Absender: Hans von Bülow (C00114)
Erstellungsort: Berlin
Empfänger: Joachim Raff (C00695)
Datierung: 29. September 1864 (Quelle)
Standort: Bayerische Staatsbibliothek (München)
Signatur: Raffiana I, Bülow, Hans von Nr. 60
Umfang: 4 Seiten
Material: Papier
Incipit: Verehrter Freund,
ich habe eben an Deine Frau Schwägerin schreiben müßen
Veröffentlichung: Bülow 1895 III, S. 600ff.; Marty 2014, S. 245ff.; Kannenberg 2020.

Musste eben der Schwägerin des E.s schreiben und danken. Klagt über den abscheulichen Sommer. Will die Zelte in Berlin abbrechen und nach München ziehen. Der junge König habe ihn mit einem anständigen Gehalt (2000 fl.) als Haus- oder Kammerpianist angestellt. Habe nach Beratschlagung mit Schwiegervater die Stelle angenommen. In Berlin sei es nur noch höheres Galeerensklaventhum gewesen. Die jüdische Canaille Stern und ihre Kumpane Ehrlich, Geyer und Wüerst haben viel Ärger bereitet. Krise in Starnberg. Habe durch Redern eine ernstlichere Offerte vom Hof erhalten. Fragt, wann er endlich dazu komme, das Trio op. 102 und Quintett op. 107 geniessen zu können. Habe sich gefreut, dass der E. seinen Schwiegervater in Karlsruhe aufgesucht habe. Ehre die Gründe der Nichtteilnahme, soweit sie subjektiv. Auch ihm werde speiübel beim Namen Brendel. Kein Glaubensbekenntnis werde beim Eintritt in den Musikverein gefordert. Kiel und Volkmann beispielsweise gehören nicht der Weimarischen Schule an. Wenn Brahms und Joachim beisteuern, werden sie ebenfalls bei den Versammlungskonzerten berücksichtigt. Fragt den E., ob er ihn als reinen Parteimusiker sehe. Fragt nach dem Befinden der Gemahlin und erwähnt, dass sich seine Frau und die Kinder [Daniela und Blandine] am Starberger See recht wohl befunden haben. Erstere hole ihren Vater in Eisenach ab, gehe mit diesem acht Tage nach Paris, dann nach München. Gratuliert dem E. zu den erhaltenen Orden. Bei Peters sei die Scarlatti-Anthologie erschienen. Unter den von Liszt zurückgelassenen Manuskripten finde sich ein für Schott recht brauchbares Stück: Berceuse über ein Motiv "de la reine de Saba".

