London, Dez. 5. 74 Haben Sie schönsten Dank, verehrte Frau für die unblasirte
Aufnahme meiner neulichen Mittheilungen, die ich heute vervollständigen kann durch
die Kunde, daß gestern Abend Op. 128 colossal durchgeschlagen und den beiden Spielern
nach jedem Satze gleich stürm. Applaus eingetragen hat. Strauss war besser disponirt
als je – er bringt sich respektvoll dem Autor in Erinnerung. Quintett am Samstag vor
8 Tagen gefiel gleichfalls sehr*) – doch ist das Samstag-Nachmittag-Publikum kühler
als das Montag-Abend-ditto. Auch ließ die Aufführung an Ensemble-Verve zu wünschen
übrig. Die Leute waren von der 2stündigen Probe etwas müde. „A Londres les musiciens
n’ont pas le temps de faire de la musique“ sagte Berlioz. Correktur einen der ersten
Montage im Januar. Dannreuther studirt fleißig in der D moll Sinf. die mir Bock
neulich zugeschenkt und die ich mit staunender Bewunderung vorige Woche auf der Reise
gelesen. Herr Gott von Mannheim, wo will der Mann noch hinaus d. h. hinan? Wenn die
Royal Albert Hall-Unternehmung (bis jetzt sehr defizitterlich) sich weiter hält, so
beabsichtigt obbemeldeter D. sie – die D moll – baldigst aufzuführen. Er ist ein
guter Dirigent. Ich fühle mich plötzlich so müde und dumm, daß ich mich noch kürzer
fassen muß, als ich beabsichtigte, und leider Ihre Vermittlung mit Ihrer Fräulein
Tochter ein bischen Politik zu plaudern, nicht in Anspruch zu nehmen vermag. Also nur
noch allerherzlichste, freundschaftlichste Grüße Ihres alten treuen H vBülow. ◊1 (*,
ja, ja, ja! ◊2Spielen Sie doch nicht so viel Schau! Das Theater hat sich ja schon
lange überlebt. [copyright Simon Kannenberg]