Absender: Hans von Bülow (C00114)
Erstellungsort: München
Empfänger: Joachim Raff (C00695)
Datierung: 13. Juli 1868 (Quelle)
Standort: Bayerische Staatsbibliothek (München)
Signatur: Raffiana I, Bülow, Hans von Nr. 86
Umfang: 3 Seiten
Material: Papier
Incipit: Verehrter freund!
Wie leid thut’s mir bei jeder Auff. der Meistersinger Dich zu vermißen!
Veröffentlichung: Kannenberg 2020.

Vermisst den E. bei jeder Aufführung der "Meistersinger". Gestern habe es Klindworth und Tausig gegeben. Ersterer habe London verlassen und gehe nach Moskau, wohin er von Nikolaus Rubinstein berufen wurde. Zur nächsten Vorstellung kommen Anton Rubinstein, Bronsart und Joachim. Müsse hier bleiben, bis die erste Hälfte der instruktiven Beethoven-Edition (op. 53) für Cotta erledigt sei. Prüfungen an der Musikschule stehen an. Ärgert sich über Schott: Fehler in der gestochenen Partitur, Lieferungsengpässe, kein Honorar für Tausig für den Klavierauszug (noch schlimmer als die "Tristanplage" des A.s). Richter werde die Honorarpartitur refüsiert. Grüsse an die Gemahlin.

Verehrter freund! Wie leid thut’s mir bei jeder Auff. der Meistersinger Dich zu vermißen! Gestern war die V te, ebenso glücklich verlaufend, wie alle vorhergehenden – Mittwoch od. Donnerstag ist die letzte vor den Ferien. (Neueinstudirung im October) Gestern gab’s Klindworth, Tausig. Ersterer hat London ganz verlaßen und begibt sich nach Moskau, wohin ihn Nic. Rubinstein berufen hat. Er befindet sich wohl, sieht prächtig aus – wohnt auf hoffentlich einige Wochen bei mir; selbstverständlich herzlichste Grüsse. Zur nächsten Vorst. kommen Anton Rubinstein, Bronsart u. Joachim. Wo bleibt Raff? Nun Gottlob Du bist wieder mit Deiner Gesundheit in Ordnung! Dank für die tröstliche Nachricht. Wann ich nach Wiesbaden komme? Jedenfalls, aber – ich muß hier bleiben, bis ich die erste Hälfte meiner instructiven Beethovenedition von Op. 53 an für Cotta abgeliefert und ich habe so rasend viel Anderes zu thun – den furchtbaren Trubel mit den fremden „Tonkünstlern“ die uns hier der Reihe nach aus allen Ecken der Welt bekneipen, abgerechnet. Oper schliesst am 26 Juli, Musikschule aber erst 8 August und die vorhergehenden Prüfungen und Concerte werden mich eine höllische Arbeit kosten. Günstigen Falls treffe ich am 12ten, ungünstigen am 16ten in Wiesbaden ein. Ich habe mich so lange und so bockbeinig darauf gefreut, Dich wiederzusehen und mag den Gedanken nicht aufgeben. Es ist auch nicht nöthig. Ein acht Tage „geniesst“ Ihr mich nun einmal sicher. Nb. Ich zeige mich direkter noch seiner Zeit an. Alles Übrige mündlich trotzdem ich versucht wäre Dich mit einer Anfrage zu behelligen, was man mit dem Oberbürgermeister v. Mainz anfangen könnte, um ihn zur Raison zu bringen. Jeder Tag bringt Schottschen Ärger. Die gestochene Partitur bringt zwei Seiten doppelt und dafür 545 und 548 gar nicht. Welch liederliche Wirthschaft! Nachdem der Theaterintendanz nach Vergriffenheit von 500 Textbüchern vor 14 Tagen deren sofort neue versprochen waren, wird auf wiederholte Mahnung geantwortet, erst in 4 Wochen könne man neue liefern: W. l. W! Dagegen erhalten die hiesigen Musikhändler zu ihrer Verzweiflung und ditto des Publikums deren den Rest der ersten Auflage à 54 W. l. W! Tausig – weil er keinen Contrakt vor Übernahme der Arbeit des Klavierauszuges (eine schlimmere Arbeit als meine Tristanplage ) abgeschloßen, wird mit seinen etwaigen Ansprüchen an den Componisten verwiesen! Tausig hat nicht einen rothen Heller empfangen, nicht einmal Klavierauszüge! Richter wird die zugesicherte Honorarpartitur für seine unsäglichen Correcturmühen u. Kosten von Part. u. Auszug – nachträglich refüsirt! Das geht dann doch übers Bohnenlied! Was könnte man thun, um wirksam zu reclamiren? Wenn Du einen Rath (senza That natürlich) geben könntest, so wäre das recht dankenswerth. Vergieb übrigens die Belästigung – ich bin so scheusslich aufgeregt (nb. nach einer Meistersingervorstellung pflege ich nicht zu schlafen!) daß ich oder vielmehr die Feder mit mir durchgeht. Nun auf nicht so fernes ruhiges u. gemüthliches Wiedersehen – für alle übrigen Menschen werde ich zu meiner Erholung den Taubstummen spielen! Ergebenste Grüsse Deiner Frau Gemahlin! In Eile Dein getreuer München, 13 Juli 1868 HvBülow. [copyright Simon Kannenberg]



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Zitiervorschlag: Bülow, Hans von: Brief an Joachim Raff (13. 7. 1868); https://portal.raff-archiv.ch, abgerufen am 16. 3 2026.