München, 18 Okt. 72 Verehrtester Freund, hilf, hilf! Du machst mir meine Flämmchen
abspenstig! Giulia Masetti (Contessina) verlangt plötzlich Dein Photo – mit Autogramm
von Dir. Thue mir den Gefallen und sende ein Stück in Visitenkartenformat – womögl.
mit dem jesuitischen Schnörkel von dunnemals für das schöne Augenpaar an mich der ich
vom 22 d. an in Prag Hotel de Saxe bis 29sten hausen werde. Dann Wien, wo Conzerte am
2. 7. 14. 19. in Pesth mit Singer u. Coßmann 20. 22. 25. Weihnachten bringe ich wie
Du weißt in Wiesbaden zu. Anbei Conzertprogramm von heute für Frau Doris. Gestern war
gutes Conzert in Innspruck, morgen Linz, übermorgen Salzburg. Fünf Nächte hinter
einander außer Bett! Habe immer noch – seit 14 Tagen – einen gräulichen Katarrh –
dennoch halte ich die Strapatzen aus ohne daß man’s meinem Klimpern anhört und weiter
braucht es ja nichts. Unter sothanen Verhältnissen nimm es mir nicht übel, wenn ich
mich Deinen ultrafreundwilligen Bestrebungen für den Mäusehehler nicht anschließen
kann. Geld habe ich nicht – anpumpen thue ich Niemanden auch für Andere nicht. Zudem
mißfällt mir das Gebahren R’s. Du weißt er hatte nach Wien geschrieben, sich um die
Stelle am Horakschen Institute beworben. Ob er wohl diesen ihm fremden Hrn Direktor
ebenfalls das Ansinnen gestellt haben würde, ihn von seinem Düsseldorfer
Schuldenübergewicht erlösen zu helfen? Zudem besitzt er einen reichen (für Andere
sehr unausstehlichen) Onkel in Vevey. „Sehe Jeder, wie er’s treibe!“ Hartherzig bin
ich von Natur nicht – aber jetzt heißts – für meine Kinder sorgen und da kann ich
mich nicht damit befassen, ◊1Vorsehung zu spielen für sogen. Mitschüler! Was macht
Helenchen? Daß Du meinen Rauchscherz freundlich aufgenommen, ist schön – weniger
schön, daß Du sie als Rauchdusi für Leidenthäler od. drgl. behandeln willst. Hat Dir
Alex meine Grüße bestellt? Dir von dem wirklich charmanten, sehr reüssirten Conzerte
in Baden erzählt? Deine Frau kann doch den Ahasver bis Ende Dezember noch entbehren?
Behalte mich in freundschaftlichem Andenken und lasse gelegentlich mir ein
Lebenszeichen von Dir zukommen. Ciaõ (sagen die Mailänder) Dein treuergebener Bülow.
[copyright Simon Kannenberg]