Absender: Hans von Bülow (C00114)
Erstellungsort: Hall im Tirol
Empfänger: Joachim Raff (C00695)
Datierung: 3. Juli 1875 (Quelle)
Standort: Bayerische Staatsbibliothek (München)
Signatur: Raffiana I, Bülow, Hans von Nr. 130
Umfang: 6 Seiten
Material: Papier
Incipit: Mein verehrter Freund,
das einzige Schöne was ich Dir von hier aus noch schreiben kann
Veröffentlichung: Kannenberg 2020.

Wünscht dem E., dessen Frau und Helene eine schöne Sommerreise. Klagt über gesundheitliche Probleme. Fragt sich, was mit Amerika und Ullmann sei. Ist besorgt, dass er die Konzertsuite op. 200 nicht in Europa spielen könne. Klindworth erwidere die Grüsse. Dieser arbeite, statt in Bayreuth Josef Rubinstein und Hans Richter die Blätter zu wenden, an seiner Chopin-Ausgabe, die bei Bote & Bock erscheine. Fragt, ob nicht Bronsart seine Kapellmeister zum Kuckuck senden könne, um Klindworth und ihn zu befördern. Möchte die "Orchesteraufführungsutensilien" von op. 200.

Hall in Tirol, 3 Juli 1875. Mein verehrter Freund, das einzige Schöne was ich Dir von hier aus noch schreiben kann (ich habe leider viel mehr zu schreiben, als mir gut thut) sind schönste Wünsche für eine möglichst angenehme, a tempo bald sonnige, bald schattige, niemals wässrige Sommerreise für Dich, Deine verehrte Frau und das geniale Kind, das vermuthlich dießmal zur Theilnahme herangezogen wird. Mir gehts schlecht – sogar schlechter. Die Münchner Ärzte haben entdeckt, daß nicht Gicht, wohl aber ein, wenn auch nicht eben gar zu vehementer apoplektischer Anfall der Grund der ebenso beharrlichen als widerwärtigen Leiden in der rechten Seite des Körpers und der linken des Gesichtes ist. Ohne gerade etwas Positives zur Heilung darreichen zu können, versichern sie mich aufs Entschiedenste der Heilbarkeit, Zeit und Geduld als unerläßliche Faktoren hierbei allerdings beanspruchend. Das wäre recht schön – aber Amerika? Ullman? Dieses Jahr sind die günstigsten objektiven Bedingungen zu dieser Tournée vorhanden, die nächstes Jahr nicht halb so gut wiederkehren. Es ist ein scheuslicher Conflict, aufreibend in moralischer Beziehung im höchsten Grade. Du kannst Dir’s vielleicht auch ohne Worte vorstellen. Erlaß mir die unerquickliche Durchführung des Motivs in Ansehung seiner Häßlichkeit. Was ich nun aber beginne? Rückkehr nach München in drei Tagen, wo ich die Ärzte nochmals consultire, mein Testament mache, meine Koffer packe. Am 14 Juli reise ich – als ob Alles in Ordnung wäre – in ein englisches (unfrequentirtes Seebad) den Vortheil des Wellenschlages verbindend mit der Bearbeitung eines Chickering, der aus dem Jenseits bereits für mich fortexpedirt worden ist – nb. wenn ich Klavier wieder spielen kann – ich weiß das nämlich nicht – ich hab’s die ganze letzte Zeit über nicht mehr probirt. Gehts nicht, gut – ultra posse nemo tenetur – resignire ich im letzten Momente. Ullman (der Amerikaner Palmer ist, wie ich Dir gesagt, sein transatlantisches alter ego – daher die rhein. Kurier-Bastard-Ente – „wie schön sagt doch Dante in seinem Alighieri“) wird vermuthlich mit meinem Cadaver keine Geschäfte machen wollen oder können – das ganze Projekt würde also um ein weiteres Jahr vertagt. – Seitdem ich zu diesem Entschlusse, den