Verehrter freund! Der Polizei habe ich meine Wohnung anzeigen müssen – warum soll ich
sie nun nicht auch Dir vermelden? äEinen weiteren Zweck haben diese Zeilen sonst
nicht – es gibt wenig Neues zu berichten – da das Wesentliche Dir schon bekannt ist.å
Basel hatte ich ziemlich liebgewonnen, der Abschied wurde mir schwer, und ich habe
lange geschwankt, ob ich mich wieder den Schwankungen in München aussetzen sollte.
Unterdeßen hat sich aber hierorts in Lokal- und Personalverhältnißen so vielerlei zum
Besseren verändert, daß ich hoffe, mit meiner Familie aushalten zu können. Heute
kommen die zwei ältesten aus Berlin zurück, in vierzehn Tagen die jüngsten aus der
Schweiz. Dann sind wir „au complet“. Meine Frau ist Gottlob recht wohl und hat seit
zwölf Tagen mit mir an der definitiven Einrichtung gearbeitet, die nun vollendet ist.
Das Direktorium des zu gründenden Conservatoriums (oder Aedificatoriums, sintemal
wenig zu conserviren ist) ist mir amtlich zugesichert – den Gehalt beziehe ich schon
jetzt. Die anderweitigen Allerhöchsten Wünsche zwingen zu einer Vertagung dieser
Angelegenheit. Vor der Hand habe ich meine Functionen als ordentlicher
Hofcapellmeister (nb. ich habe nur den König zum Chef) angetreten, ich „probire“ den
ganzen Tag. ä Am 10 Mai nochmalige (4te) Aufführung von Liszts Elisabeth „ „ Juni
erste Vorstellung des Lohengrin „ „ Juli „ „ „ Tannhäuser (neue Bearbeitung) Sobald
diese Missiönchen vollendet, eile ich nach St. Moritz im Engadin um die seit Jahren
verschobene, jetzt nach ärztlicher Ansicht unverschiebbare Kur durchzumachen und zur
Einstudierung der Meistersinger (eine Pferdearbeit) neue Kräfte zu sammeln.å Wagner
kommt Mitte Mai nach Starnberg, wo ihm der König in nächster Nähe von Schloß Berg
Privatwohnung hat miethen laßen. Dort instrumentirt er weiter. Im Übrigen bleibt er
in Luzern wohnen und kommt nur zeitweise zum Besuch hierher. Zu diesem Behufe habe
ich eine größere Wohnung genommen, in welcher ihm zwei abgeschloßene Zimmer stets
reservirt sind. Voilà ungefähr was ich heute von Personalnotizen geben kann. Zu
ergänzen wäre diess noch dahin, daß vermuthlich meine Mutter hieher übersiedeln wird,
da mein Schwager als preuss. Consul nach Moskau versetzt werden dürfte, wo er, wie
Dir bekannt sein wird, Dionys Pruckner mit Laub u. Coßmann Trio spielen hören kann.
Verdiene ich für diesen gemüthlichen Klatsch nicht einige Mittheilungen über Dich und
die Deinigen? Von einer für mich sehr erfrischenden Aufführung Deiner Suite in Basel
(es war das erste Mal, daß ich ein Werk von Dir einem Orchester eingepaukt) wird Dir
Deine verehrte Frau Schwägerin geschrieben haben. Wenn doch der Repräsentant des
„negativen Fortschritts zum Charakterlosen“ die Odeonsconzerte zu dirigiren aufhören
möchte, dann könnte ich die Vaterlandssinfonie einmal in Szene setzen, wornach ich
seit lange lechze, alldieweil ich sie einmal gut aufgeführt hören möchte, was leider
nur dann sein kann, wann ich selbst dirigire! Du siehst, ich bin auf dem Wege,
kapellmeisterliche Bescheidenheit zu cultiviren. Wie stehts mit Deiner
Instrumentirung von W’s Huldigungsmarsch? Darf ich Dich um einen der ersten Abzüge
bitten? Er würde mir sehr gelegen kommen. äEinstweilen herzliche Grüsse von Haus zu
Haus und versäumte Glückwünsche zur 2ten Sinfonie! Dein treuergebener HvBülow.å
[copyright Simon Kannenberg]