Verehrter freund! Wie leid thut’s mir bei jeder Auff. der Meistersinger Dich zu
vermißen! Gestern war die V te, ebenso glücklich verlaufend, wie alle vorhergehenden
– Mittwoch od. Donnerstag ist die letzte vor den Ferien. (Neueinstudirung im October)
Gestern gab’s Klindworth, Tausig. Ersterer hat London ganz verlaßen und begibt sich
nach Moskau, wohin ihn Nic. Rubinstein berufen hat. Er befindet sich wohl, sieht
prächtig aus – wohnt auf hoffentlich einige Wochen bei mir; selbstverständlich
herzlichste Grüsse. Zur nächsten Vorst. kommen Anton Rubinstein, Bronsart u. Joachim.
Wo bleibt Raff? Nun Gottlob Du bist wieder mit Deiner Gesundheit in Ordnung! Dank für
die tröstliche Nachricht. Wann ich nach Wiesbaden komme? Jedenfalls, aber – ich muß
hier bleiben, bis ich die erste Hälfte meiner instructiven Beethovenedition von Op.
53 an für Cotta abgeliefert und ich habe so rasend viel Anderes zu thun – den
furchtbaren Trubel mit den fremden „Tonkünstlern“ die uns hier der Reihe nach aus
allen Ecken der Welt bekneipen, abgerechnet. Oper schliesst am 26 Juli, Musikschule
aber erst 8 August und die vorhergehenden Prüfungen und Concerte werden mich eine
höllische Arbeit kosten. Günstigen Falls treffe ich am 12ten, ungünstigen am 16ten in
Wiesbaden ein. Ich habe mich so lange und so bockbeinig darauf gefreut, Dich
wiederzusehen und mag den Gedanken nicht aufgeben. Es ist auch nicht nöthig. Ein acht
Tage „geniesst“ Ihr mich nun einmal sicher. Nb. Ich zeige mich direkter noch seiner
Zeit an. Alles Übrige mündlich trotzdem ich versucht wäre Dich mit einer Anfrage zu
behelligen, was man mit dem Oberbürgermeister v. Mainz anfangen könnte, um ihn zur
Raison zu bringen. Jeder Tag bringt Schottschen Ärger. Die gestochene Partitur bringt
zwei Seiten doppelt und dafür 545 und 548 gar nicht. Welch liederliche Wirthschaft!
Nachdem der Theaterintendanz nach Vergriffenheit von 500 Textbüchern vor 14 Tagen
deren sofort neue versprochen waren, wird auf wiederholte Mahnung geantwortet, erst
in 4 Wochen könne man neue liefern: W. l. W! Dagegen erhalten die hiesigen
Musikhändler zu ihrer Verzweiflung und ditto des Publikums deren den Rest der ersten
Auflage à 54 W. l. W! Tausig – weil er keinen Contrakt vor Übernahme der Arbeit des
Klavierauszuges (eine schlimmere Arbeit als meine Tristanplage ) abgeschloßen, wird
mit seinen etwaigen Ansprüchen an den Componisten verwiesen! Tausig hat nicht einen
rothen Heller empfangen, nicht einmal Klavierauszüge! Richter wird die zugesicherte
Honorarpartitur für seine unsäglichen Correcturmühen u. Kosten von Part. u. Auszug –
nachträglich refüsirt! Das geht dann doch übers Bohnenlied! Was könnte man thun, um
wirksam zu reclamiren? Wenn Du einen Rath (senza That natürlich) geben könntest, so
wäre das recht dankenswerth. Vergieb übrigens die Belästigung – ich bin so
scheusslich aufgeregt (nb. nach einer Meistersingervorstellung pflege ich nicht zu
schlafen!) daß ich oder vielmehr die Feder mit mir durchgeht. Nun auf nicht so fernes
ruhiges u. gemüthliches Wiedersehen – für alle übrigen Menschen werde ich zu meiner
Erholung den Taubstummen spielen! Ergebenste Grüsse Deiner Frau Gemahlin! In Eile
Dein getreuer München, 13 Juli 1868 HvBülow. [copyright Simon Kannenberg]