München, 14 August 1872 Verehrter Freund, Tausend Dank für lieben Gruß, den gern in
extenso erwidern würde, wenn Möglichkeit dazu vorhanden wäre. Bin aber in
Saul-stimmung aus Gründen, die ich nicht gern niederschreibe. Weiß nämlich noch gar
nicht, was ich thun werde, diesen Winter. Es ist ein wahrer Unstern, daß Amerika aufs
nächste Jahr verschoben werden muß[te].◊1/ Damit verliere ich ein Jahr meines nicht
sehr solid assecurierten Lebens. In München bleibe ich keinesfalls einen Tag länger
als schlechterdings nothwendig. Caprice royal verschiebt immer unsren Tristan – jetzt
ist er für nächsten Sonntag angesetzt – vermuthlich muß ich aber noch eine
Wiederholung dirigiren und dann mich mit einem Conzerte zum Besten des Baireuther
Unternehmens verabschieden. Glaube deßhalb schwerlich vor Ende des Monats gegen
27sten in Wiesbaden eintreffen zu können, wovor mir auch ein klein wenig bangt, trotz
Meister Joachim und Exscolarin Alexandra. Möglich, daß ich zwischen Mannheim und
Warschau (sic) schwankend, das vogelfreie Conzertvagabundenleben wieder wähle.
Vermuthlich letzteres einmal quâ paterfamilias und dann auch weil ein bleibender
Aufenthalt in Deutschland mir die Nerven ruinirt, den Charakter verdirbt, den
Patriotismus austreibt. Sollten Dich diese Mysterien meiner Lebens polykakophonie
interessiren, was ich kaum glaube, so inquirire mich mündlich und ich werde Dir
Antwort geben. Marchesa Tresana’s Wunsch Dich kennen zu lernen, beruht keineswegs auf
bloßer Neugierde, sondern auf reiner, tiefer Begeisterung für Dein Schaffen. Die
Ehrenmitgliedschaft am Florenzer Musikinstitute dürfte auf ihre Anregung erfolgt
sein, da sie eines auf das Mäzenatenthum ihrer Eltern basirten und auch persönlichen
Einflusses genießt. Casamorata und Collegen sind Eselinski’s oder Eselino’s. Es thut
mir leid daß Du glaubst, durch meine Safarigewohnheit, sie Dir brieflich vorzustellen
verpflichtet worden zu sein, Dich des Öfteren bei ihr zu langweilen. (Nb: an der
Florentiner Ehrenbezeugung habe ich nicht die schattenhafteste Schuld, also auch
keine Complicen; den Leuten haben eben die von mir gespielten Kammermusikwerke Deiner
Feder gefallen und Dein Ruf, sapperment, ist doch seit lange sehr international
geworden.) Gratulire zu Deinem, wie ich von allen Seiten gehört, kolossalen und so
intensiven Waldsinfonie-Succeß in Kassel. Wünschte – nicht in Kassel gewesen zu sein
– wohl aber Dein Werk gehört zu haben! Florentiner Verfehlung hat mich als ächte
Schicksalstücke seiner Zeit weidlich geärgert. Augenblicklich nach freilich nur 4
Tage verspäteten◊2 Empfange Deiner Karte flog ich ins Hotel – nach Bologna[,] Tags
vorher abgereist. Meine Mutter ist seit ein paar Tagen zu meinem Schwager nach
Steglitz bei Berlin zurückgekehrt, hat mir viel Schönes an Dich aufgetragen, wenn ich
Dich sähe und an Deine verehrte Frau. Mit freundlichsten Grüßen einstweilen wie immer
Dein alter Bewunderer Hans v Bülow. [copyright Simon Kannenberg]