Absender: Hans von Bülow (C00114)
Erstellungsort: Berlin
Empfänger: Joachim Raff (C00695)
Datierung: Januar 1864 (Quelle)
Standort: Bayerische Staatsbibliothek (München)
Signatur: Raffiana I, Bülow, Hans von Nr. 54
Umfang: 3 Seiten
Material: Papier
Incipit: Verehrter freund,
eben ist Nachricht aus Florenz eingetroffen; ich sende Dir den Brief von Mad. Laussot
Veröffentlichung: Bülow 1895 III, S. 572ff.; Marty 2014, S. 242f.; Kannenberg 2020.

Ein Brief von Frau Laussot aus Florenz sei eingetroffen. Sendet Prospekt des Preisausschreibens und das Quartett von Bottesini. Spiele Konzerte in Hamburg, Leipzig und Berlin; Dresden und Chemnitz seien weitere Stationen (Liszts "Prometheus", neue Ouvertüre von Emil Naumann und die 8. Symphonie von Beethoven). Lobt die eigene Aufführung vom 24. Januar ("Eroica"). Popper aus Löwenberg habe mit Volkmanns Celloconcert sehr gefallen. Entschuldigt, den E. mit John geplagt zu haben. Sei mit Kösting-Propaganda bisher nicht glücklich gewesen. Hofft, dass Rötscher (der Vater eines Schülers) in der Spenerschen Zeitung über die "Zwei Könige" referieren werde. Karl Heigel habe einen Artikel in der "Fackel" über "Columbus" versprochen. Nimmt Schuld auf sich, dass die Symphonie op. 96 erst in der Saison 64/65 zur Aufführung gelange. Bronsart habe vermutlich keine Lust auf eine Anstellung in Mainz. Habe deswegen rechtzeitig an Seifriz nach Löwenberg geschrieben. Erwähnt Einladung nach St. Petersburg (10. März bis Mitte April). Habe eine Verdifantasie ("Ballo in maschera") schreiben müssen ("unwerth Dir zu Augen zu kommen"). Hofft, dass die Frau des E.s weniger leidend sei. Will Brendel und Co. ganz fallen lassen. Erhalte wegen der "Fackel" grobe Briefe (Geschäftsstörung).

Verehrter freund, eben ist Nachricht aus Florenz eingetroffen; ich sende Dir den Brief von Mad. Laussot (gelegentlich sei so gut, ihn mir zu retourniren) im Original, da ich zu einer Paraphrase keine Zeit habe; anbei folgt auch der gedruckte Prospect des Preisausschreibens; daneben empfängst Du per Kreuzband das Quartett von Bottesini, das mir Mad. Laussot geschickt hat zur Information über das Format der Ausgabe, das ich sehr hübsch finde. Ich bin abgetriebener als je – habe in diesen nächsten 4 Wochen 4 Claviersoireen zu geben (2 in Hamburg, in Leipzig und hier je eine) dann das Aschermittwochsconzert im Dresdner Hoftheater mit der Kapelle, bei welcher Gelegenheit ich auch in Chemnitz spiele – schliesslich hier das vierte Gesellschaftsconzert einzustudiren und aufzuführen (Liszts Prometheus-Musik – eine neue Ouverture von Emil Naumann, (damit einmal ein „Berliner“ drankömmt) und 8. Sinfonie von Beethoven. [)] Vom 3ten Conzert hatte ich große Freude. Das Orchester hat viel von mir gelernt und die Ausführung der Eroica war überraschend fein und schwungvoll. Sogar die feindlichen Recensenten müßen es anerkennen. Popper aus Löwenberg hat mit Volkmanns Violoncellconzert ausserordentlich gefallen, 21 Jahr alt – sehr bedeutendes Talent, famoser Ton, große Technik, verspricht viel. Nimm mir nicht übel, daß ich Dich wegen John geplagt. Es ist aber ein selten anständiger, strebsamer Mensch. Mit Köstingpropaganda war ich bisher nicht glücklich. Doch hoffentlich wird Rötscher (deßen Sohn ein talentvoller Schüler von mir) dieser Tage in der Spenerschen Zeitung über die „zwei Könige“ referiren und Carl Heigel (Dichter der Marfa) hat mir einen Artikel über „Columbus“ für die Fackel versprochen, die vorläufig ein Embryo ist, aus dem aber ein ausgetragenes Früchtchen mit der Zeit werden kann. Daß Deine Sinfonie erst in der Saison 64/65 bei uns zur Aufführung kommt ist einzig meine Schuld. Lediglich der ungewohnten Länge wegen mußte ich ihre Aufführung, die mir am Herzen liegt und die durch ein gutgeschultes Orchester zu einer glänzenden machen möchte, vertagen. Wegen Bronsart habe ich rechtzeitig nach Löwenberg an Seifriz geschrieben. Vermuthlich hat Bronsart keine Lust. Jedenfalls danke ich Dir, daß Du wahrscheinlich meinetwegen an ihn gedacht hast und seine Anstellung befürworten wolltest. Bin eingeladen, zwei philharmon. Conzerte in Petersburg zu dirigiren und drin zu spielen. Ich reise den 10 März ab und komme etwa Mitte April wieder. Diese willkommne Überraschung ist nun Grund mich mit meinen restirenden Conzertvorhaben im dreissigmeiligen Umkreise von Berlin sehr zu sputen. [............] Habe neulich eine Verdifantasie (Ballo in maschera) für Hofconzertbedarf schreiben müßen, ist eigentlich unwerth, Dir zu Augen zu kommen, soll aber dennoch die Frechheit haben. äHerzliche Grüße von Haus zu Haus. Deine verehrte Frau ist doch hoffentlich weniger leidend als früher? Du bist jedenfalls wohl, weil thätig. Ich war ein acht Tage sehr „sul cane“. Jetzt geht’s wieder. In Eile mit freundschaftl. Gruß Dein treuergebener Berlin, 30 Jan. 64. Hans vBülow.å Brendel et Co denke ich nächstens ganz fallen zu laßen. äDie Kerle sind von einer Gemeinheit, Plattheit und Krähwinkelei, daß sie beinahe den Gewandhäuslern den Rang ablaufen. Beinahe!å Wegen der „Fackel“ bekomme ich grobe Briefe – das ist ihnen Geschäftsstörung! Hier wirkt das Blättchen übrigens mehr, als ich gehofft. Es war mir ein solches Organ unerläßlich. Genug! Adieu. [copyright Simon Kannenberg]



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Zitiervorschlag: Bülow, Hans von: Brief an Joachim Raff (30. 1. 1864); https://portal.raff-archiv.ch, abgerufen am 21. 4 2026.