Firenze, li 11 gennaio 1870. Mein verehrter alter Freund! Merkwürdig – nach Florenz
muß man sich verlaufen, wenn man Raffsche Kammermusik schön (nicht blos correkt)
ausführen hören will. Habe vorgestern eine ungeheure Freude gehabt mit und an SS.
Giovacchini \I. Vl./, Scudellari, Bruni, Sbolci \Cello/ – Op. 107. – nach drei
Stunden Probe – die Leute halten hier was Andres aus als „unsere“ bierphiliströsen
Hof- u. Kammermusiker – ging das Werk so glatt und warm, wie es sonst noch nirgends
geklungen hat – Charles Wehle kam dazu als der „Tisch gedeckt“ war und war ganz
hingerissen vom Objekt und den Subjekten. – Op. 102 u. 112 sind bereits einstudirt
und das gibt nun eine Raff-Soirée für eine Deiner nettesten Verehrerinnen –
Principessa Ida Corsini – eigentlich Marchesa Tresano,◊1 da ihr Mann der
zweitgeborene Corsini ist. Prachtvoller Salon in einem prachtvollen Pallast ist
ebenfalls ein besseres Lokal für derartige Kunstwerke als eine verstunkene deutsche
Kneipe. Denn bei „Euch“ ist eigentlich jeder Raum mehr oder minder „Kneipe.“ Es ist
doch was Herrliches um die Produktion! Du Beneidenswerther im Besitz so vieler
wohlgebildeter interessanter Geisteskinder, die Deinen Namen überall flöten und
posaunen! So kann ich am Arnostrande stets mit Dir, mit Deinem unsterblichen Theile
innigst verkehren, ohne Dich und mich mit Schreiberei zu ennüyiren. Du hast dagegen
von mir nichts als die Erinnerung an meine herbstliche Anwesenheit als né pesce né
carne, né morto né vivo und Deine edel treue Anhänglichkeit an eine beinahe
Viertelsäcular-bekanntschaft. Um so höher schlage ich Dein neuliches
Freundschaftszeichen an, das mich herzlichst gerührt hat ohne mich andererseits zu
Gezanke und Desaveus zu verführen. Habeat sibi. Die äSchw.in....d.å in München wissen
recht gut wo ich stecke – bin leider nicht sconosciuto genug – alle Zeitungen haben
meine Adresse gemeldet – außerdem gibts hier eine bierische Gesandtschaft, die mich
oft genug im Theater u. s. w. gesehen, durch die östr. u. boruss. Attaschelme von mir
reden gehört hat. Leere Ausflucht! Wollen mir die Demüthigung zufügen, daß ich um die
Schmerzensgelder einkommen, betteln soll – verrechnet, ihr Herren! Geschieht nicht,
selbst nicht in Rücksicht auf den Gefallen den mein goldnes Schweigen Euch zufügt!
Basta. Elvira Salvioni, die göttliche Tänzerin weilt Gottlob in Messina – wäre sie
hier geblieben, ich hätte sie ein paar Nachmittage mit kgl. bayr. Münze zu
unterhalten die Velleität empfunden – so aber ..... nun klage mich nicht der
Frivolität an! Bin nur übermüthiger Laune, weil einer Gefahr entronnen! Die reißende
Bestie Arno drohte die hohen festen Dämme zu überfluthen. Während dreier Nächte ist
unser Portier nicht zu Bett gegangen, um aufzupassen, ob nicht der Fluß uns einen
Besuch im Erdgeschosse machen würde, wie bereits erlebt worden ist. äIch spiele
rasend viel Klavier und mache rasende Fortschritte – wenn sich die beiden Judenjungen
T. und R. ausgerast haben werden, da werde ich in höchster Frische und Kraft
musiziren. Aber nicht in Deutschland und den angrenzenden slavischen Dörfern – nur
bei den Romanen, denen ich bis auf die Tonwelt und auch in dieser mich so viel
verwandter fühle. Lieber übrigens Lohndiener in Florenz als Generalmusikdirektor in
einer vaterländischen Kapitale. Einstweilen treibe ich erstres Geschäft als
professore di piano – 16 Stunden wöchentlich, wovon 6 gratis und 10 à 15 frcs –
später mehr Arbeit – weil mir Tichatschek in die Albums zu schreiben pflegt, das
Leben schön aber kostspielig ist. Du siehst, erfahren thust Du kein verständiges Wort
von mir – Notizen über mein Treiben werden Dir übrigens Mutter u. Schwester über mich
gegeben haben. Viel tausend Dank für alle Eure Freundlichkeit gegen die Meinigen.
Gesundheit, gute Laune, flockende Arbeit, gute Zinsen Dir, Deiner verehrten Frau und
der lieben Helene. Wenn Deine Oper in Sidney gegeben wird, reise ich hin – Weimar ist
mir zu – weit. Viel, viel Glück damit. Das neue Jahr hat mir bereits einen meiner
heißesten Wünsche erfüllt – ich brauche nicht mehr 69 zu lesen und zu schreiben –
sondern 70 In treuester Freundschaft u. Ergebenheit Dein Guido v Bülow. geb. 1830
Dresden gest. 18.. Florenz Es bleibt doch beim Frühjahrsbesuch? Wobei Ihr übrigens
mir nicht aus dem Auge geht! Werde deßwegen mit Frau Doris intriguiren.å [copyright
Simon Kannenberg]