Berlin, 29 Sept. 64. Enkeplatz 5. Verehrter Freund, ich habe eben an Deine Frau
Schwägerin schreiben müßen, die mich in sehr liebenswürdiger Weise mit einigen
Conzertdirectionswünschen bekannt gemacht hat – und nun kommt es mir absurd vor, daß
ich Dir so lange kein Lebenszeichen von mir gegeben habe [....]: ich ermanne mich
daher \nochmals/ zu dem meinen kranken Arm- und Fingergelenken immer noch etwas
beschwerlichen Papierschwärzen. Du wirst wenig Freude daran haben – also faße ich
mich auch Deinetwegen kurz. Lamentationen – und hierauf reduzirt sich so ziemlich
mein Stoff in diesen Tagen oder Wochen – sind ebenso unerquicklich zu lesen als zu
schreiben. Du hast jedenfalls Ungefähres gehört von dem abscheulichen Sommer, den ich
verlebt habe, Dir wahrscheinlich aber die Sache nicht so schlimm vorgestellt, als sie
für mich war. Dennoch muß ich Dir – dem eben ausgesprochenen Satze getreu – die
Ausmalung meiner Krankheit aus eignen Imaginationsmitteln überlaßen. Jetzt bin ich
endlich auf dem Wege der Besserung, vielleicht gänzlichen Herstellung. Es geht aber
recht langsam damit, was um so bedauerlicher, als die häuslichen Wirren ein rascheres
Tempo gebieten. Nach zwanzig Bädern mit „kali causticum“ habe ich ungefähr noch die
gleiche Anzahl mit „Fichtennadelndecoct“ hier abzusitzen und die dazu gehörigen d. h.
darauf folgenden Bett stationen abzuliegen – darnach hoffe ich so weit zu Kräften
gekommen zu sein, daß ich unser Zelt hier abbreche, eine etwas weitläufige
Geschichte: Möbelauktion, Wohnungsvermiethung – Schicksalsironie liess mich voriges
Jahr einen fünfjährigen Miethscontrakt abschliessen u. s. w. Daraus geht nun hervor,
daß das Gerücht von unserer Übersiedlung nach München wahr spricht. Der junge König
hat mich mit einem sehr anständigen Gehalte (2000 fl) zu „Seinem Vorspieler“ dahin
berufen. Also nicht Hofpianist sondern Haus- oder Kammerpianist, was mir lieber,
übrigens würdiger ist, als meine hiesige – gehaltlose – Stellung. „Direktor des
Conservatoriums“ – wie einige Blätter nach dem, was man mir erzählt, melden – davon
ist vorläufig wenigstens und, setze ich hinzu, glücklicherweise nicht die Rede. Ich
habe genug vom hiesigen Conservatorium – für Lebenszeit. Viele Bedenken hielten mich
von der sofortigen Annahme des kön. bair. Anerbietens zurück. Nach reiflicher
Berathschlagung mit meinem Schwiegervater habe ich mich nun aber definitiv
entschloßen, zu versuchen, ob mir anderwärts eine neue Aera blüht. Offen gestanden –
Deine mir stets bewiesene freundschaftliche Theilnahme läßt mich heute so ausführlich
über meine Angelegenheiten schwatzen – hier in Berlin hielt ich’s nicht länger aus.
Das war das höhere Galeerensklaventhum. Das Leben im vorigen Winter hat mich
aufgerieben. Allerdings gab mir körperlich die Anstrengung der rußischen Reise den
Hauptstoss, moralisch der alles Maass des Ausgestandenen und Erträglichen
überschreitende Ärger, äden mir die jüdische Canaille Stern mit ihren Cumpanen
Ehrlich (sic!), Geyer, Würst u. a. m. bereitet hat.å In Starnberg angelangt unter
kräftiger Mitwirkung des beispiellos üblen Wetters fiel ich gewißermaaßen um.
