Absender: Hans von Bülow (C00114)
Erstellungsort: München
Empfänger: Joachim Raff (C00695)
Datierung: 3. September 1872 (Quelle)
Standort: Bayerische Staatsbibliothek (München)
Signatur: Raffiana I, Bülow, Hans von Nr. 109
Umfang: 3 Seiten
Material: Papier
Incipit: Verehrter Freund,
warum erweisest Du mir nicht die kleine Freundlichkeit, meinen Worten mehr Glauben zu schenken,
Veröffentlichung: Kannenberg 2020.

Reise Ende Woche mit Hartvigson über Baden nach Wiesbaden. Will in einem Hotel nicht zu weit vom E. und den "Russen" unterkommen. Schiebt die Enten auf die "Philisterbagage" in Mannheim. Fragt, ob Doris wohl sei und sich von der Trauer über die Oheime [Carl und Emil Devrient] erholt habe. Freut sich, Helene zu sehen. Hofft, Hallwachs-Heintz nicht mehr zu sehen. Bittet, seine Ankunft zu verschweigen.

Verehrter Freund, warum erweisest Du mir nicht die kleine Freundlichkeit, meinen Worten mehr Glauben zu schenken, als Zeitungsgerüchten? Wenn Du nichts dagegen hast, reise ich Ende dieser Woche mit meinem Schüler Hartvigson über Baden (48 Stunden Aufenthalt) nach Wiesbaden, wo ich in irgend einem Hotel nicht zu weit weder von Dir noch von den „Russen“ bis Ende des Monats zu überherbstrasten gedenke. Ich glaube nicht zu irren, wenn ich die vielen über mich jetzt cursirenden Enten auf Rechnung der Philisterbagage in Mannheim schreibe, welche der allgemeinen Stimme, die mich dort so stürmisch verlangt, auf jede Weise ausweichend zu begegnen sucht. Alle meine nächsten Zukunftsprojekte sind noch offene Fragen – erst im allerletzten Augenblicke entscheide ich mich und zwar – a capriccio. Doch das u. drgl. Andres gehört in das Gebiet jener müßigen Plauderei, zu der man von demjenigen, dessen Kapital = Zeit uns heilig zu sein hat, besser mündlich autorisirt wird. Überdieß – ists ein eigen Ding mit den manentia scripta. Der Leser je nach Gutdünken hält Zufälliges, „Volantes“ für Hauptsache, Wesentliches für Windiges. So passirt’s mir wie mit Vielen so leider auch mit Dir. Die Schuld mag mein Mangel an Talent zum Briefschreiben tragen. — Die verehrte Frau Doris doch hoffentlich wohl und der Trauer über die Oheime erholt? Helene mäßig fromm und unmäßig klug? Freue mich sehr, sie wieder zu begrüßen. Habe keine Angst im Übrigen daß ich Dir zu sehr auf dem Nacken sitzen werde – ich respektire Deinen Schreibtisch, die Werkstätte Deines Ruhms. und ich habe außerdem die Verpflichtung ein krankes Wesen – hoffentlich radikal – zu kuriren. Räthselhaft? Lebe wohl und sei bedankt für den heutigen Gruß in treuer verehrungsvoller Ergebenheit Hans v Bülow. ◊1Hoffentlich finde ich Frau Heinz-Hallwachs nicht mehr. Ich habe eine Antipathie zum Ausreißen gegen sie – sie hat mich entsetzlich gequält in früherer Zeit und – pour le roi de Prusse. Solltest Du sie sehen, so bitte ich ihr meine Ankunft zu verschweigen. Samstag, 3 Sept. 1872 [copyright Simon Kannenberg]



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Zitiervorschlag: Bülow, Hans von: Brief an Joachim Raff (3. 9. 1872); https://portal.raff-archiv.ch, abgerufen am 10. 3 2026.