dem Leben ausser dem Hause, was sehr unstet und bewegt ist. Seit 4 Wochen z. B. komme ich gewöhnlich erst Nachts um 1, 2 Uhr zu Bette u. muß doch morgens wieder ziemlich bei Zeiten auf. Ja, sehen Sie, da ist heute dies, morgen das, wo ich immer eingeladen bin, dann ist Liszt so sehr an mich gewöhnt, daß wir gewöhnlich erst mit einander abgehen.
Gottlob erfreue ich mich (nein, die Feder halt’ ich nicht mehr aus) erfreue ich mich (ach, die ist auch nicht viel werth) erfreue ich mich einer ziemlich guten Gesundheit – alles Gegentheil unberufen. –
Im Theater haben wir nicht viel Neues gehabt. Die Erfurter Deputirten waren sehr oft und sehr zahlreich da. Liszt war mal drüben und spielte in einer Soiree des Regierungspräsidenten . Er kennt viele davon persönlich. Da dieselben sehr oft hieherkamen, habe ich denn auch die bedeutenderen kennen gelernt zum Theil interessante Personen. Ein sehr rührender Vorfall ist dieser: Der hiesige Hof bekannt wegen seiner Kunstliebe u. Humanität (was besonders von der Großherzogin gerühmt werden muß, obschon sie russische Princessin ist) hatte seiner Zeit den Verhaftsbefehl gegen Richard Wagner nicht in Vollzug setzen lassen, sondern ihm Zeit gegeben sich zu entfernen, was ihm durch Liszts Hülfe, der ihn seit 1 1/2 Jahren fast immer mit Geld, Empfehlungen u. s. w. unterstützt, gelang. Nun ist der Mann doch als rother Republicaner förmlich geächtet und mehre Höfe negligiren ihn lediglich aus diesem Grunde. Hier wird davon keine Notiz genommen. Als nun neulich durch den Erbprinzen die sämmtlichen Deputirten von Erfurt eingeladen waren, so befahl die Großherzogin, den «Tannhäuser» (welches förmlich ihre Lieblingsoper geworden ist) zu geben; abends las man also auf dem Zettel heute u. s. w. auf höchsten Befehl der «Tannhäuser» . Dergleichen kann mich rühren. Sie nicht auch, Liebe? Sehen Sie, so sind leider nicht alle Höfe.
In einem neulichen Bürgerwehrconcerte machte man wieder den Göthemarsch. Seit ich ihn instrumentirt habe, kennen ihn die Leute nicht mehr gegen früher. Sie haben jetzt eine wahre Wuth ihn zu hören. Sehen Sie, wie eitel ich bin. O die Ruthe, bitte geben Sie mir die Ruthe! Gleichwohl kommt man nirgends hin ihn eine große Portion
Selbstvertrauen, welches freilich von den nöthigen Kenntnissen unterstützt seyn muß.
Das Wittwenconcert im Theater brachte uns unter anderem die Ouvertüre zu «Todernskiold» von Saloman und auch das Mendelssohnsche Violinconcert , von Stör sehr schön gespielt.
Gestern hatten wir in der Stadtkirche den Elias von Mendelssohn unter Liszts Leitung.
Von bedeutenden Fremden waren hier der famose Geiger Joseph Joachim. Dieser 19jährige Virtuose ist Professor in Leipzig am Conservatorium. Wir waren gleich Freunde. Drollig war’s, als wir uns in die Fremdenbücher im Schloss, Schillerhause u. s. w. einzeichneten. Da stand immer:
Sie sehen wie klein der Unterschied ist. Viel kleiner als bei Joseph Rank.
