äVerehrter freund, wenn meine Finger nur nicht gar so sehr ausser Übung wären, so
würde ich mich freuen, eine Gelegenheit zu haben, die alte Schuld gegen CM. Barth
endlich tilgen zu können. Meine Nichtwirkung bei der Schubert-Feier ist ja noch nicht
gesühnt! Sollte Herr Barth also keinen andren Sommerpianisten auftreiben können oder
ihm das grössere Schwierigkeit machen, so stelle ich mich ihm, d. h. eigentlich Dir,
als Vermittler seines Wunsches „gern“ zur Verfügung. Vielleicht begnügt er sich mit
einer Nummer, die er wohl die Güte haben wird, nicht zur Schlussnummer des Conzerts
zu machen. Die mit einer solchen verbundenen Ehre affizirt meine katarrhalischen
Anlagen zu übermässig. Was meinst Du nun – soll ich den Faustwalzer repetiren oder
Venezia e Napoli (Canzone e Tarantella – mit Übergehung des Mittelsatzes) von Liszt
spielen? Nun – die nähere Bestimmung hat wohl noch Zeit. Einstweilen – um allem
Schwanken ein Ende zu machen – ich stehe zu Diensten. Und nun bitte ich Dich sehr,
mach Dir keine Gewissensbisse. Ich kann mich so gut in Deine Stimmung denken, als Du
mich wider Deinen Willen mit Barth’s Auftrag bekannt machtest: warum genirst Du Dich
eigentlich mit mir in dieser Weise? Wenn Du wüsstest, wie gründlich gleichgültig es
mir selbst wäre, mit Pallat ein Duo vorzutragen! Meine Frau sagt Euch noch ihren
besten Dank für die reizende Spatzierfahrt von neulich, die ihr ein wahres Vergnügen
gemacht hat.å æWagner’s Daumen scheint seine Heilung noch auf längere Zeit hin
vertagen zu sollen. Der Mainzer Arzt, den Weissheimer herbeigeschleppt, hat Blutegel
verordnet und graue Salbe. Nun wird eine Entzündung abzuwarten sein, die vielleicht
erst in acht Tagen eintritt. ’S ist eine abscheuliche Geschichte; W. ist zu völliger
Unthätigkeit verdammt und das ist für ihn wie für seine anwesenden Freunde ziemlich
bedenklich.ç äHoffend, daß es Dir und Deiner verehrten Frau wohl geht, mit besten
Grüssen von uns Beiden Dein ganz ergebener Biebrich, 7 Aug 1862. HvBülow.å