Berlin, 30 August 1869
Verehrter freund,
Deine beiden Briefe haben ermuthigend auf mich eingewirkt, insofern sie das Gefühl der Gewissenlosigkeit, die ich durch meinen Besuch in Wiesbaden eigentlich an Dir zu verüben vorhabe, zurückgedrängt haben. Im Grunde taugt es ja nichts, daß ich Dir Deine geringen Mußestunden durch den Anblick eines an Geist und Körper gegenwärtig gleich hinfälligen – Patienten – verdunkle. Aber der nothwendige Mauserungsprozess, den ich noch an mir zu erleben hoffe, kann sich erst in der Ferne vollziehen unter der Einwirkung eines gänzlich erinnerungsfreien Hintergrundes – Florenz – und wer weiss, was dort aus mir wird. – Ich hoffte heute Abend abreisen zu können, jedoch das Nichteintreffen einiger wichtiger Dokumente aus München, die ich meinem hiesigen Rechtsanwalte noch zu übergeben habe, zwingt mich noch ein paar Tage zu warten. äWahrscheinlich fahre ich nun Mittwoch Abend fort und treffe also Donnerstag Vormittag in Wiesbaden ein. Ich bitte Dich dringend, mich ja nicht an der Bahn zu erwarten sondern ruhig nach irgend einem beliebigen Hotel fahren zu laßen, von wo ich Dich – nach vorhergegangener Säuberung u. s. w. des Nachmittags beim Kaffee überfallen werde. Meine Scrupel sind in dieser Beziehung zwar nicht „eigenthümlich“, aber „berechtigt“. Mit dem Aufsuchen einer passenden Wohnung möchte ich Dich trotz Deines freundlichen Anerbietens auch nicht gern behelligen – ich habe ja eigentlich vollauf Zeit dazu, diess in Person zu thun. å Am liebsten würde ich jenseits Deiner Wohnung Quartier nehmen, um möglichst ruhig d. h. möglichst fern vom „double“ und „demi-zéro“ campiren zu können. Wenn es meine sehr heruntergekommenen Nerven irgend gestatten, möchte ich versuchen, an meiner Beethoven-Ausgabe weiter zu arbeiten, da Cotta mir mehrere Mahnbriefe geschrieben hat. Ein schlechtes, wenn nur reingestimmtes Pianino wird wohl zu miethen sein. Finden sich diese Bedingungen zu einem erträglichen (mich für meine Freunde erträglich machenden) Interim nicht in Wiesbaden, so könnte ich eventuell in Walluff oder drgl. absiedeln. Doch – es ist besser, hierüber mündlich zu conferiren – denn es kommt mir vor, als sei ich gegenwärtig mit der Zunge weniger abschreckend als mit der Feder.
Nur noch Eines – dürfte es nicht möglich sein, meine Ankunft resp. meinen Aufenthalt in W. vor No X in der Sonnenbergstraße zu verheimlichen? Gerade der mir so entsetzliche Zeitungsskandal hat meine Hypochondrie auf das Maximum hinaufgeschraubt und macht mich vor jedem wenn auch noch so flüchtigen Zusammentreffen mit Vergangenheitsbekannten zurückschaudern. Vielleicht fällt Dir oder Deiner verehrten Frau ein taugliches Schutzmittel für mich ein. Schliesslich wäre das Einfachste, wenn Du in meinem Namen die Bitte, mich vollständig zu ignoriren anzubringen suchtest.
Warum nennst Du mich auf den Couverts immer „Sergeant“ – ich meine „Hofmusikintendant“? Das ist ja Perfalls Amt – mir ist kein neuer Titel angeheftet worden. Aber weiss der Henker wie es zugeht, daß Base Feuilleton sich allerwärts continuirlich mit meiner Person beschäftigt und das grundloseste und widersinnigste Notizgeschnatter über mich ertönen läßt. Du glaubst nicht, wie unsäglich ich durch die „Enten“ zu leiden gehabt habe und bei meiner ausgebreiteten Bekanntschaft unausgesetzt zu privaten Berichtigungen gezwungen worden bin, da ich es nicht mehr auf dem öffentl. Wege thun wollte. Und drolliger Weise ist häufig den Zeitungen mehr Glauben geschenkt worden, als meinen brieflichen Dementis! Also – jetzt bin ich ganz titellos – höchstens etwa noch „geheimer“ pr. Hofpianist. Nb. meine offizielle Entlassung habe ich noch nicht erhalten, nur die allerdings ganz offizielle mündliche Zusicherung, daß meinem Wunsche kein Hinderniß in den Weg gelegt werden solle.
äDr. Leo ist hoffentlich abgereist. Ich hatte ihn früher häufig beim alten Marx gesehen und war dann vor zwei Jahren mit ihm in St. Moritz zusammengetroffen, wo er mich praktisch (in Regentagen) gelehrt hat, daß ich zum Whistspiel kein Talent besitze; doch schulde ich ihm kein Honorar mehr dafür.å – Ach wenn es doch Dir gelänge, mich zu überreden, daß ein Recontructionsversuch meines Daseins (conditio sine qua non: alibi ) noch der Mühe werth sei! Diese Hoffnung allein, die Deine vielbewährte gütige Theilnahme an meinem Geschicke in mir erregt hat, zieht mich zu Dir hin. äAuf baldiges Wiedersehn.
Dein dankbar ergebener
HvBülow.å
[copyright Simon
Kannenberg]