Verehrter freund, Erlaube mir ein Mal – zur Ausnahme – Deiner Schule
freundschaftlicher Discretion (nach welcher ich mich gebildet zu haben stolz bin)
untreu zu werden und Dir sowie Deiner verehrten Frau Gemahlin eine junge Dame zu
empfehlen, Frl. Pichler, bisher in München engagirt, wo ihr – meiner Ansicht – sehr
entwicklungsfähiges dramatisches wie musikalisches Talent leider nicht den günstigen
Beschäftigungskreis gefunden hat. Sie ist die Tochter des liebenswürdigen
Baritonisten P. in Frankfurt, sehr wohlerzogen und ungemein gescheidt. Kapellmstr.
Jahn hat ihr für Wiesbaden ein Engagement geboten, mit welchem das durch mich in
Weimar vermittelte nicht concurriren konnte. Ausserdem bevorzugt sie natürlich die
Nähe der Familie. Wenn Deine Frau Gemahlin ihr mit künstlerischem Rathe beistehen
wollte, so wäre das sehr gütig und wirklich verdienstlich. Vielleicht gewinnt meine
Protégée das Herz von Frau Raff durch den Vortrag von „Schön Elschen“, das sie
allerliebst singt. Ich habe mich leider wenig mit Frl. P. beschäftigen können (als
Knecht der Forderungen des Tages ), bin aber überzeugt, daß es sich künstlerisch
verlohnt haben würde. Mit herzlichen Grüssen Dein treuergebener München, 8 Juli 1868
Bülow. [copyright Simon Kannenberg]