Hall in Tirol, 3 Juli 1875. Mein verehrter Freund, das einzige Schöne was ich Dir von
hier aus noch schreiben kann (ich habe leider viel mehr zu schreiben, als mir gut
thut) sind schönste Wünsche für eine möglichst angenehme, a tempo bald sonnige, bald
schattige, niemals wässrige Sommerreise für Dich, Deine verehrte Frau und das geniale
Kind, das vermuthlich dießmal zur Theilnahme herangezogen wird. Mir gehts schlecht –
sogar schlechter. Die Münchner Ärzte haben entdeckt, daß nicht Gicht, wohl aber ein,
wenn auch nicht eben gar zu vehementer apoplektischer Anfall der Grund der ebenso
beharrlichen als widerwärtigen Leiden in der rechten Seite des Körpers und der linken
des Gesichtes ist. Ohne gerade etwas Positives zur Heilung darreichen zu können,
versichern sie mich aufs Entschiedenste der Heilbarkeit, Zeit und Geduld als
unerläßliche Faktoren hierbei allerdings beanspruchend. Das wäre recht schön – aber
Amerika? Ullman? Dieses Jahr sind die günstigsten objektiven Bedingungen zu dieser
Tournée vorhanden, die nächstes Jahr nicht halb so gut wiederkehren. Es ist ein
scheuslicher Conflict, aufreibend in moralischer Beziehung im höchsten Grade. Du
kannst Dir’s vielleicht auch ohne Worte vorstellen. Erlaß mir die unerquickliche
Durchführung des Motivs in Ansehung seiner Häßlichkeit. Was ich nun aber beginne?
Rückkehr nach München in drei Tagen, wo ich die Ärzte nochmals consultire, mein
Testament mache, meine Koffer packe. Am 14 Juli reise ich – als ob Alles in Ordnung
wäre – in ein englisches (unfrequentirtes Seebad) den Vortheil des Wellenschlages
verbindend mit der Bearbeitung eines Chickering, der aus dem Jenseits bereits für
mich fortexpedirt worden ist – nb. wenn ich Klavier wieder spielen kann – ich weiß
das nämlich nicht – ich hab’s die ganze letzte Zeit über nicht mehr probirt. Gehts
nicht, gut – ultra posse nemo tenetur – resignire ich im letzten Momente. Ullman (der
Amerikaner Palmer ist, wie ich Dir gesagt, sein transatlantisches alter ego – daher
die rhein. Kurier-Bastard-Ente – „wie schön sagt doch Dante in seinem Alighieri“)
wird vermuthlich mit meinem Cadaver keine Geschäfte machen wollen oder können – das
ganze Projekt würde also um ein weiteres Jahr vertagt. – Seitdem ich zu diesem
Entschlusse, den ich „männlich“ nenne, gekommen bin, d. h. zum Entschlusse, „so zu
thun“ als ob ich gesund wäre, reisen könnte und nichts zu unterlassen – was dazu
wesentlich erforderlich, hat sich mein sehr hypochondrisch gewordenes Gemüth ein
klein wenig beruhigt. Aber unter uns – seit 1869 himmlischen Andenkens habe ich mich
nicht in einer so peinlichen Lage befunden. Neben der großen allgemeinen Misere
quälen mich auch allerhand mehr oder minder wichtige Details. Zur ersten Sorte zählt
meine große Besorgniß, Deine Concert-Suite auf europäischem Boden nicht mehr [u..] in
Finger und Kopf (der entschieden gedächtnißschwach wird) bringen zu können; schade
dann – natürlich nur schade darum – um meine saubere Abschrift der Prinzipalstimme.
Vedrémo. — Klindworth, den ich ganz den Alten an Herz und Geist wiedergefunden und
durch dreiwöchentliches Hausgastthum wieder außerordentlich lieb gewonnen haben
würde, wenn ichs in der Zwischenzeit verlernt hätte, erwidert Deine Grüße aufs
Herzlichste. Er ist natürlich auch Dir treu geblieben. Er arbeitet ungeheuer fleißig
an der Revision des V u. VI. Bandes seiner wirklich famosen Musterausgabe von Chopin
(die 79 bei Bote et Bock herauskommen wird) – von der Moskauer Edition sind die drei
ersten Bände erschienen. Ich habe mir speziell dazu zu gratuliren, daß er diese
Arbeit im Angesichte der Kalkalpen jener in der Baireuther Ebene vorgezogen hat, bei
den Klavierproben dieser Wochen den Herren Josef Rubinstein und Hans Richter die
Blätter umzuwenden, wozu er so eine Art indirekte Einladung erhalten hatte. Es ist
doch ein Jammer, daß so ein Mensch in Deutschland entbehrt wird und doch nicht
entbehrt werden dürfte. Es geht ihm in Moskau materiell sehr gut und er „legt
zurück“. Aber die Sehnsucht aus Asien heraus nach der trotz Allem freundlicheren
Heimath läßt ihn schwanken, ob er den nächstes Jahr ablaufenden Contrakt mit dem
Moskauer Conservatorium wirklich wieder erneuern soll, sich auf weitere 5 Jahre (dann
ist er 50) binden. – Auch ein charmantes Dilemma! Könnte dann der gute Bronsart nicht
seine beiden Kapellmeister zum Kuckuck senden und ihn, den Eingebornen (doch
unwelfisch gesinnten) – Himmel warum nicht auch mich – an deren Plätze befördern? Ich
komme ins Schwatzen, weiß der Teufel wie! Vielleicht um meine innerlichen Jeremiaden
zu betäuben. Genug – ich brauche Dir nicht zu sagen, wie unendlich leid es mir thut,
Dich vermuthlich nicht mehr vor Jahresfrist (Götter was meint Ihr? – vielleicht also
doch nach) wenigstens nicht wiederzusehen. Allein – es geht eben nicht. Hören aber
soll Deine freundschaftliche Theilnahme sicher bei jedem guten Anlasse von Deinem
alten Bewunderer und ganz ergebenen Freunde Hans vBülow. Viele, viele Grüße an die
Deinigen. Nb, das vorhin betreffs Op. 200 in schmerzlichem Zweifel Gesagte soll nicht
sagen, daß ich auf die per Adr. Lucas & Weber in London (New Bond Street 84 W) zu
sendenden Orchesteraufführungsrequisiten, die Du mir leichtsinnig versprochen hast,
schon verzichtet haben will. [copyright Simon Kannenberg]