Absender: Hans von Bülow (C00114)
Erstellungsort: Florenz
Empfänger: Joachim Raff (C00695)
Datierung: 11. Januar 1870 (Quelle)
Standort: Bayerische Staatsbibliothek (München)
Signatur: Raffiana I, Bülow, Hans von Nr. 102
Umfang: 4 Seiten
Material: Papier
Incipit: Mein verehrter alter Freund!
Merkwürdig – nach Florenz muß man sich verlaufen, wenn man Raffsche Kammermusik schön

Man müsse nach Florenz gehen, um die Kammermusik des E.s nicht nur korrekt, sondern auch schön gespielt zu hören. Das Quintett op. 107 sei glatt und warm gegangen (Giovacchini, Scudellari, Bruni, Sbolci). Charles Wehle sei dazu gekommen, als der Braten gerichtet gewesen sei. Erstes Trio op. 102 und zweites Trio op. 112 seien auch einstudiert. Dies ergebe eine schöne Raff-Soirée für eine der nettesten Verehrerinnen des E.s, die Principessa Ida Corsini, eigentlich Marchesa Tresano, da ihr Mann der zweitgeborene Corsini sei. Die Schweinehunde in München wissen, wo der A. stecke. Die Tänzerin Elvira Salvioni weile glücklicherweise in Messina. Werde in höchster Kraft und Frische musizieren, wenn sich die beiden Judenjungen T. und R. ausgerast haben, aber nur bei den Romanen. Unterrichte 16 Stunden wöchentlich. Später mehr Arbeit, weil Tichatschek in die Albums zu schreiben pflegte, dass das Leben schön, aber kostspielig sei. Notizen über sein Treiben werden dem E. Mutter und Schwester gegeben haben. Gesundheit etc. dem E., der Frau und Helene. Wenn die Oper [op. 154] des E.s in Sydney gegeben werde, reise er hin. Weimar sei zu weit.

Firenze, li 11 gennaio 1870. Mein verehrter alter Freund! Merkwürdig – nach Florenz muß man sich verlaufen, wenn man Raffsche Kammermusik schön (nicht blos correkt) ausführen hören will. Habe vorgestern eine ungeheure Freude gehabt mit und an SS. Giovacchini \I. Vl./, Scudellari, Bruni, Sbolci \Cello/ – Op. 107. – nach drei Stunden Probe – die Leute halten hier was Andres aus als „unsere“ bierphiliströsen Hof- u. Kammermusiker – ging das Werk so glatt und warm, wie es sonst noch nirgends geklungen hat – Charles Wehle kam dazu als der „Tisch gedeckt“ war und war ganz hingerissen vom Objekt und den Subjekten. – Op. 102 u. 112 sind bereits einstudirt und das gibt nun eine Raff-Soirée für eine Deiner nettesten Verehrerinnen – Principessa Ida Corsini – eigentlich Marchesa Tresano,◊1 da ihr Mann der zweitgeborene Corsini ist. Prachtvoller Salon in einem prachtvollen Pallast ist ebenfalls ein besseres Lokal für derartige Kunstwerke als eine verstunkene deutsche Kneipe. Denn bei „Euch“ ist eigentlich jeder Raum mehr oder minder „Kneipe.“ Es ist doch was Herrliches um die Produktion! Du Beneidenswerther im Besitz so vieler wohlgebildeter interessanter Geisteskinder, die Deinen Namen überall flöten und posaunen! So kann ich am Arnostrande stets mit Dir, mit Deinem unsterblichen Theile innigst verkehren, ohne Dich und mich mit Schreiberei zu ennüyiren. Du hast dagegen von mir nichts als die Erinnerung an meine herbstliche Anwesenheit als né pesce né carne, né morto né vivo und Deine edel treue Anhänglichkeit an eine beinahe Viertelsäcular-bekanntschaft. Um so höher schlage ich Dein neuliches Freundschaftszeichen an, das mich herzlichst gerührt hat ohne mich andererseits zu Gezanke und Desaveus zu verführen. Habeat sibi. Die äSchw.in....d.å in München wissen recht gut wo ich stecke – bin leider nicht sconosciuto genug – alle Zeitungen haben meine Adresse gemeldet – außerdem gibts hier eine bierische Gesandtschaft, die mich oft genug im Theater u. s. w. gesehen, durch die östr. u. boruss. Attaschelme von mir reden gehört hat. Leere Ausflucht! Wollen mir die Demüthigung zufügen, daß ich um die Schmerzensgelder einkommen, betteln soll – verrechnet, ihr Herren! Geschieht nicht, selbst nicht in Rücksicht auf den Gefallen den mein goldnes Schweigen Euch zufügt! Basta. Elvira Salvioni, die göttliche Tänzerin weilt Gottlob in Messina – wäre sie hier geblieben, ich hätte sie ein paar Nachmittage mit kgl. bayr. Münze zu unterhalten die Velleität empfunden – so aber ..... nun klage mich nicht der Frivolität an! Bin nur übermüthiger Laune, weil einer Gefahr entronnen! Die reißende Bestie Arno drohte die hohen festen Dämme zu überfluthen. Während dreier Nächte ist unser Portier nicht zu Bett gegangen, um aufzupassen, ob nicht der Fluß uns einen Besuch im Erdgeschosse machen würde, wie bereits erlebt worden ist. äIch spiele rasend viel Klavier und mache rasende Fortschritte – wenn sich die beiden Judenjungen T. und R. ausgerast haben werden, da werde ich in höchster Frische und Kraft musiziren. Aber nicht in Deutschland und den angrenzenden slavischen Dörfern – nur bei den Romanen, denen ich bis auf die Tonwelt und auch in dieser mich so viel verwandter fühle. Lieber übrigens Lohndiener in Florenz als Generalmusikdirektor in einer vaterländischen Kapitale. Einstweilen treibe ich erstres Geschäft als professore di piano – 16 Stunden wöchentlich, wovon 6 gratis und 10 à 15 frcs – später mehr Arbeit – weil mir Tichatschek in die Albums zu schreiben pflegt, das Leben schön aber kostspielig ist. Du siehst, erfahren thust Du kein verständiges Wort von mir – Notizen über mein Treiben werden Dir übrigens Mutter u. Schwester über mich gegeben haben. Viel tausend Dank für alle Eure Freundlichkeit gegen die Meinigen. Gesundheit, gute Laune, flockende Arbeit, gute Zinsen Dir, Deiner verehrten Frau und der lieben Helene. Wenn Deine Oper in Sidney gegeben wird, reise ich hin – Weimar ist mir zu – weit. Viel, viel Glück damit. Das neue Jahr hat mir bereits einen meiner heißesten Wünsche erfüllt – ich brauche nicht mehr 69 zu lesen und zu schreiben – sondern 70 In treuester Freundschaft u. Ergebenheit Dein Guido v Bülow. geb. 1830 Dresden gest. 18.. Florenz Es bleibt doch beim Frühjahrsbesuch? Wobei Ihr übrigens mir nicht aus dem Auge geht! Werde deßwegen mit Frau Doris intriguiren.å [copyright Simon Kannenberg]



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Zitiervorschlag: Bülow, Hans von: Brief an Joachim Raff (11. 1. 1870); https://portal.raff-archiv.ch, abgerufen am 16. 3 2026.