Bad Kochel, 16 Aug. 69. Verehrter freund, Deine herzlichen Zeilen haben mich sehr
gerührt – ich will es demnach wenigstens versuchen, mich in Deiner Nähe zu erholen;
vielleicht vermag ich auch mit Seyfrieds rathender Hülfe von dort aus die traurige
Angelegenheit, welche mich zunächst am meisten präoccupirt, in Gang zu bringen;
vielleicht kann ich mir einen für mich sehr grauenhaften Aufenthalt in Berlin
ersparen. Seit 9 Tagen bin ich in dem ziemlich einsamen Bade Kochel bei den
Schwiegereltern des jungen Bärmann, der ein ganz prächtiger Mensch ist. Leider hat
das schlechte Wetter meine Kräftigungsbestrebungen paralysirt. Morgen kehre ich nach
München zurück, wo ich ein drei bis vier Tage mit häuslichen Abräumereien zuzubringen
habe. Ich werde mich sputen, so daß ich Samstag (21) Abends in Wiesbaden eintreffen
kann. Gewiss ist diess allerdings noch nicht. Wer weiss, ob Krankheit oder andere
Hinderniße mich nicht noch zwingen werden, meinen unerquicklichen Aufenthalt in der
Stadt zu verlängern. Erlaubst Du demnach, daß ich Dir noch telegrafire, da Du die
Güte haben willst, für mich ein Zimmer zu miethen – in Deiner Nähe hoffentlich? Bei
Ankunft kann ich ja in Post (Adler) absteigen. Viele Empfehlungen an Deine verehrte
Frau, nochmals besten Dank für freundschaftliche Theilnahme. Dein treuergebener
HvBülow. ◊1Die vorläufige Übersiedelung nach Florenz (im October) ist eine
festbeschlossene Sache. Aus sehr vielen Gründen muß ich mich zunächst für längere
Zeit aus Deutschland – exiliren. Meine Verhältniße, meine Person sind leider allzu
bekannt, und die Sachen stehen schlimmer, als Du ahnst. [copyright Simon
Kannenberg]