Absender: Hans von Bülow (C00114)
Erstellungsort: Boston
Empfänger: Joachim Raff (C00695)
Datierung: 29. Oktober 1875 (Quelle)
Standort: Bayerische Staatsbibliothek (München)
Signatur: Raffiana I, Bülow, Hans von Nr. 131
Umfang: 3 Seiten
Material: Papier
Incipit: Verehrter Freund,
in der Voraussetzung, daß Du mir die alte gütige Theilnahme bewahrt hast,
Veröffentlichung: Bülow, Briefe 5, S. 296 (Auszug); Kannenberg 2020.

Habe soeben das Konzert op. 185 mit enormen Erfolg gespielt, das durch die gute Pianistin Madeline Schiller hier bereits populär sei. Hatte einen vortrefflichen Dirigenten, B. Lang, da Bergmann heimgeschickt werden musste. Dieser fiel dem "russischen" Konzert [Tschaikowsky] zum Opfer. Möchte in New York dem jungen Schuberth auf den Pelz rücken, der unähnlich seinem seligen Onkel ein Ehrenmann sein solle. Reise nach New York, dann Philadelphia, Baltimore usw. Grüsse an Frau und Tochter. Stehe in Korrespondenz mit Mason und Damrosch. Steinweg befleissige sich der grössten Gemeinheiten. Sei wieder bei op. 91, das er seit der Scheidung nicht mehr gespielt habe.

Boston, Okt. 29. 75. Verehrter Freund, in der Voraussetzung, daß Du mir die alte gütige Theilnahme bewahrt hast, sende ich Dir einen flüchtigen Gruß aus der neuen Welt, die mir nach fast 3wöchentl. Aufenthalt in jeder Beziehung unendl. mehr zusagt als die alte. Habe so eben Dein Conzert gespielt mit énormem Successe – es ist übrigens bereits populär durch eine gute Pianistin Md. Madeleine Schiller. Es ging besser zusammen wie je in Deutschl. oder Engl. Hatte vortreffl. Dirigenten, jungen feinen Amerikaner B. Lang (eigentl. Pianist) den ich mir quasi improvisirt habe, da der Bierlümmel Bergmann (o diese Deutschen hier!) nach der ersten Woche heimgeschickt werden mußte. Er æfiel dem „russischen“ Conzerte zum Opfer. Kennst Du’s? Es ist mir sehr sympathisch – um ein objektives Urtheil scheere ich mich nicht. Ich fange an subjectiv zu werden.ç Das Werk gefiel sehr – Finale wurde dacapirt. Flügel v. Chickering himmlisch! Je länger ich darauf spiele um so mehr ziehe ich sie allen europäischen vor. Prachtvolle Elastizität und Repetition comme il faut, worin Bechstein so unausstehlich. — Deine Musik genießt hier reißenden Absatz. Werde in New York versuchen – Deiner Frau wegen, nicht Deinetwegen – dem jungen Schubert auf den Pelz zu rücken, der ein Ehrenmann sein soll, also unähnlich seinem sel. Onkel, dessen Sünden gegen Dich er sich vielleicht versteht zu repariren. Verlasse Boston 1 Nov. – beconzertire die Route nach NYork, wo ich 13 Nov. eintreffe 3 Wochen bleibe, zu Weihnachten von Philadelphia, Baltimore u. s. w. auch wieder retournire. Starke Grippe, aber nicht schlechten Humors und besser bei Finger als – je. Ja! Wie gehts Dir? Schönste Grüße an Frau u. Tochter. Überarbeite Dich nicht, ich beschwöre Dich. Mit Mason u. Damrosch in Correspondenz. Letzterer soll in New York dirigiren. Die neue Chickering Hall wird am 15 Nov. durch mich eingeweiht. Steinweg befleißigt sich der größten Gemeinheiten die nur von den deutschen Zeitungen (pooh padoe) aufgenommen werden aber das wird ihm wenig helfen – ich werde ihn todt machen. — Bin wieder bei Op. 91, das seit Scheidung nicht mehr gespielt. Gefällt mir jetzt wieder ganz angeheuer! Leb wohl, theurer Meister, gedenke zuweilen Deines treuergebenen HansvBülow. [copyright Simon Kannenberg]



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Zitiervorschlag: Bülow, Hans von: Brief an Joachim Raff (29. 10. 1875); https://portal.raff-archiv.ch, abgerufen am 15. 6 2026.