Verehrter Freund, daß es mein sehnlichster Wunsch wäre, der Aufführung Deiner Oper
beizuwohnen, das wirst Du mir wohl ohne ausdrückliche Versicherung glauben. Aber es
ist halt unmöglich. Meine leidigen Affairen in Berlin verlangen meine
unterbrechungslose Anwesenheit. Binnen drei Wochen muß ich nach Italien zurück – habe
sowohl in Florenz als in Mailand Verpflichtungen übernommen, die für meine künftige
Existenz und Wirksamkeit daselbst eine nothwendige Grundlage bilden werden.
Herzliches Bedauern, nicht Zeuge Deines sicheren Triumphes sein zu können, nicht
minder Lamentation daß es mir nicht vergönnt sein wird, in Florenz zum Frühjahr
Deinen Besuch zu empfangen. (Nb: ein Zusammentreffen mit F. L. (Rom) vor definitiver
Erledigung meines – Prozesses halte ich für unopportun in jeder Hinsicht. Das unter
uns.) Schönste Empfehlungen an Deine verehrte Schwägerin und ihren liebenswürdigen
Gemahl. Laß Dich durch den beiliegenden Mailänder Conzertzettel ennuyiren. Dort ist
Dein Quintett noch schöner aufgeführt, noch stürmischer acclamirt worden als in
Florenz. (Fünf Stunden Probe – die ich ohne Noten abhielt, wie ich denn jetzt alle
Ensemblestücke öffentlich auswendig spiele und dergleichen mit mir studieren lasse:
probatum est! ) In Jahresfrist bist Du in Italien populärer als Schumann, der
ziemlich viel gespielt u. nachgedruckt wird. Halte Dir das Eigenthumsrecht für dieß
Land bei Deinen neuen Verlegerpakten in Reserve! Gelegentlich bitte ich Dich um
einige Exemplare verschiedener Deiner Hauptwerke im Gebiete der Kammermusik – ich
werde sie näher bezeichnen – um ein Bischen Propaganda zu machen. Was Ihr Deutsche
von den Italiänern für Begriffe habt! Die kunstempfänglichste, feinfühligste Nation
der Welt, exigeanter aber – Gottlob! – betreffs plastischer Ausführung. Nun – seitdem
ich wieder zu Kräften gekommen, kann ich Dir dieselbe für mich u. gewählte Genossen
garantiren. Gestern u. vorgestern hatte ich übrigens Hausarrest da Ermüdung von den
Conzerten in Mailand, die Strapatzen der Reise hatten mich ein wenig niedergeworfen.
Grippe – Nesselfieber u. s. w. Die treffliche Pflege, die mein liebenswürdigen Wirth
mir angedeihen läßt, die Ruhe die er mir gegen die Attaquen unzähliger alter
Bekannter sichert, haben mich heute schon wieder in die Höhe gebracht, so daß ich
Deinen so eben empfangenen Brief, wenn auch etwas matt, doch umgehend beantworten
kann. Leb wohl, theurer Freund und laß Dir Freude und Ruhm blühen! Dein treuergebener
Berlin, 4 April 1870. italiänischer Bülow. Johannisstr. 5.