Verehrter freund, eben ist Nachricht aus Florenz eingetroffen; ich sende Dir den
Brief von Mad. Laussot (gelegentlich sei so gut, ihn mir zu retourniren) im Original,
da ich zu einer Paraphrase keine Zeit habe; anbei folgt auch der gedruckte Prospect
des Preisausschreibens; daneben empfängst Du per Kreuzband das Quartett von
Bottesini, das mir Mad. Laussot geschickt hat zur Information über das Format der
Ausgabe, das ich sehr hübsch finde. Ich bin abgetriebener als je – habe in diesen
nächsten 4 Wochen 4 Claviersoireen zu geben (2 in Hamburg, in Leipzig und hier je
eine) dann das Aschermittwochsconzert im Dresdner Hoftheater mit der Kapelle, bei
welcher Gelegenheit ich auch in Chemnitz spiele – schliesslich hier das vierte
Gesellschaftsconzert einzustudiren und aufzuführen (Liszts Prometheus-Musik – eine
neue Ouverture von Emil Naumann, (damit einmal ein „Berliner“ drankömmt) und 8.
Sinfonie von Beethoven. [)] Vom 3ten Conzert hatte ich große Freude. Das Orchester
hat viel von mir gelernt und die Ausführung der Eroica war überraschend fein und
schwungvoll. Sogar die feindlichen Recensenten müßen es anerkennen. Popper aus
Löwenberg hat mit Volkmanns Violoncellconzert ausserordentlich gefallen, 21 Jahr alt
– sehr bedeutendes Talent, famoser Ton, große Technik, verspricht viel. Nimm mir
nicht übel, daß ich Dich wegen John geplagt. Es ist aber ein selten anständiger,
strebsamer Mensch. Mit Köstingpropaganda war ich bisher nicht glücklich. Doch
hoffentlich wird Rötscher (deßen Sohn ein talentvoller Schüler von mir) dieser Tage
in der Spenerschen Zeitung über die „zwei Könige“ referiren und Carl Heigel (Dichter
der Marfa) hat mir einen Artikel über „Columbus“ für die Fackel versprochen, die
vorläufig ein Embryo ist, aus dem aber ein ausgetragenes Früchtchen mit der Zeit
werden kann. Daß Deine Sinfonie erst in der Saison 64/65 bei uns zur Aufführung kommt
ist einzig meine Schuld. Lediglich der ungewohnten Länge wegen mußte ich ihre
Aufführung, die mir am Herzen liegt und die durch ein gutgeschultes Orchester zu
einer glänzenden machen möchte, vertagen. Wegen Bronsart habe ich rechtzeitig nach
Löwenberg an Seifriz geschrieben. Vermuthlich hat Bronsart keine Lust. Jedenfalls
danke ich Dir, daß Du wahrscheinlich meinetwegen an ihn gedacht hast und seine
Anstellung befürworten wolltest. Bin eingeladen, zwei philharmon. Conzerte in
Petersburg zu dirigiren und drin zu spielen. Ich reise den 10 März ab und komme etwa
Mitte April wieder. Diese willkommne Überraschung ist nun Grund mich mit meinen
restirenden Conzertvorhaben im dreissigmeiligen Umkreise von Berlin sehr zu sputen.
[............] Habe neulich eine Verdifantasie (Ballo in maschera) für
Hofconzertbedarf schreiben müßen, ist eigentlich unwerth, Dir zu Augen zu kommen,
soll aber dennoch die Frechheit haben. äHerzliche Grüße von Haus zu Haus. Deine
verehrte Frau ist doch hoffentlich weniger leidend als früher? Du bist jedenfalls
wohl, weil thätig. Ich war ein acht Tage sehr „sul cane“. Jetzt geht’s wieder. In
Eile mit freundschaftl. Gruß Dein treuergebener Berlin, 30 Jan. 64. Hans vBülow.å
Brendel et Co denke ich nächstens ganz fallen zu laßen. äDie Kerle sind von einer
Gemeinheit, Plattheit und Krähwinkelei, daß sie beinahe den Gewandhäuslern den Rang
ablaufen. Beinahe!å Wegen der „Fackel“ bekomme ich grobe Briefe – das ist ihnen
Geschäftsstörung! Hier wirkt das Blättchen übrigens mehr, als ich gehofft. Es war mir
ein solches Organ unerläßlich. Genug! Adieu. [copyright Simon Kannenberg]