Florenz 19 Juli 1871. Verehrter Freund, es dürfte sich nicht leicht eine anmuthigere
Veranlassung bieten, Dir einen herzlichen Gruß eines Deiner ältesten, aufrichtigsten
und unwandelbarsten Bewunderers◊1 zukommen zu lassen, als vermittelst der
Überbringerin dieser Zeile, welche, wie mir vorkommen will, hauptsächlich deßhalb
nach Wiesbaden reist, um die Bekanntschaft des Autors so vieler schöner Werke zu
machen, welche sie seit einer Reihe von Jahren gründlich studiert hat und mit einem◊2
bei unseren Landsleuten selbst sehr seltenen Feinheit des Verständnisses lieb
gewonnen hat. Zwar wirst Du vermuthlich meinen Gruß in Begleitung ihrer Visitenkarte
empfangen; dessenungeachtet unterlasse ich nicht eine Präsentation in aller Form.
Donna Ida dei Principi Corsini ist die Frau des jüngeren Bruders dieser illustren
Familie, welcher in dieser Eigenschaft Marchese di Tresana heißt, was ihn nicht
hindert den vornehmlichsten der Palazzi Corsini zu bewohnen und nach italiän.
Herkommen Don Lorenzo dei Principi Corsini zu zeichnen. Donna Ida ist die Tochter
einer deutschen Mutter Marchesa Martellini (wenn Du Östreicher Deutsche nennst) und
hat von dieser (der Vater war übrigens auch ein ausgezeichneter Musikkenner) ihr
ausgezeichnetes Talent geerbt. Da sie keine Kinder hat und ziemlich zurückgezogen
lebt, hat sie Zeit ihre Lieblingsbeschäftigung quasi zur Hauptangelegenheit ihrer
Existenz zu machen und hat es deßhalb auch nicht verschmäht, mich seit einem Jahr
etwa zu ihrem musikalischen Hausvogte zu machen. Eine ganz ungewöhnliche
Schüchternheit verhindert sie leider ihr feines Spiel der Bewunderung Anderer zu
exponiren; sie wird Dir keinesfalls Etwas vorspielen aber sich ungemein freuen, mit
Dir über Kunstmaterien aller Art (sie ist in Allem zu Hause) zu discurriren. Kannst
Du ihr einige freie Augenblicke zu diesem Behufe widmen – ich versichere Dir, daß Du
ein wirkliches Interesse daran finden würdest. Nb: Durchlaucht oder Altesse
Sérénissime – wie bei Floup – sind ganz und gar nicht üblich – durch allzu
übertriebene Förmlichkeit – entschuldige, daß ich mich dieser Deiner Schwäche
erinnere – würdest Du sie scheu und verlegen machen und beiderseitiges Unbehagen
hervorrufen. Aus Deiner rastlosen schöpferischen Thätigkeit hoffe ich schließen zu
dürfen, daß es mit Deinem und der Deinigen Wohlsein so gut bestellt ist, als ich es
mir aufhöre zu wünschen. Empfiehl mich Deiner verehrten Frau und grüße die seit den
vergangenen zwei Jahren sicher schön und schlank aufblühende Zimmer-Lene.
Personalnotizen fordre Deine Freundschaft nicht von mir. Hätte ich die Absicht mich
gesundheitlich herzustellen erreicht, so wäre ich diesen Herbst auf Strakoschs
amerikanische Offerte – aus familienväterlichen Gründen – eingegangen. Der Zustand
meiner Nerven ist jedoch derzeit ein so miserabler, meine körperliche Kraft liegt
noch so darnieder daß besagtes Projekt erst in Jahresfrist zu verwirklichen sein
wird. Meâ culpâ muß ich dabei ausrufen! Habe mich vergangenen Winter in einen ganz
unangemessenen Musikmachereistrudel gestürzt, der mir übel genug bekommen ist. Will
mich nun aber entschieden bessern und mich von nun ab nur auf die Erfordernisse
meiner transatlantischen Excursion präpariren. Wenn’s glückt, wann ich endlich zur
nöthigen Häutung gelange, erfährts nächst meiner Mutter zu allererst Du von Deinem
Dir stets in treuer Anhänglichkeit verehrungsvoll ergebenen Hans v Bülow. [copyright
Simon Kannenberg]