Absender: Hans von Bülow (C00114)
Erstellungsort: Luzern
Empfänger: Joachim Raff (C00695)
Datierung: Dezember 1866 (Quelle)
Dezember 1866 (Poststempel)
Standort: Bayerische Staatsbibliothek (München)
Signatur: Raffiana I, Bülow, Hans von Nr. 72
Umfang: 3 Seiten
Material: Papier
Incipit: Verehrter freund!
Herzliche Erwiderung Deiner Neujahrsgrüße von mir und den Meinigen an Dich und die Deinigen

Habe die "Brendelsche" noch nicht gelesen und den guten Mann ein wenig vergessen, auch ob dieser oder dessen Frau gestorben sei. Wisse noch nicht, ob die Zeitschrift von Yourij v. Arnold ein "abortus" sein wird. Lobt die "Signale", auch Wagner habe sie abonniert. Die "Meistersinger" gehen voran. Schotts dürfen sich zur Luzerner Ruhe gratulieren. Bittet den E., das Datum der Aufführung der zweiten Symphonie [op. 140] zu präzisieren. Sei den Stuttgartern eine Aufführung schuldig, wolle dann schnell wieder gehen, um "Klebert und Abort" nicht zu riechen. Habe Ritter in Würzburg ähnliches versprochen. Könne das Konzert in Wiesbaden mit einem Vorträglein beglücken. Habe von Napoleon III. ein signiertes Prachtexemplar von "Histoire de César" erhalten. Sei krank gewesen und konnte Weihnachten nicht bei den Seinigen in Wagners Haus verleben. Frau und Kinder [Daniela und Blandine] befinden sich leidlich. Anspielung auf Goethe. Habe sich über die Mitteilung der Kammererfolge aus Paris gefreut. Fragt, warum Pasdeloup nicht wie Samuel in Brüssel die Orchestersuite op. 101 aufführe. Lese immer von Lachner-Fragmenten. Man müsse Langhans zu einer Vermittlung der Partitur auffordern. Fragt, warum Schotts nicht eine Partitur schicken. Bedankt sich für Bereitwilligkeit wegen Goetz. Der E. werde morgen lesen, dass Fürst Hohenlohe Minister geworden sei. Der König habe sich aus freien Stücken von der "nativistisch colorirten Liberalenclique" (Chef: Neumayr) losgesagt.

