München, 2 Okt. 1872 Verehrtester Freund, gestattest Du mir, das triviale dictum: bis
qui cito geltend machend, Dir heute nur mit einem flüchtigen Gegengruße für Dein
reizendes Briefchen zu danken? Weißt Du warum mir dasselbe so besonders werthvoll
erscheint? Als treu natürlichstes Abbild des guten, hilfreichen, liebenswürdigen
Menschen, der in dem großen Meister steckt. An Ratzenberger thust Du ein gutes Werk –
hoffentlich ist der Junge nicht mehr so grasgrün, um das nicht anzuerkennen. Ich
kenne ihn als einen anständigen Menschen, der vor Autoritäten Respekt hat und an dem
Du deßhalb keinerlei Undank oder Weinhändlersohnsfrechheit erleben dürftest. Dank
auch für die dem Anglodänen gewidmete sorgsame Rücksicht – schade, daß er W. sich
nicht hat präsentiren können (wundern thuts mich nicht) – Durch Steinitz kann ich
leider nichts vermitteln, da mir dieser Jud’ durch seine Ferkelei gegenüber W. gar zu
widerwärtig geworden. W.’s Wein war übrigens kein Essig – auch kein parfümirter – er
hat mich weder berauscht – noch Magensäure produzirt – ich kann nicht das Geringste
daran aussetzen – er war vollkommen ebenbürtig seinem Vortrage Deines Hmoll Conzerts
– inappuntabile, irreprensibile. Möchtest Du Gleiches aussagen von der kleinen
Freundschaftscigarre die Dir zugesandt zu haben Du mir gütigst verzeihen mögest. Du
rauchst so mäßig, daß ich hoffe, ich sehe Dich gerade dann wieder, wenn Du Dir die
letzte ansteckst. Grand succès in Baden – Pohl schickt Dir auf Dein mir ausgedrücktes
Verlangen seine chronique darüber. (Mit Cossmann und Singer gebe ich am 20, 23 u. 25
Nov. Triosoiréen in – Pesth – ist das nicht hübsch, dieser kleine neuaufflackernde
Weimarer Funken? –) – Personalnotizen: am 8 Conzert hier, am 9. in Augsburg, 10 früh
Probe in Baden, wo am 12 Conzert. (erster Theil ich – zweiter Joh. Strauss. ) – dann
hierher retour – Tristan sollte auf Königs Befehl am 13ten sein – das kann ich nicht
prästiren – da muß denn Majestät sich gedulden – vielleicht verknust’s ihn und da
kommt die Sache gar nicht mehr heraus, was kein Unglück, da ich ja das Werk mit drei
guten Aufführungen hinlänglichst neu affirmirt habe. ◊1Grüße vielmals Deine verehrte
Frau und danke ihr, aber sehr, für den Ahasver. Ich bin überrascht und häufig ganz
entzückt gewesen über die Potenz dieses Dichters. Vielleicht ist der erste Abschnitt
der bedeutendste – doch kann man nicht sagen – daß der Brand Rom’s abfiele – dagegen
bangt mir, nach flüchtigem Hineinblättern vor den letzten beiden Gesängen. Ich
reservire mir deren Lectüre auf einen recht freien Abend, d. h. wo ich keine
Präoccupationen habe. Übrigens habe ich’s schon im Buchladen für mich bestellt. Die
gewünschte kleine Büste wird Dir von Berlin aus zugehen, wo bei Bechstein noch einige
deponirt sind. Ich habe ihn gebeten, zwei zu senden, für den Fall, daß eine brechen
sollte. Sind sie beide ganz geblieben, so übernimm gütigst die Expedition der
„anderen“ nach No 41. Mondthalerstraße, aber als Galanterie von Dir. Einen Stirnkuß
meiner Lieblingsnichte! Nochmals tausend Dank für Alles Freundliche das Du mir
erwiesen, für die häufigen Wohlthaten deiner Besuche, die mich jedesmal
enthypochondrisirt haben, was ich Dir nachträglich sagen kann und – auf frohes
Wiedersehen zu Weihnachten, im Dezember. enfin. – Dein treuergebener alter Bewunderer
Bülow. ◊2Adr: v. d. Tannstraße 14. [copyright Simon Kannenberg]