Verehrter freund! ich kenne zwar den Schauspieler Lemaître nicht, aber ich billige
ihn, da er mir die Freude verschafft hat, wieder einmal eine Nachricht von [.....]
Dir zu empfangen. Ich habe Baron v. Perfall sofort Mittheilung gemacht, fürchte aber,
daß er nicht im Stande sein wird, Maximilians Wunsch zu entsprechen; nicht als ob wir
M. nicht gebrauchen könnten, aber erst müßten wir einige Andere los sein und das ist
schwer. Perfall hat schlimme Erbschaften angetreten. Wir arbeiten übrigens in bestem
Einverständniße und mit beispiellosem Eifer – binnen Jahr und Tag wird unsere
Musikschule, unsere Oper u. s. w. sich sehen und hören laßen können. Neulich hatten
wir eine sehr gelungene Aufführung von Byron-Schumanns Manfred. Die Musik hatte
allerdings den Löwenantheil – aber das Ganze hat auch als solches den entschiedensten
Erfolg gehabt. äVorvorgestern hätte ich Dir beinahe geschrieben. Beiliegender Zettel
besagt, wesshalb – nun hat aber das Conzert vertagt werden müßen infolge der
plötzlichen Landestrauer. Merkwürdig aber immer, daß wir uns Beide so oft in
Wiederanknüpfung unterbrochener Correspondenz auf den Tag begegnen! Wie stehts mit
Deiner Gesundheit? Bei mir leidlich obgleich ich an dem in St. Moritz vorigen
Erholungssommer acquirirten Krampfhusten fortdauernd laborire. å — Lachner hat mir
durch seinen Weggang theilweise einen bösen Streich gespielt – die Last meiner Arbeit
ist enorm. Jetzt treten dazu noch die Conzerte. Ich wollte Wüllner zum Collegen
adoptiren – die Kapelle will aber nur mich. Somit wären die Signale zu berichtigen.
Neulich war ich bei Bronsart in Hannover. Ein paar recht heimliche angenehme Tage.
Möchten mir doch diesen Sommer ein paar ditto in Wiesbaden mit Dir beschieden sein!
Oder kämst Du hierher Ende April zu den Meistersingern? Das würde mich unendlich
freuen. Jetzt sind Theaterferien. Wir arbeiten aber mit Macht im Voraus. 15 März
Armide. 17 „ Manfred. 18 „ Conzert. 19 „ Wasserträger (neu einst.) 22. „ Freischütz
(neu einst.) 26. „ Conzert. 27. „ Egmont. 29. „ Lohengrin. 31. „ Abu Haßan v. Weber
neu einst. Gutsherr v. Boieldieu Dies Alles habe ich zu besorgen und daneben
Meistersingerproben und wöchentlich 16 Stunden minimum Musikschule Unterricht und
Inspection! äAd vocem Musikschule. Eine meiner Schülerinnen hat „Ode au printemps“
jetzt studiert – ich möchte es in den nächsten Ensembleübungen probiren laßen. Kannst
und magst Du mir die Orchesterstimmen dazu leihen? Wann erscheint Deine 2. Sinfonie?
Hätte sie gern diesen Winter noch als Novität vorgeschlagen. Wie geht’s Deiner
verehrten Frau? Was macht Helene? Herzliche Grüsse von Deinem sehr eiligen aber sehr
getreuen Hans vBülow. München, 3 März 1868.å Die diplomatische Phrase über
Miloschewitschens ist rein entzückend! [copyright Simon Kannenberg]