Verehrter Freund, warum erweisest Du mir nicht die kleine Freundlichkeit, meinen
Worten mehr Glauben zu schenken, als Zeitungsgerüchten? Wenn Du nichts dagegen hast,
reise ich Ende dieser Woche mit meinem Schüler Hartvigson über Baden (48 Stunden
Aufenthalt) nach Wiesbaden, wo ich in irgend einem Hotel nicht zu weit weder von Dir
noch von den „Russen“ bis Ende des Monats zu überherbstrasten gedenke. Ich glaube
nicht zu irren, wenn ich die vielen über mich jetzt cursirenden Enten auf Rechnung
der Philisterbagage in Mannheim schreibe, welche der allgemeinen Stimme, die mich
dort so stürmisch verlangt, auf jede Weise ausweichend zu begegnen sucht. Alle meine
nächsten Zukunftsprojekte sind noch offene Fragen – erst im allerletzten Augenblicke
entscheide ich mich und zwar – a capriccio. Doch das u. drgl. Andres gehört in das
Gebiet jener müßigen Plauderei, zu der man von demjenigen, dessen Kapital = Zeit uns
heilig zu sein hat, besser mündlich autorisirt wird. Überdieß – ists ein eigen Ding
mit den manentia scripta. Der Leser je nach Gutdünken hält Zufälliges, „Volantes“ für
Hauptsache, Wesentliches für Windiges. So passirt’s mir wie mit Vielen so leider auch
mit Dir. Die Schuld mag mein Mangel an Talent zum Briefschreiben tragen. — Die
verehrte Frau Doris doch hoffentlich wohl und der Trauer über die Oheime erholt?
Helene mäßig fromm und unmäßig klug? Freue mich sehr, sie wieder zu begrüßen. Habe
keine Angst im Übrigen daß ich Dir zu sehr auf dem Nacken sitzen werde – ich
respektire Deinen Schreibtisch, die Werkstätte Deines Ruhms. und ich habe außerdem
die Verpflichtung ein krankes Wesen – hoffentlich radikal – zu kuriren. Räthselhaft?
Lebe wohl und sei bedankt für den heutigen Gruß in treuer verehrungsvoller
Ergebenheit Hans v Bülow. ◊1Hoffentlich finde ich Frau Heinz-Hallwachs nicht mehr.
Ich habe eine Antipathie zum Ausreißen gegen sie – sie hat mich entsetzlich gequält
in früherer Zeit und – pour le roi de Prusse. Solltest Du sie sehen, so bitte ich ihr
meine Ankunft zu verschweigen. Samstag, 3 Sept. 1872 [copyright Simon Kannenberg]