Boston, Okt. 29. 75. Verehrter Freund, in der Voraussetzung, daß Du mir die alte
gütige Theilnahme bewahrt hast, sende ich Dir einen flüchtigen Gruß aus der neuen
Welt, die mir nach fast 3wöchentl. Aufenthalt in jeder Beziehung unendl. mehr zusagt
als die alte. Habe so eben Dein Conzert gespielt mit énormem Successe – es ist
übrigens bereits populär durch eine gute Pianistin Md. Madeleine Schiller. Es ging
besser zusammen wie je in Deutschl. oder Engl. Hatte vortreffl. Dirigenten, jungen
feinen Amerikaner B. Lang (eigentl. Pianist) den ich mir quasi improvisirt habe, da
der Bierlümmel Bergmann (o diese Deutschen hier!) nach der ersten Woche heimgeschickt
werden mußte. Er æfiel dem „russischen“ Conzerte zum Opfer. Kennst Du’s? Es ist mir
sehr sympathisch – um ein objektives Urtheil scheere ich mich nicht. Ich fange an
subjectiv zu werden.ç Das Werk gefiel sehr – Finale wurde dacapirt. Flügel v.
Chickering himmlisch! Je länger ich darauf spiele um so mehr ziehe ich sie allen
europäischen vor. Prachtvolle Elastizität und Repetition comme il faut, worin
Bechstein so unausstehlich. — Deine Musik genießt hier reißenden Absatz. Werde in New
York versuchen – Deiner Frau wegen, nicht Deinetwegen – dem jungen Schubert auf den
Pelz zu rücken, der ein Ehrenmann sein soll, also unähnlich seinem sel. Onkel, dessen
Sünden gegen Dich er sich vielleicht versteht zu repariren. Verlasse Boston 1 Nov. –
beconzertire die Route nach NYork, wo ich 13 Nov. eintreffe 3 Wochen bleibe, zu
Weihnachten von Philadelphia, Baltimore u. s. w. auch wieder retournire. Starke
Grippe, aber nicht schlechten Humors und besser bei Finger als – je. Ja! Wie gehts
Dir? Schönste Grüße an Frau u. Tochter. Überarbeite Dich nicht, ich beschwöre Dich.
Mit Mason u. Damrosch in Correspondenz. Letzterer soll in New York dirigiren. Die
neue Chickering Hall wird am 15 Nov. durch mich eingeweiht. Steinweg befleißigt sich
der größten Gemeinheiten die nur von den deutschen Zeitungen (pooh padoe) aufgenommen
werden aber das wird ihm wenig helfen – ich werde ihn todt machen. — Bin wieder bei
Op. 91, das seit Scheidung nicht mehr gespielt. Gefällt mir jetzt wieder ganz
angeheuer! Leb wohl, theurer Meister, gedenke zuweilen Deines treuergebenen
HansvBülow. [copyright Simon Kannenberg]