ich „männlich“ nenne, gekommen bin, d. h. zum Entschlusse, „so zu thun“ als ob ich gesund wäre, reisen könnte und nichts zu unterlassen – was dazu wesentlich erforderlich, hat sich mein sehr hypochondrisch gewordenes Gemüth ein klein wenig beruhigt. Aber unter uns – seit 1869 himmlischen Andenkens habe ich mich nicht in einer so peinlichen Lage befunden. Neben der großen allgemeinen Misere quälen mich auch allerhand mehr oder minder wichtige Details. Zur ersten Sorte zählt meine große Besorgniß, Deine Concert-Suite auf europäischem Boden nicht mehr [u..] in Finger und Kopf (der entschieden gedächtnißschwach wird) bringen zu können; schade dann – natürlich nur schade darum – um meine saubere Abschrift der Prinzipalstimme. Vedrémo. — Klindworth, den ich ganz den Alten an Herz und Geist wiedergefunden und durch dreiwöchentliches Hausgastthum wieder außerordentlich lieb gewonnen haben würde, wenn ichs in der Zwischenzeit verlernt hätte, erwidert Deine Grüße aufs Herzlichste. Er ist natürlich auch Dir treu geblieben. Er arbeitet ungeheuer fleißig an der Revision des V u. VI. Bandes seiner wirklich famosen Musterausgabe von Chopin (die 79 bei Bote et Bock herauskommen wird) – von der Moskauer Edition sind die drei ersten Bände erschienen. Ich habe mir speziell dazu zu gratuliren, daß er diese Arbeit im Angesichte der Kalkalpen jener in der Baireuther Ebene vorgezogen hat, bei den Klavierproben dieser Wochen den Herren Josef Rubinstein und Hans Richter die Blätter umzuwenden, wozu er so eine Art indirekte Einladung erhalten hatte. Es ist doch ein Jammer, daß so ein Mensch in Deutschland entbehrt wird und doch nicht entbehrt werden dürfte. Es geht ihm in Moskau materiell sehr gut und er „legt zurück“. Aber die Sehnsucht aus Asien heraus nach der trotz Allem freundlicheren Heimath läßt ihn schwanken, ob er den nächstes Jahr ablaufenden Contrakt mit dem Moskauer Conservatorium wirklich wieder erneuern soll, sich auf weitere 5 Jahre (dann ist er 50) binden. – Auch ein charmantes Dilemma! Könnte dann der gute Bronsart nicht seine beiden Kapellmeister zum Kuckuck senden und ihn, den Eingebornen (doch unwelfisch gesinnten) – Himmel warum nicht auch mich – an deren Plätze befördern? Ich komme ins Schwatzen, weiß der Teufel wie! Vielleicht um meine innerlichen Jeremiaden zu betäuben. Genug – ich brauche Dir nicht zu sagen, wie unendlich leid es mir thut, Dich vermuthlich nicht mehr vor Jahresfrist (Götter was meint Ihr? – vielleicht also doch nach) wenigstens nicht wiederzusehen. Allein – es geht eben nicht. Hören aber soll Deine freundschaftliche Theilnahme sicher bei jedem guten Anlasse von Deinem alten Bewunderer und ganz ergebenen Freunde Hans vBülow. Viele, viele Grüße an die Deinigen. Nb, das vorhin betreffs Op. 200 in schmerzlichem Zweifel Gesagte soll nicht sagen, daß ich auf die per Adr. Lucas & Weber in London (New Bond Street 84 W) zu sendenden Orchesteraufführungsrequisiten, die Du mir leichtsinnig versprochen hast, schon verzichtet haben will. [copyright Simon Kannenberg]



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Zitiervorschlag: Bülow, Hans von: Brief an Joachim Raff (3. 7. 1875); https://portal.raff-archiv.ch, abgerufen am 15. 6 2026.