Vielleicht war’s eine heilsame Krisis. Die Münchner Berufung ist mir in verschiedener
Hinsicht eine Erlösung. Ich verhehle mir keine der Schwierigkeiten und
Unannehmlichkeiten, die meiner dort warten können. Aber nach einem Rosenbette lechze
ich durchaus nicht, nur nach einem möglichen Terrain, einem weniger sterilen und
sterilisirenden als dem hiesigen. Der preuss. Hof hat zwar sofort auf die erste
Nachricht von meinem Weggange mir durch Redern ernstlichere Offerten machen laßen –
allein ich scheue das Glatteis und will die gemachten „unschätzbaren“ Erfahrungen
nützen, \will/ nicht mehr „hineinfallen“ wie der Berliner Mob sagt. Um ein kleines
Stück rücke ich Dir vom 15 November ab also näher. Leider sind die süddeutschen
Eisenbahnverbindungen so schlecht organisirt, daß ich fürchten muß, die Gelegenheit,
Dich häufiger zu sehen, werde selten geboten werden. Vielleicht läßt sich aber doch
mit der Zeit ein continuirlicherer Verkehr zu Stande bringen. Das erste Jahr denke
ich mich äziemlichå ruhig in München zu verhalten – theils gebietet es die Rücksicht
auf meine schlechte Gesundheit – seit beinahe drei Monaten habe ich das Klavier ganz
vernachläßigen müßen – theils erscheint es rathsam, etwaigen süddeutschen Widerwillen
gegen oder Argwohn vor musikalischen Octroyirungen nicht aufzuregen. Ach – die Musik!
Wann werde ich dazu kommen, Dein Trio und Dein Quintett zu geniessen! Jetzt greift
mich Alles an krankhaft an. Es hat mich sehr gefreut, daß Du meinen Schwiegervater in
Carlsruhe aufgesucht hast. Die Gründe Deiner Nichttheilnahme an den dortigen
Musikaufführungen ehre ich, so weit sie subjectiv – in der Sache muß ich Dir
vollständig Unrecht geben, so speiübel mir auch stets bei dem Namen Brendel wird.
Keinerlei Glaubensbekenntniß wird zum Eintritt in den Musikverein gefordert; gegen
seine Statuten kann der größte Zopf nichts Stichhaltiges einwendet.◊1 Jedermann, wer
will, kann eintreten, von Parteiinteressen und Sonderzwecken kann um so weniger die
Rede sein, je zahlreicher und multicolorer die Betheiligung wird. Kiel, Volkmann u.
A. gehören nicht der Weimarischen Schule an. Wenn Brahms und Joachim beisteuern –
werden sie ebenfalls bei den Versammlungsconzerten berücksichtigt. Wo steckt also die
„imperialisitische“ Tendenz – ausser etwa in meinem Inneren? Und betrachtest Du mich
rein als Parteimusiker? Doch genug hiervon. Meine Hand wird nächstens stocken. Der
Hauptbeweggrund war, Dir Nachricht von mir zu geben, mir deren von Dir zu erbitten.
Gerne wüsste ich Sicheres über Deine Gesundheit und Deine productive Laune. Deine
Frau Gemahlin, der ich uns bestens zu empfehlen bitte, gibt Dir hoffentlich keinen
Grund zu Besorgnißen. Meine Frau und Kinder haben sich am Starnberger See recht wohl
befunden. äDie erstere holt dieser Tage ihren Vater in Eisenach ab, geht mit ihm auf
acht Tage nach Paris und dann nach München vorbereitende Einrichtungsschritte zu
thun. Möglich daß ich Mitte October auch eine provisorische Excursion dahin machen
muß, also meine Frau abholen werde. Einstweilen herzlichen Gruss Dein treuergebener
Hans vBülow.å ◊2 — P.S. Habe Dir noch nicht zu den Orden gratulirt! Brauche wohl
nicht zu sagen, daß ich mich mehr darüber gefreut, als über meine Virtuosenbändchen.
ä– Bei Peters ist jetzt meine Scarlatti-Anthologie (3 Hefte) erschienen – ich hoffe
und glaube, Du werdest mit der Einrichtung zufrieden sein. Ich gebe Auftrag, sie Dir
zu senden. – Da fällt mir noch ein, daß unter den mir von Liszt zurückgelaßenen
M[anu]scripten ein für Schott recht brauchbares Stück ist. Berceuse über ein Motif
„de la reine de Saba“. Leicht, dankbar, kurz. Vielleicht kannst Du bei ihm einmal
eine vorläufige Anfrage machen. Ich disponire darüber.å [copyright Simon
Kannenberg]