Verehrter freund! Herzliche Erwiderung Deiner Neujahrsgrüße von mir und den Meinigen an Dich und die Deinigen – weiter haben diese Zeilen keinen Zweck. Am wenigsten bitte ich sie etwa als „Probenummer“ meiner Correspondenz vom künftigen Jahre zu betrachten. Die Brendelsche war ich noch nicht so glücklich zu geniessen: der gute Mann ist mir wie manche andere („un bon garçon – à quoi est-ce bon?“ ) ein wenig dem Gedächtniß entfallen. äNeulich war ich einmal unsicher, ob er oder seine Frau den Hahn ausgedreht. Leider kann man sich betreffs des ihm nicht blos an- sondern geradezu umhängenden Zopff dieser Illusion nicht hingeben. Ob Yourij v. Arnold’s Zeitschrift kein abortus sein wird, mag ich noch nicht behaupten. Unter uns – ich halte recht wenig von dem Ex-Staatsrath. In Leipzig scheint er etwas verrufen; die Entscheidung ist übrigens schwer, da beide Br. und Arn. jeder über den Anderen das Schlimmere sagen. Am Ende – dürfte uns können bedünken, daß der Rabbi und der Mönch, daß sie alle beide – hinken. å Ich lobe mir die Signale – auch Wagner ist entzückt über die hehre Mannigfaltigkeit der in dem Wochenblatte niedergelegten Belehrung und hat sich auf 1867 abonnirt. äMeistersinger schreiten rüstig weiter – Mitte des dritten Aktes. Instrumentirt wird aber erst, wenn die ganze sehr ausgeführte Skizze fertig niedergeschrieben ist. Schott’s dürfen sich zur Luzerner Ruhe gratuliren – und Du wirst Freude an dem Werke haben, dess bin ich sicher. å Kannst Du mir ungefähr das Datum der Aufführung Deiner 2ten Symphonie präzisiren? Wenn möglich, arrangire ich eine kleine Reise um dieses Centrum. Ich bin den Stuttgartern Mitwirkung in einem Abonn.-Conzert der Kapelle schuldig ä(reise aber nach Entrichtung der Schuld sogleich weiter, um Klebert und Abort nicht zu riechen)å – dann habe ich Ritter in Würzburg Ähnliches versprochen. Warum sollte ich übrigens das betreffende Conzert in Wiesbaden nicht mit einem Vorträglein (einem „Gange auf dem Klavier“ wie Louise Miller sagt) beglücken? Würde weniger auf hohes Honorar als gute Behandlung sehen. äEhrenlegion? Nein – Du hast falsch gerathen. Aber etwas Anderes, sehr nettes, noch ausnahmsweiseres. „Entre nous“-ssissime wenn ich bitten darf: ein eigenhändig signirtes Prachtexemplar der „Histoire de César“! Hm? Was sagst Du dazu? Daß mir nun an dem baldigsten Erscheinen der beiden Sachen Ouverture u. Marsch liegt, kannst Du Dir vorstellen. Um seinen Namen zu schreiben, darf Einer noch keiner der 26 Krankheiten, die ihn plagen, unterlegen zu sein. Der späteste Termin wäre also vier Wochen wenigstens vor dem tödtlichen Ausgange sein. Wie soll man das im Kalender notiren? å — Vor acht Tagen war ich auf allen unharmonischen Hunden. Unmöglich – das Weihnachtsfest bei den Meinigen in Wagner’s Hause zu verleben! Dagegen – im Bette. Habe während 72 Stunden keinen Bißen gegeßen, nur Thee und Soda-Water hinter die Binde gegossen und konnte dann, Dank der Abwesenheit des Arztes, mich wieder aufrappeln. Doch leide ich an chronischen Fieberanfällen, gegen welche ich mit noch zweifelhaftem Erfolge Chinin anwende. Frau und Kinder befinden sich recht leidlich – das nimmt mir eine große Sorge und Unruhe vom Herzen – im Grunde sind alle physischen Übelbefinden doch nur mehr oder minder Resultate der blindhauchenden Matrone, die Göthe so grauenhaft schön besingt. Wenigstens – was mich anlangt – so helfe ich mir ganz gut mit meiner Mock-Gesundheit durch, sobald ich kein psychisches Zahnweg habe (Zahnweh im Sinne des Hasenkopfs im Hundemaul.) äSehr gefreut hat mich die Mittheilung von Deinen Kammererfolgen in Paris, die mir noch unbekannt waren. Aber warum führt Pasdeloup nicht à la Samuel in Brüssel Deine Orchestersuite in seinen Pops auf? Immer lese ich von Lachnerfragmenten. Man müßte Langhanns einmal zu einer Vermittlung der Partitur auffordern. Übrigens – warum schicken Schotts nicht direkt ein Exemplar an Pasdeloup? Erst muß er doch die Partitur haben, bevor er sie aufführt – und kaufen wird der Mensch vermuthlich nichts. Schönen Dank für Deine Bereitwilligkeit wegen Götz. Gelegentlich will ich ihn veranlaßen, sich Dein Urtheil zu erbitten. Es ist mir übrigens neuerdings ein kleines Bedenken aufgestossen: er ist Jude, als solcher leicht geneigt, in unverschämte Zudringlichkeit zu verfallen. Da muß man vielthätigen Freunden gegenüber vorsichtig sein, da das Resultat der Behelligung die Absicht überwachsen kann.å — Wegen der bair.-östr. Allianz können wir uns beruhigen. Morgen wirst Du lesen daß Fürst Hohenlohe Minister geworden. Der hat ein verständiges Programm ohne alle Extravaganzen und Vorurtheile. Der König hat sich aus freien Stücken von der nativistisch colorirten Liberalenclique (Chef: Neumayr ) losgesagt und damit einen gesunden Instinkt bewiesen, der versprechend ist für das, was seit lange von ihm mit Recht erwartet wird. Doch genug geplaudert. Habe herzlichen Dank für alle Freundschaft und Wohlgewogenheit die Du mir in diesem infamen Jahre erwiesen – bewahre sie mir ferner und sei versichert der Beständigkeit meiner dem großen Künstler wie dem guten Menschen gezollten hochachtungsvollen Gesinnung ävon Seiten Deines treuergebenen Hans vBülow.å [copyright Simon Kannenberg]



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Zitiervorschlag: Bülow, Hans von: Brief an Joachim Raff (31. 12. 1866); https://portal.raff-archiv.ch, abgerufen am 16. 3 2026.