Absender: Hans von Bülow (C00114)
Erstellungsort: München
Empfänger: Joachim Raff (C00695)
Datierung: 14. August 1872 (Quelle)
Standort: Bayerische Staatsbibliothek (München)
Signatur: Raffiana I, Bülow, Hans von Nr. 108
Umfang: 3 Seiten
Material: Papier
Incipit: Verehrter Freund,
Tausend Dank für lieben Gruß, den gern in extenso erwidern würde,
Veröffentlichung: Kannenberg 2020.

Bedauert, dass Amerikatournee auf nächstes Jahr verschoben werden musste. Bleibe nur so lange in München wie notwenig. Caprice Royal verschiebe ständig den "Tristan". Muss noch eine Wiederholung dirigieren und ein Konzert zum Besten des Bayreuther Unternehmen geben. Glaubt, nicht vor Ende des Monats nach Wiesbaden zu kommen. Bangt sich etwas davor, trotz Meister Joachim und Exscolarin Alexandra. Wähle möglicherweise wieder das vogelfreie Konzertvagabundenleben, zwischen Mannheim und Warschau schwankend. Marchesa Tresanas Wunsch, den E. kennen zu lernen, beruhe auf ihrer Begeisterung für das Schaffen des E.s. Die Ehrenmitgliedschaft am Florenzer Musikinstitute dürfte auf ihre Anregung erfolgt sein. Casamorata und Kollegen seien "Eselinskis" oder "Eselinos". Sei unschuldig an der Florentiner Ehrenbezeugung. Die von ihm gespielten Kammermusikwerke [op. 107, op. 112] haben den Leuten gefallen. Höre vom "Waldsinfonie-Succeß" op. 153 aus Kassel. Ärgert sich über Florentiner Verfehlung. Habe Karte des E.s nicht erhalten, da er nach Bologna geflogen sei. Seine Mutter sei mit dem Schwager nach Steglitz bei Berlin.

München, 14 August 1872 Verehrter Freund, Tausend Dank für lieben Gruß, den gern in extenso erwidern würde, wenn Möglichkeit dazu vorhanden wäre. Bin aber in Saul-stimmung aus Gründen, die ich nicht gern niederschreibe. Weiß nämlich noch gar nicht, was ich thun werde, diesen Winter. Es ist ein wahrer Unstern, daß Amerika aufs nächste Jahr verschoben werden muß[te].◊1/ Damit verliere ich ein Jahr meines nicht sehr solid assecurierten Lebens. In München bleibe ich keinesfalls einen Tag länger als schlechterdings nothwendig. Caprice royal verschiebt immer unsren Tristan – jetzt ist er für nächsten Sonntag angesetzt – vermuthlich muß ich aber noch eine Wiederholung dirigiren und dann mich mit einem Conzerte zum Besten des Baireuther Unternehmens verabschieden. Glaube deßhalb schwerlich vor Ende des Monats gegen 27sten in Wiesbaden eintreffen zu können, wovor mir auch ein klein wenig bangt, trotz Meister Joachim und Exscolarin Alexandra. Möglich, daß ich zwischen Mannheim und Warschau (sic) schwankend, das vogelfreie Conzertvagabundenleben wieder wähle. Vermuthlich letzteres einmal quâ paterfamilias und dann auch weil ein bleibender Aufenthalt in Deutschland mir die Nerven ruinirt, den Charakter verdirbt, den Patriotismus austreibt. Sollten Dich diese Mysterien meiner Lebens polykakophonie interessiren, was ich kaum glaube, so inquirire mich mündlich und ich werde Dir Antwort geben. Marchesa Tresana’s Wunsch Dich kennen zu lernen, beruht keineswegs auf bloßer Neugierde, sondern auf reiner, tiefer Begeisterung für Dein Schaffen. Die Ehrenmitgliedschaft am Florenzer Musikinstitute dürfte auf ihre Anregung erfolgt sein, da sie eines auf das Mäzenatenthum ihrer Eltern basirten und auch persönlichen Einflusses genießt. Casamorata und Collegen sind Eselinski’s oder Eselino’s. Es thut mir leid daß Du glaubst, durch meine Safarigewohnheit, sie Dir brieflich vorzustellen verpflichtet worden zu sein, Dich des Öfteren bei ihr zu langweilen. (Nb: an der Florentiner Ehrenbezeugung habe ich nicht die schattenhafteste Schuld, also auch keine Complicen; den Leuten haben eben die von mir gespielten Kammermusikwerke Deiner Feder gefallen und Dein Ruf, sapperment, ist doch seit lange sehr international geworden.) Gratulire zu Deinem, wie ich von allen Seiten gehört, kolossalen und so intensiven Waldsinfonie-Succeß in Kassel. Wünschte – nicht in Kassel gewesen zu sein – wohl aber Dein Werk gehört zu haben! Florentiner Verfehlung hat mich als ächte Schicksalstücke seiner Zeit weidlich geärgert. Augenblicklich nach freilich nur 4 Tage verspäteten◊2 Empfange Deiner Karte flog ich ins Hotel – nach Bologna[,] Tags vorher abgereist. Meine Mutter ist seit ein paar Tagen zu meinem Schwager nach Steglitz bei Berlin zurückgekehrt, hat mir viel Schönes an Dich aufgetragen, wenn ich Dich sähe und an Deine verehrte Frau. Mit freundlichsten Grüßen einstweilen wie immer Dein alter Bewunderer Hans v Bülow. [copyright Simon Kannenberg]



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Zitiervorschlag: Bülow, Hans von: Brief an Joachim Raff (14. 8. 1872); https://portal.raff-archiv.ch, abgerufen am 16. 3 2026.