Absender: Hans von Bülow (C00114)
Erstellungsort: München
Empfänger: Joachim Raff (C00695)
Datierung: 3. März 1868 (Quelle)
Standort: Bayerische Staatsbibliothek (München)
Signatur: Raffiana I, Bülow, Hans von Nr. 81
Umfang: 3 Seiten
Material: Papier
Incipit: Verehrter freund!
ich kenne zwar den Schauspieler Lemaître nicht,
Veröffentlichung: Bülow, Briefe 4, 89, S. 228f.; Kannenberg 2020.

Kenne den Schauspieler Lemaître nicht. Habe Perfall Mitteilung gemacht, befürchte aber, dass er den Wunsch von Maximilian [Max Seifriz?] nicht erfüllen könne. Perfall habe eine schlimme Erbschaft angetreten. Neulich gelungene Aufführung von Byron-Schumanns "Manfred". Lachner habe ihm durch seinen Abgang einen Streich gespielt - die Arbeitslast sei enorm. Wollte Wüllner zum Kollegen, die Kapelle wolle jedoch nur ihn. Die "Signale" seien also zu berichtigen. War neulich bei Bronsart in Hannover zu Besuch. Wünscht sich auch angenehme Tage in Wiesbaden. Fragt, ob der E. zur Aufführung der "Meistersinger" hierher komme. Arbeitslast: "Armide", "Manfred", Konzert, "Wasserträger", "Freischütz", Konzert, "Egmont", "Lohengrin", "Abu Hassan", "Gutsherr" (Boieldieu), zudem "Meistersinger"-Proben und mindestens 16 Stunden Unterricht. Eine der Schülerinnen habe "Ode au printemps" op. 76 studiert. Bittet um Stimmen. Fragt, wann die Symphonie op. 140 erscheine. Will diese als Novität vorschlagen. Fragt, wie es der Frau gehe und was Helene mache. Findet die "diplomatische Phrase" über Miloschewitschens entzückend.

Verehrter freund! ich kenne zwar den Schauspieler Lemaître nicht, aber ich billige ihn, da er mir die Freude verschafft hat, wieder einmal eine Nachricht von [.....] Dir zu empfangen. Ich habe Baron v. Perfall sofort Mittheilung gemacht, fürchte aber, daß er nicht im Stande sein wird, Maximilians Wunsch zu entsprechen; nicht als ob wir M. nicht gebrauchen könnten, aber erst müßten wir einige Andere los sein und das ist schwer. Perfall hat schlimme Erbschaften angetreten. Wir arbeiten übrigens in bestem Einverständniße und mit beispiellosem Eifer – binnen Jahr und Tag wird unsere Musikschule, unsere Oper u. s. w. sich sehen und hören laßen können. Neulich hatten wir eine sehr gelungene Aufführung von Byron-Schumanns Manfred. Die Musik hatte allerdings den Löwenantheil – aber das Ganze hat auch als solches den entschiedensten Erfolg gehabt. äVorvorgestern hätte ich Dir beinahe geschrieben. Beiliegender Zettel besagt, wesshalb – nun hat aber das Conzert vertagt werden müßen infolge der plötzlichen Landestrauer. Merkwürdig aber immer, daß wir uns Beide so oft in Wiederanknüpfung unterbrochener Correspondenz auf den Tag begegnen! Wie stehts mit Deiner Gesundheit? Bei mir leidlich obgleich ich an dem in St. Moritz vorigen Erholungssommer acquirirten Krampfhusten fortdauernd laborire. å — Lachner hat mir durch seinen Weggang theilweise einen bösen Streich gespielt – die Last meiner Arbeit ist enorm. Jetzt treten dazu noch die Conzerte. Ich wollte Wüllner zum Collegen adoptiren – die Kapelle will aber nur mich. Somit wären die Signale zu berichtigen. Neulich war ich bei Bronsart in Hannover. Ein paar recht heimliche angenehme Tage. Möchten mir doch diesen Sommer ein paar ditto in Wiesbaden mit Dir beschieden sein! Oder kämst Du hierher Ende April zu den Meistersingern? Das würde mich unendlich freuen. Jetzt sind Theaterferien. Wir arbeiten aber mit Macht im Voraus. 15 März Armide. 17 „ Manfred. 18 „ Conzert. 19 „ Wasserträger (neu einst.) 22. „ Freischütz (neu einst.) 26. „ Conzert. 27. „ Egmont. 29. „ Lohengrin. 31. „ Abu Haßan v. Weber neu einst. Gutsherr v. Boieldieu Dies Alles habe ich zu besorgen und daneben Meistersingerproben und wöchentlich 16 Stunden minimum Musikschule Unterricht und Inspection! äAd vocem Musikschule. Eine meiner Schülerinnen hat „Ode au printemps“ jetzt studiert – ich möchte es in den nächsten Ensembleübungen probiren laßen. Kannst und magst Du mir die Orchesterstimmen dazu leihen? Wann erscheint Deine 2. Sinfonie? Hätte sie gern diesen Winter noch als Novität vorgeschlagen. Wie geht’s Deiner verehrten Frau? Was macht Helene? Herzliche Grüsse von Deinem sehr eiligen aber sehr getreuen Hans vBülow. München, 3 März 1868.å Die diplomatische Phrase über Miloschewitschens ist rein entzückend! [copyright Simon Kannenberg]



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Zitiervorschlag: Bülow, Hans von: Brief an Joachim Raff (3. 3. 1868); https://portal.raff-archiv.ch, abgerufen am 16. 3 2026.