Absender: Hans von Bülow (C00114)
Erstellungsort: Florenz
Empfänger: Joachim Raff (C00695)
Datierung: 19. Juli 1871 (Quelle)
Standort: Bayerische Staatsbibliothek (München)
Signatur: Raffiana I, Bülow, Hans von Nr. 107
Umfang: 4 Seiten
Material: Papier
Incipit: Verehrter Freund,
es dürfte sich nicht leicht eine anmuthigere Veranlassung bieten,
Veröffentlichung: Kannenberg 2020.

Die Übermittlerin dieser Zeilen, Ida Corsini, reise hauptsächlich nach Wiesbaden, um Bekanntschaft mit dem E. zu machen. Beschreibt ihre Herkunft und Familienverhältnisse. Sei deren "musikalischer Hausvogt". Anders als bei Floup sei Förmlichkeit in der Anrede nicht üblich. Empfehlungen an Frau und Grüsse an Zimmer-Lene. Wäre auf Strakoschs amerikanische Offerte eingegangen, wenn er die Absicht, sich gesundheitlich herzustellen, erreicht hätte. Möchte sich nicht mehr in einen ganz unangemessenen Musikmachereistrudel stürzen lassen. Wenn dies gelänge, erfahre es der E. nach seiner Mutter.

Florenz 19 Juli 1871. Verehrter Freund, es dürfte sich nicht leicht eine anmuthigere Veranlassung bieten, Dir einen herzlichen Gruß eines Deiner ältesten, aufrichtigsten und unwandelbarsten Bewunderers◊1 zukommen zu lassen, als vermittelst der Überbringerin dieser Zeile, welche, wie mir vorkommen will, hauptsächlich deßhalb nach Wiesbaden reist, um die Bekanntschaft des Autors so vieler schöner Werke zu machen, welche sie seit einer Reihe von Jahren gründlich studiert hat und mit einem◊2 bei unseren Landsleuten selbst sehr seltenen Feinheit des Verständnisses lieb gewonnen hat. Zwar wirst Du vermuthlich meinen Gruß in Begleitung ihrer Visitenkarte empfangen; dessenungeachtet unterlasse ich nicht eine Präsentation in aller Form. Donna Ida dei Principi Corsini ist die Frau des jüngeren Bruders dieser illustren Familie, welcher in dieser Eigenschaft Marchese di Tresana heißt, was ihn nicht hindert den vornehmlichsten der Palazzi Corsini zu bewohnen und nach italiän. Herkommen Don Lorenzo dei Principi Corsini zu zeichnen. Donna Ida ist die Tochter einer deutschen Mutter Marchesa Martellini (wenn Du Östreicher Deutsche nennst) und hat von dieser (der Vater war übrigens auch ein ausgezeichneter Musikkenner) ihr ausgezeichnetes Talent geerbt. Da sie keine Kinder hat und ziemlich zurückgezogen lebt, hat sie Zeit ihre Lieblingsbeschäftigung quasi zur Hauptangelegenheit ihrer Existenz zu machen und hat es deßhalb auch nicht verschmäht, mich seit einem Jahr etwa zu ihrem musikalischen Hausvogte zu machen. Eine ganz ungewöhnliche Schüchternheit verhindert sie leider ihr feines Spiel der Bewunderung Anderer zu exponiren; sie wird Dir keinesfalls Etwas vorspielen aber sich ungemein freuen, mit Dir über Kunstmaterien aller Art (sie ist in Allem zu Hause) zu discurriren. Kannst Du ihr einige freie Augenblicke zu diesem Behufe widmen – ich versichere Dir, daß Du ein wirkliches Interesse daran finden würdest. Nb: Durchlaucht oder Altesse Sérénissime – wie bei Floup – sind ganz und gar nicht üblich – durch allzu übertriebene Förmlichkeit – entschuldige, daß ich mich dieser Deiner Schwäche erinnere – würdest Du sie scheu und verlegen machen und beiderseitiges Unbehagen hervorrufen. Aus Deiner rastlosen schöpferischen Thätigkeit hoffe ich schließen zu dürfen, daß es mit Deinem und der Deinigen Wohlsein so gut bestellt ist, als ich es mir aufhöre zu wünschen. Empfiehl mich Deiner verehrten Frau und grüße die seit den vergangenen zwei Jahren sicher schön und schlank aufblühende Zimmer-Lene. Personalnotizen fordre Deine Freundschaft nicht von mir. Hätte ich die Absicht mich gesundheitlich herzustellen erreicht, so wäre ich diesen Herbst auf Strakoschs amerikanische Offerte – aus familienväterlichen Gründen – eingegangen. Der Zustand meiner Nerven ist jedoch derzeit ein so miserabler, meine körperliche Kraft liegt noch so darnieder daß besagtes Projekt erst in Jahresfrist zu verwirklichen sein wird. Meâ culpâ muß ich dabei ausrufen! Habe mich vergangenen Winter in einen ganz unangemessenen Musikmachereistrudel gestürzt, der mir übel genug bekommen ist. Will mich nun aber entschieden bessern und mich von nun ab nur auf die Erfordernisse meiner transatlantischen Excursion präpariren. Wenn’s glückt, wann ich endlich zur nöthigen Häutung gelange, erfährts nächst meiner Mutter zu allererst Du von Deinem Dir stets in treuer Anhänglichkeit verehrungsvoll ergebenen Hans v Bülow. [copyright Simon Kannenberg]



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Zitiervorschlag: Bülow, Hans von: Brief an Joachim Raff (19. 7. 1871); https://portal.raff-archiv.ch, abgerufen am 13. 6 2026.