Firenze, li 8 maggio 1870 Verehrter Freund! In einer Art Rausch schreibe ich Dir –
eben ist nämlich das große Experiment vorüber – vide Beilage – mit dem möglichst
günstigsten Succeß. Es war charmant – Orchester wie Publikum. Ich bleibe hier, sagt
Cortez und – Bülow. Jaell’s erzählen mir mit Verwunderung wie populär Du in Mailand
bist. Deine Chaconne hat riesig gefallen: à propos Mme Jaell ist weit interessanter
als ihr dicker Jatte. Wie geht’s Euch? – Mit Vergnügen gehört, daß Bock Dame Kobold
gekauft. Gutes Zeichen! Nur wirds einen schweinehündlichen Stich Deines Opus geben!
Worumb ich Dich heute in Kurzem bitte, ecce: Habe an meine Mama sofort nach Ankunft
in Florenz geschrieben. 24 April, bis heute keine Antwort erhalten. Vermuthlich Brief
verloren gegangen? Bin unruhig – möchte gern wissen, wie es ihr und meiner Schwester
geht. Grüße sie herzlichst von mir und bettle in meinem Namen um eine Zeile. Mir
gehts leidlich: meinen in Berlin geholten Rheumatismus bin leider noch nicht los,
trotzdem Wetter himmlisch hier! Es ist recht absurd, daß Ihr Euren Besuch hier zum
Frühling aufgegeben habt! Statt dessen schlechter Ersatz – Jenssen mit Frau. Ersterer
ist sehr leidend (brustkrank) war aber nicht übel – hat Wein-Balladen von Vikt.
Scheffel componirt, recht glücklich. Übrigens – weßhalb ich ihm gut bin – großer
Verehrer von Dir als Comp. wie als Mensch, entzückt auch von Deiner persönl.
Liebenswürdigkeit gegen ihn. Gehab’ Dich wohl. Viele Grüße. Weimar wohlauf? In Eile
mit besten Gesinnungen Dein alter Bülow. Gestern Metamorph. u. Scherzo in der Soc.
Cherubini mit großem Effekt gespielt. Möglich daß ich sie im Sept. in Amerika spiele.
Antrag von Ullmann – in mehrerer Hinsicht convenabel im Anzuge. [copyright Simon
Kannenberg]