Absender: Hans von Bülow (C00114)
Erstellungsort: Biebrich
Empfänger: Joachim Raff (C00695)
Datierung: 7. August 1862 (Quelle)
Standort: Bayerische Staatsbibliothek (München)
Signatur: Raffiana I, Bülow, Hans von Nr. 42
Umfang: 2 Seiten
Material: Papier
Incipit: Verehrter freund,
wenn meine Finger nur nicht gar so sehr ausser Übung wären,
Veröffentlichung: Kannenberg 2020.

Würde sich freuen, die alte Schuld (Nichtmitwirkung bei der Schubert-Feier) gegen Barth zu tilen, wenn seine Finger nicht so sehr ausser Übung wären. Fragt, ob er den Faustwalzer repetieren soll oder "Venezia e Napoli" von Liszt spielen soll. Es sei ihm gleichgültig, ein Duo mit Pallat vorzutragen. Seine Frau bedanke sich für die reizende Spatzierfahrt. Wagners Daumen vertage seine Heilung. Der von Weissheimer herbeigeschleppte Mainzer Arzt habe Blutegel und graue Salbe verordnet.

äVerehrter freund, wenn meine Finger nur nicht gar so sehr ausser Übung wären, so würde ich mich freuen, eine Gelegenheit zu haben, die alte Schuld gegen CM. Barth endlich tilgen zu können. Meine Nichtwirkung bei der Schubert-Feier ist ja noch nicht gesühnt! Sollte Herr Barth also keinen andren Sommerpianisten auftreiben können oder ihm das grössere Schwierigkeit machen, so stelle ich mich ihm, d. h. eigentlich Dir, als Vermittler seines Wunsches „gern“ zur Verfügung. Vielleicht begnügt er sich mit einer Nummer, die er wohl die Güte haben wird, nicht zur Schlussnummer des Conzerts zu machen. Die mit einer solchen verbundenen Ehre affizirt meine katarrhalischen Anlagen zu übermässig. Was meinst Du nun – soll ich den Faustwalzer repetiren oder Venezia e Napoli (Canzone e Tarantella – mit Übergehung des Mittelsatzes) von Liszt spielen? Nun – die nähere Bestimmung hat wohl noch Zeit. Einstweilen – um allem Schwanken ein Ende zu machen – ich stehe zu Diensten. Und nun bitte ich Dich sehr, mach Dir keine Gewissensbisse. Ich kann mich so gut in Deine Stimmung denken, als Du mich wider Deinen Willen mit Barth’s Auftrag bekannt machtest: warum genirst Du Dich eigentlich mit mir in dieser Weise? Wenn Du wüsstest, wie gründlich gleichgültig es mir selbst wäre, mit Pallat ein Duo vorzutragen! Meine Frau sagt Euch noch ihren besten Dank für die reizende Spatzierfahrt von neulich, die ihr ein wahres Vergnügen gemacht hat.å æWagner’s Daumen scheint seine Heilung noch auf längere Zeit hin vertagen zu sollen. Der Mainzer Arzt, den Weissheimer herbeigeschleppt, hat Blutegel verordnet und graue Salbe. Nun wird eine Entzündung abzuwarten sein, die vielleicht erst in acht Tagen eintritt. ’S ist eine abscheuliche Geschichte; W. ist zu völliger Unthätigkeit verdammt und das ist für ihn wie für seine anwesenden Freunde ziemlich bedenklich.ç äHoffend, daß es Dir und Deiner verehrten Frau wohl geht, mit besten Grüssen von uns Beiden Dein ganz ergebener Biebrich, 7 Aug 1862. HvBülow.å



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Zitiervorschlag: Bülow, Hans von: Brief an Joachim Raff (7. 8. 1862); https://portal.raff-archiv.ch, abgerufen am 22. 4 2026.