In einer Matinee bei Liszt spielten er und Joachim die Amoll Sonate von Beethoven und dann meine Eglogue fantastique. Ein paar Tage darauf war große Soirée bei Liszt; da machten er und die Hh. Stör und Apel das 1. Trio von Caes. Aug. Franck, dann spielten Joachim, Stör, Walbrül u. Apel das 9te Quartett von Beethoven, darauf Joachim eine 3stimmige Fuge von Bach auf seiner Geige allein, dann zum Schluße abermals die Hh. Joachim, Stör, Walbrül u. Apel – rahten Sie was? Das fugirte Adagio aus dem Raff’schen, ja ja lachen Sie nur, aus dem Raffschen Quartett, und zwar
auf allgemeines Verlangen zweimal. Dieses Adagio ist so wie der zweite Satz unter dem Apfelbaum im «Gütle» geschrieben worden, und dort hätte ich das ganze Quatuor sollen fertig machen. Denn es ist als ob der T… darin stäcke: ich komme nicht zum Schluß. –
Liszt war sehr erfreut über die Arbeit. Er wandte sich zu den Umstehenden unter denen sich auch der Intendant u. mehre eminente Künstler wie die Maler Preller u. Diez, der Componist Saloman, der bekannte Organist Dr. Töpfer u. s. w. befanden, u. sagte: «Der hat was gelernt und kann was machen. Gebt acht! in ein paar Jahren wird er hoch droben seyn.» «Ich hoffe vorwärts zu kommen, wenn Sie am Leben bleiben» , entgegnete ich. «Nein, nein» , sagte er dann «wenn man soweit ist, wie Sie, kann man fremde Hilfe entbehren, obwohl Ihnen die meinige nie fehlen kann!» Sie sehen, er ist sehr nachsichtig gegen mich.
Joachim wird eine Violin- u. Liszt eine Klavierpièce über den «König Alfred» schreiben. Der letztere wird auch mein Lob im Journal des Debats besingen.
Der Componist Saloman (Verfasser des Diamantkreuzes ) ist hier gewesen u. kömmt wieder. Er hat eine einactige Oper geschrieben «Das Corps der Rache» . Da man in solcher Lage nicht nach Weimar und zu Liszt kommen kann, ohne an mir vorbeizupassiren, so war Salomann in großer Angst ich möchte der Annahme des Werkes in den Weg treten. Allein ich leistete ihm im Gegentheil allen nur erdenklichen Vorschub, wie auch Liszt. Das Operchen ist nun angenommen, und wird in etwa 4 Wochen
gegeben. Nichts daran! –
Liszt hat eine hübsche Mazurka und eine sehr gelungene Uebertragung des Hochzeitsmarsches aus dem Sommernachtstraum von Mendelssohn geschrieben. Liegt Ihnen was dran, solch Sachen früh zu haben, so kann ich Ihnen hier eine Copie machen oder machen lassen, und Sie können alsdann die Sachen schon gespielt haben, ehe sie in Druck kommen.
Ich habe mir ein Manuscript von Schott und auch von Kistner zurückgeben lassen (beides ältere Arbeiten) um daran was umzuarbeiten. Man wird’s hernach noch diesen Sommer ediren. –
Schuberth hat sich neulich etwas unartig benommen. Darauf hab’ ich ihm einen Brief geschickt, den er nicht wird hinter den Spiegel gesteckt haben. Er ist nun die ganze Zeit in Leipzig auf der Messe gewesen. Er u. seine Frau haben mich nun drüben haben wollen. Sie wollten mir sogar die Reiseunkosten bezahlen. Ich habe aber den Spröden gespielt, und Schuberth muß wohl zu Kreuze kriechen, weil er ohne mich den Augenblick nicht fertig werden kann. Sie sehen, ich bin boshaft.
Indes Neuigkeiten giebts bei uns den Augenblick nicht. Vermuthlich haben Sie schon an dem genug. Klavier spiele ich gar nicht mehr. Ich habe mir nicht mal eines gemiethet aus Furcht es möchte mich im Componiren stören.
Obiges ist seit 4 Monaten zu Papier gebracht. Seit der Zeit bin ich ein förmlicher Central-Lastesel geworden, der kaum zu Athem kömmt. Gleichwohl schreibe ich Ihnen einen langen Brief, sobald ein gewisses Ereignis vorgegangen seyn wird, d. h. in 8-10 Tagen.
Inzwischen der Ihrige wie immer Joachim Raff .