Absender: Hans von Bülow (C00114)
Erstellungsort: Wiesbaden*
Empfänger: Joachim Raff (C00695)
Datierung: 7. Februar 1864 (Quelle)
Standort: Bayerische Staatsbibliothek (München)
Signatur: Raffiana I, Bülow, Hans von Nr. 55
Material: Papier
Incipit: Verehrter freund,
bei meiner Rückkehr von Hamburg diesen Morgen finde ich Deine Briefe vor
Veröffentlichung: Kannenberg 2020.


* Daten nicht verifiziert

Habe bei Rückkehr aus Hamburg den Brief und die Geschenke des E.s erhalten. Reise nächste Woche von Dresden, wo er im Hoftheater spiele, nach Leipzig, gebe dort Soirée, müsse dann am nächsten Tag in Jena spielen und am Sonntag hier eine "Prometheus"-Chorprobe abhalten. Werde Langer nach dem Auftrag des E.s sondieren. Mit Bronsart sei es gekommen wie erwartet. Gratuliert sich zum Abbruch seiner Verbundungen mit diesem, Damrosch und Alexander Ritter. Möchte Blaßmann zu Gunsten Bronsarts entthronen, da dieser einem Reinecke sehr brauchbar gewesen sei. Bittet um Kunde, ob "Sängers Fluch" in Karlsruhe aufgeführt worden sei. Besitze durch Grossmut von Sch. "Sangesfrühling" und habe sich und andere bereits mehrfach damit erquickt. Die "Metamorphosen" haben in Hamburg recht gefallen. Böie, Gurlitt und Marxsen haben sich mündlich enthusiastisch darüber ausgesprochen. Sei von der philharmonischen Gesellschaft nach Petersburg eingeladen worden.

Verehrter freund, bei meiner Rückkehr von Hamburg diesen Morgen finde ich Deine Briefe vor und das schöne Geschenk oder vielmehr die schönen Geschenke die meinen herzlichsten Dank provoziren. Donnerstag nächster Woche reise ich von Dresden (wo ich Mittwoch im Hoftheater spiele) nach Leipzig, gebe Freitag den 12 daselbst meine dritte Soirée muß Tags drauf in Jena spielen und Sonntag hier eine Prometheus-Chorprobe abhalten. So wäre ich unter allen Umständen leider Gottes um ein Zusammentreffen mit Dir in Leipzig gekommen. Langer werde ich Deinem Auftrage gemäß sondiren und Dir über das „Resultat“ (in Leipzig eigentlich ein unbekannter Begriff) sofortige Auskunft geben. Nein, dieses Leipziger Gesindel! Du hast keine Ahnung welcher Ekel mich übermannt, wenn ich mit dem Volke in irgend eine Beziehung treten muß. Es gibt noch was Schlimmeres als boshafte Canaille. Bronsart! – stand leider so zu erwarten, wie’s gekommen. Ich habe die Charaktere meiner Mitschüler u. s. w. studirt, bin zur Erkenntniß gekommen, daß sie unorganisirbar, unbelehrbar u. s. w. und \daß/ man sie, wenn man Besseres zu thun, als sich für sie zu „interessiren“, am besten laufen läßt. Ich gratulire mir tagtäglich zum Abbruch meiner Verbindungen mit Bronsart, Damrosch und um weiter hinabzusteigen, Alex. Ritter e tutti quanti. Dabei haben sich die Leute stets undankbar gegen mich benommen, niemals meine Uneigennützigkeit einsehen wollen. Dennoch werde ich den Versuch machen, Blaßmann in Leipzig zu Gunsten Bronsarts zu entthronen. Bl. ist was man auf sächsisch einen Lappsack nennt – Br. war einem Reinecke gegenüber sehr brauchbar. Die Leute hatten Achtung vor seiner Person und seinem Künstlerthum, was bei Bl. nicht der Fall. Genug hiervon. Darf ich Dich mit einer egoistischen Bagatelle behelligen? Man hat „Sängers Fluch“ in Carlsruhe aufgeführt, wenigstens war das Stück angekündigt. Ich möchte gern eine Kunde darüber haben, ob es gehörig oder nur mäßig durchgefallen. Sangesfrühling besitze ich durch Sch.’s Grossmuth und habe mich und Andere schon mehrfach damit erquickt. Die Metamorphosen haben gestern in Hamburg recht gefallen. Einige Musiker Boïe, Gurlitt, Marxsen sprachen sich mündlich mit mir sehr enthusiastisch darüber aus. Daß ich nach Petersburg von der philharm. Gesellschaft eingeladen, zu spielen und zu dirigiren, daß ich am 10 März dorthin abreise und erst Mitte April zurückkehre, habe ich Dir wohl schon geschrieben. Vorher – d. h. vor dieser Excursion werde ich Dich noch einmal brieflich behelligen. Einstweilen wiederhole ich Dir meinen besten Dank. Ich weiss, daß es ein freundschaftliches Opfer ist, wenn Du schreibst. Viele Empfehlungen von Haus zu Haus. In Eile Dein ganz ergebener Berlin, 7 Febr. 1864. HvBülow. [copyright Simon Kannenberg]



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Bereitgestellt durch: Bayerische Staatsbibliothek München (BSB)
Lizenz: CC BY-NC-SA 4.0



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Zitiervorschlag: Bülow, Hans von: Brief an Joachim Raff (7. 2. 1864); https://portal.raff-archiv.ch, abgerufen am 16. 5 2026.