Verehrter freund! So eben empfange ich aus Pesth Nachrichten über das Datum des
Pesther Musikfestes: 15 Aug. heilige Elisabeth 16 Aug. Künstlerconzert, 19 Aug.
Wiederholung der Legende oder des Conzerts 20 Aug. Gesangvereinsfest populären
Charakters. Demnach muß ich also auf die Einladung zum 18 Aug. für Wiesbaden Verzicht
leisten. äDa Du mir gegenüber die Güte gehabt hast, als Secretär Barth’s zu fungiren,
so erlaube ich mir Dir von meiner Verhinderung rechtzeitig Anzeige zu machen. Wenn
man mich dagegen im Laufe des September brauchen könnte, würde mir’s sehr angenehm
sein. Oder noch besser: wäre es möglich, daß ich mich am 18 August durch meine famose
Schülerin Fräulein Alide Topp (die gegenwärtig hier bei mir weiterstudirt) vertreten
laßen könnte? Für einen „formidablen“ Success dieser Stellvertretung garantire ich.
Wenn ich mehr frage, als Du antworten kannst und magst, so habe die Güte – zur
Tagesordnung überzugehen.å Die Wagnersaison ist mit dem gestrigen Abend beendet. Auf
Befehl des Königs war noch ein großes geheimes Conzert im Residenztheater – ohne
Publikum – zwanzig bis dreissig Wagnerfreunde abgerechnet, die sich für die Hofloge
unsichtbar placiren mußten. Schlußszene aus Rheingold, Schmiedelieder aus Siegfried,
sieghaft gesungen von Schnorr, Fragmente aus Walküre, Ouverture, Pogners Anrede und
die große Szene der Meistersinger mit Walther aus der zweiten Hälfte des ersten Aktes
die unglaublich schön und klar ausgeführt wurde und in jeder Beziehung nach der
humoristischen wie nach der lyrischen Seite unwiderstehlich gewirkt hat. U. s. w. Am
1 Juli war eine vierte und letzte Tristanaufführung, vielleicht die gelungenste und
vom ungetheiltesten Beifall begleitete – am 9. eine Holländervorstellung, von mir
dirigirt und revidirt, die ebenfalls einen colossalen Erfolg hatte, den dieses Werk
äebenfallså dem Tristan verdankt. Nach den Andachtsanstrengungen die dem unbefangenen
Publikum in der „unmöglichen“ Oper zugemuthet worden, fühlten sich die Leute selbst
im ersten Akte des Holländer sorbettirend behaglich. – Schnorrs reisen heute Mittag
nach Dresden zurück. Er hatte gestern eine dreiviertelstündige Audienz beim Könige
der uns Dreien in liebenswürdigster Weise eigenhändige Dankbillette adreßirt hat. –
Was weiter, nun das ist eben Zukunft. Einstweilen freut es mich, daß Wagner sich
wieder straffer fühlt und fleissig am 2ten Akte des Siegfried instrumentirt, deßen
dritten Akt er bis Ende des Jahres wenigstens skizzirt zu haben hofft. Vom
Conservatorium schweigt einstweilen die Historie. Wie verlautet, machen die Minister
Opposition gegen unsre Vorschläge. Nun – schliesslich entscheidet in diesen Dingen
einmal ein Ukas, durch den wir auch Schnorr bereits zum 1. October berufen erwarten.
Voilà in Kürze, was vom hiesigen Schauplatze zu melden wäre. Es geht drollig her. Ich
dirigire die Wagnerschen Opern, trotzdem der Componist anwesend ist und Franz Lachner
Generalmusikdirektor und – kein Mensch wundert sich drüber, weder im Publikum noch im
Orchester- u. Theaterpersonal! Und dieser wunderbare König. Zu jeder Aufführung
Extrazug, hin und zurück von Starnberg; während der Zwischenakte sprechen ihn die
Minister, froh, seiner einmal habhaft zu werden. Auf der Eisenbahnfahrt letzten
Sonnabend gibt er plötzlich das Nothsignal. Grosser Schrecken – man hält an –
Majestät finden es im Coupé zu heiss, sehnen sich nach freier Luft und steigen zum
Heitzer auf die Locomotive mit welchem Sie Sich die Fahrzeit über lebhaft zu
unterhalten geruhen. Nach der Aufführung waren Sie so ergriffen, daß[,] als der
Secretär beim Einsteigen in die Equipage den früheren Platz wieder aufsuchte, ihm mit
den Worten „ich will allein sein“ die Thüre vor der Nase zugeschlagen wurde – nb. es
war ein Hundewetter und die Münchner Droschken lagen schon im Bett. Dergleichen
Amüsantes liesse sich Vielerei erzählen. Wenn ich nur die Odeonsconzerte an mich
reißen◊1 könnte! Im ersten käme Deine Suite zur Aufführung und bald darauf die
Vaterlandssinfonie die ich endlich einmal anständig ausgeführt zu hören wünschte. À
propos – weißt Du daß ein Dresdner Musikcorps die Execution des Werks während des
Sängerfestes seit Geraumem pomphaft ankündigt? Auf eine gute Ausführung Deines
Quintetts bin ich ebenfalls sehr gierig: ich halte es unbedingt für die Krone Deiner
Kammermusikarbeiten. äDoch ich sehe zu rechter Zeit, daß ich heute mehr Zeit zum
Schreiben habe als vermuthlich Du zum Lesen. Ich nehme also Abschied, die
freundlichsten Grüsse meiner Frau an Deine Frau Gemahlin beifügend, die sich nebst
dem Töchterlein hoffentlich ungestörter Gesundheit erfreut. Daß es mit Dir in dieser
Hinsicht gut bestellt ist, habe ich mit Vergnügen gestern von Wüllner und Perfall
erfahren, die sich rühmten, Dich auf dem Mainzer Musikfest gesehen zu haben. Hast Du
ein Mittel, Schotts zum Antworten zu bringen? Die Leute benehmen sich unglaublich
gegen Wagner, senden ihm keine Exemplare des Huldigungsmarsches (deßen Arrangements
sie ebenfalls zu honoriren vergeßen), bringen imfame◊2 Artikel über den Tristan in
ihrem Blatte u. s. w. Nimm diesen Wuthschrei nicht als eine Augustenburgische
Bettelei um Deine Intervention auf, sondern sage mir gelegentlich, ob im Geschäfte
eine zuverläßige Monade existirt, an die man sich vorkommenden Falls etwas palpabel
halten kann. Einstweilen wie immer Dein treuergebener HvBülow.å [copyright Simon
Kannenberg]