Verehrter freund, ätausend Dank für Deinen und Deiner Frau liebenswürdige Briefe! Ich
antworte gleich – („bis qui cito“ ) denn eine Briefschuld mit Zinsen anwachsen laßen
– gehört jetzt zu den Unmöglichkeiten.å Aufnahmeprüfungen in der Musikschule und
unzählige Opernproben absorbiren mich jetzt ganz. Und nun das Nächste: Meistersinger
Sonntag 18 October auf allerhöchsten Befehl. S. M. waren sehr ungehalten, daß wir das
Werk mit den neuen, d. h. einheimischen Kräften noch nicht für morgen zum Beginn des
Octoberfestes herausgebracht. Aber er thut uns Unrecht – am Intendanten u.
Kapellmeister lag nicht die Schuld. Nun es wäre schön, wenn Dir diess Veranlaßung
gäbe, Abstecher nach M. zu machen. Nimm Dir doch die Paar Tage Urlaub! Das würde mich
milder stimmen – denn ich kanns nicht verknusen, daß der Allerhöchste Befehl mir die
so sorgfältig bereits neueinstudirte „Euryanthe“ auf längere Zeit vertagt. Die Leute
waren schon so schön ins Feuer gekommen! Wann erscheint Deine 2. Sinfonie? Morgen
Conzertcomitéconferenz, wo ich Acquisition beantrage. äVielen Dank für Bild Deiner
verehrten Frau und des lieben Töchterchens, welche auch bei mir als Zimmerlene
figuriren soll, nämlich in meinem Cabinetsalbum. Einlage: an Alex. send ich Dich. Von
meinem Schwager Bojanowski heute Nachricht, daß gesundes Mädchen Wiesbaden beschreit.
Meine alte Tante Frege kürzlich gestorben: war 86 Jahr alt, componirte aber keine
Opern mehr wie Altersgenoße Auber. Hoffentlich hast Du von Deinen Verwandten ruhigere
Nachrichten d. h. keinen Trauer- noch „Vegnügungs“fall. Meine Frau mehrere Wochen mit
Stiefschwester Gräfin Charnacé in Mailand u. Genua gewesen – konnte nicht
zurückreisen wegen der, wie es scheint, grandiosen Überschwemmungen. Daß Frau Doris
so ungnädig aufgenommen, daß ich Volksausgabe von Victor Hugo und ungebunden verehrt,
schmerzt mich! (Was schenkst Du mir immer für Musikalien, die ich bei Gott mir sonst
sicher kaufen würde!) Wenn Buska es in Berlin nicht aushält, soll sie doch hierher
kommen. Wird mit offnen (nicht-scholzigen) Armen aufgenommen werden, da Frl. Klein
sich entsetzlich entpuppt hat. Was gewiegte Regisseure kindisch sein können!
Mallingerskandal gehört schon zu abgethanen Sachen. Intrigue von Rivalin war dabei im
Spiel. Hat übrigens den Erfolg gehabt, daß faule Kroatin fleissiger studirt um
Publikumsgunst wieder zu erobern. Morgen Debüt von Frl. Seehofer als Rezia. å
Seitenstück zu Lachnerei in W. werde ich hier liefern. Im 2. Conzert Suite v. Raff
„ohne Verlangen“ aber sicher „mit Befriedigung“. Mit Händelei hast Recht. Praktischer
wirst Du die demnächst Dir zuzusendende Cramer-Ausgabe finden. äMein Schwiegervater
kommt nicht früher als 1 Januar nach Weimar (wo er dann bis August verbleibt) – jetzt
ist er wieder nach Rom zurück. Emoll Quartett heute dem Walterschen Verein zur
Durchsicht eingehändigt. Hoffe daß spielen werden.å In der Musikschule Gottlob jetzt
auch Hoboe- und Flötenklaße einführbar, da betr. Anmeldungen. Thut verflucht Noth –
Holzbläser. Liebster Raff – habe keine Zeit mehr – muß noch Partituren – alte
corrigiren – neue durchlesen. Sei so charmant, zu den Meistersingern zu kommen. Wenn
W. nicht von Luzern dazu anlangt, kann ich Dir bei uns Obdach geben. Die Gelegenheit
ist günstig, das Werk vollständig zu hören und verlernt wird in der Hauptsache noch
nichts wieder sein. Also? äCornelius eben in Schulconferenz gesprochen – hats nicht
schief genommen, daß Du noch nicht geantwortet. Er kennt Deine übermäßige
Gewissenhaftigkeit. Ende November ungefähr sehe ich Dich vielleicht in Wiesbaden auf
der Durchreise. Aufforderung in Brüßel zum Besten der Association des artistes u. s.
w. zu spielen (gegen Unkostenerstattung) will ich nicht direkt von der Hand weisen.
Doch vorher also hier – nicht wahr? Meinen Handkuß Deiner Frau Gemahlin, onkelhafte
„embrassade“ an Helene – herzliche Grüsse Deines treuergebenen, jetzt nur München, 3
Okt. 68 physisch verschnupften Bülow ◊1Wenn an Frau Merian geschrieben wird, bitte
bittre Klage des Hrn Henry Bock u. Frau aus Mühlhausen einzuflechten, daß sie die
alten Freunde u. Verehrer so ganz vergeßen!å [copyright Simon Kannenberg]