Berlin, 29 Sept. 64. Enkeplatz 5. Verehrter Freund, ich habe eben an Deine Frau Schwägerin schreiben müßen, die mich in sehr liebenswürdiger Weise mit einigen Conzertdirectionswünschen bekannt gemacht hat – und nun kommt es mir absurd vor, daß ich Dir so lange kein Lebenszeichen von mir gegeben habe [....]: ich ermanne mich daher \nochmals/ zu dem meinen kranken Arm- und Fingergelenken immer noch etwas beschwerlichen Papierschwärzen. Du wirst wenig Freude daran haben – also faße ich mich auch Deinetwegen kurz. Lamentationen – und hierauf reduzirt sich so ziemlich mein Stoff in diesen Tagen oder Wochen – sind ebenso unerquicklich zu lesen als zu schreiben. Du hast jedenfalls Ungefähres gehört von dem abscheulichen Sommer, den ich verlebt habe, Dir wahrscheinlich aber die Sache nicht so schlimm vorgestellt, als sie für mich war. Dennoch muß ich Dir – dem eben ausgesprochenen Satze getreu – die Ausmalung meiner Krankheit aus eignen Imaginationsmitteln überlaßen. Jetzt bin ich endlich auf dem Wege der Besserung, vielleicht gänzlichen Herstellung. Es geht aber recht langsam damit, was um so bedauerlicher, als die häuslichen Wirren ein rascheres Tempo gebieten. Nach zwanzig Bädern mit „kali causticum“ habe ich ungefähr noch die gleiche Anzahl mit „Fichtennadelndecoct“ hier abzusitzen und die dazu gehörigen d. h. darauf folgenden Bett stationen abzuliegen – darnach hoffe ich so weit zu Kräften gekommen zu sein, daß ich unser Zelt hier abbreche, eine etwas weitläufige Geschichte: Möbelauktion, Wohnungsvermiethung – Schicksalsironie liess mich voriges Jahr einen fünfjährigen Miethscontrakt abschliessen u. s. w. Daraus geht nun hervor, daß das Gerücht von unserer Übersiedlung nach München wahr spricht. Der junge König hat mich mit einem sehr anständigen Gehalte (2000 fl) zu „Seinem Vorspieler“ dahin berufen. Also nicht Hofpianist sondern Haus- oder Kammerpianist, was mir lieber, übrigens würdiger ist, als meine hiesige – gehaltlose – Stellung. „Direktor des Conservatoriums“ – wie einige Blätter nach dem, was man mir erzählt, melden – davon ist vorläufig wenigstens und, setze ich hinzu, glücklicherweise nicht die Rede. Ich habe genug vom hiesigen Conservatorium – für Lebenszeit. Viele Bedenken hielten mich von der sofortigen Annahme des kön. bair. Anerbietens zurück. Nach reiflicher Berathschlagung mit meinem Schwiegervater habe ich mich nun aber definitiv entschloßen, zu versuchen, ob mir anderwärts eine neue Aera blüht. Offen gestanden – Deine mir stets bewiesene freundschaftliche Theilnahme läßt mich heute so ausführlich über meine Angelegenheiten schwatzen – hier in Berlin hielt ich’s nicht länger aus. Das war das höhere Galeerensklaventhum. Das Leben im vorigen Winter hat mich aufgerieben. Allerdings gab mir körperlich die Anstrengung der rußischen Reise den Hauptstoss, moralisch der alles Maass des Ausgestandenen und Erträglichen überschreitende Ärger, äden mir die jüdische Canaille Stern mit ihren Cumpanen Ehrlich (sic!), Geyer, Würst u. a. m. bereitet hat.å In Starnberg angelangt unter kräftiger Mitwirkung des beispiellos üblen Wetters fiel ich gewißermaaßen um. Vielleicht war’s eine heilsame Krisis. Die Münchner Berufung ist mir in verschiedener Hinsicht eine Erlösung. Ich verhehle mir keine der Schwierigkeiten und Unannehmlichkeiten, die meiner dort warten können. Aber nach einem Rosenbette lechze ich durchaus nicht, nur nach einem möglichen Terrain, einem weniger sterilen und sterilisirenden als dem hiesigen. Der preuss. Hof hat zwar sofort auf die erste Nachricht von meinem Weggange mir durch Redern ernstlichere Offerten machen laßen – allein ich scheue das Glatteis und will die gemachten „unschätzbaren“ Erfahrungen nützen, \will/ nicht mehr „hineinfallen“ wie der Berliner Mob sagt. Um ein kleines Stück rücke ich Dir vom 15 November ab also näher. Leider sind die süddeutschen Eisenbahnverbindungen so schlecht organisirt, daß ich fürchten muß, die Gelegenheit, Dich häufiger zu sehen, werde selten geboten werden. Vielleicht läßt sich aber doch mit der Zeit ein continuirlicherer Verkehr zu Stande bringen. Das erste Jahr denke ich mich äziemlichå ruhig in München zu verhalten – theils gebietet es die Rücksicht auf meine schlechte Gesundheit – seit beinahe drei Monaten habe ich das Klavier ganz vernachläßigen müßen – theils erscheint es rathsam, etwaigen süddeutschen Widerwillen gegen oder Argwohn vor musikalischen Octroyirungen nicht aufzuregen. Ach – die Musik! Wann werde ich dazu kommen, Dein Trio und Dein Quintett zu geniessen! Jetzt greift mich Alles an krankhaft an. Es hat mich sehr gefreut, daß Du meinen Schwiegervater in Carlsruhe aufgesucht hast. Die Gründe Deiner Nichttheilnahme an den dortigen Musikaufführungen ehre ich, so weit sie subjectiv – in der Sache muß ich Dir vollständig Unrecht geben, so speiübel mir auch stets bei dem Namen Brendel wird. Keinerlei Glaubensbekenntniß wird zum Eintritt in den Musikverein gefordert; gegen seine Statuten kann der größte Zopf nichts Stichhaltiges einwendet.◊1 Jedermann, wer will, kann eintreten, von Parteiinteressen und Sonderzwecken kann um so weniger die Rede sein, je zahlreicher und multicolorer die Betheiligung wird. Kiel, Volkmann u. A. gehören nicht der Weimarischen Schule an. Wenn Brahms und Joachim beisteuern – werden sie ebenfalls bei den Versammlungsconzerten berücksichtigt. Wo steckt also die „imperialisitische“ Tendenz – ausser etwa in meinem Inneren? Und betrachtest Du mich rein als Parteimusiker? Doch genug hiervon. Meine Hand wird nächstens stocken. Der Hauptbeweggrund war, Dir Nachricht von mir zu geben, mir deren von Dir zu erbitten. Gerne wüsste ich Sicheres über Deine Gesundheit und Deine productive Laune. Deine Frau Gemahlin, der ich uns bestens zu empfehlen bitte, gibt Dir hoffentlich keinen Grund zu Besorgnißen. Meine Frau und Kinder haben sich am Starnberger See recht wohl befunden. äDie erstere holt dieser Tage ihren Vater in Eisenach ab, geht mit ihm auf acht Tage nach Paris und dann nach München vorbereitende Einrichtungsschritte zu thun. Möglich daß ich Mitte October auch eine provisorische Excursion dahin machen muß, also meine Frau abholen werde. Einstweilen herzlichen Gruss Dein treuergebener Hans vBülow.å ◊2 — P.S. Habe Dir noch nicht zu den Orden gratulirt! Brauche wohl nicht zu sagen, daß ich mich mehr darüber gefreut, als über meine Virtuosenbändchen. ä– Bei Peters ist jetzt meine Scarlatti-Anthologie (3 Hefte) erschienen – ich hoffe und glaube, Du werdest mit der Einrichtung zufrieden sein. Ich gebe Auftrag, sie Dir zu senden. – Da fällt mir noch ein, daß unter den mir von Liszt zurückgelaßenen M[anu]scripten ein für Schott recht brauchbares Stück ist. Berceuse über ein Motif „de la reine de Saba“. Leicht, dankbar, kurz. Vielleicht kannst Du bei ihm einmal eine vorläufige Anfrage machen. Ich disponire darüber.å [copyright Simon Kannenberg]



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Zitiervorschlag: Bülow, Hans von: Brief an Joachim Raff (29. 9. 1864); https://portal.raff-archiv.ch, abgerufen am 22. 4 2026.