Verehrter freund, schönsten Dank für Deine rasche Rückschrift, die übrigens durch ihr
eben erfolgtes Eintreffen von einer gründlichen Reform des Wiesbadner Postwesens
Zeugniß gibt. Ich nehme nun an, daß ich erst morgen Mittwoch Abend abzureisen
brauche, somit meine Finger noch etwas exerziren laßen kann. Du sagst „nichts
Klassisches“ – also laße ich die Beethovensche Sonate; über Henselts Conzert
schweigst Du – ich schliesse daraus, daß Du von einem Vortrag mit Orchesterbegleitung
abräthst. „Noch so etwas“ wie Ave Maria und Faustwalzer – meinst Du. Das ist schwer;
mein Genre, meine Berliner Effektstücke sind gerade die sogenannte „undankbare“
Musik. Hilf mir nun weiter, liebster Raff. Was meinst Du zu folgendem Panaché für den
ersten Vortrag? a. Barcarole von A. Rubinstein (neu) b. Romanze u. Fughette aus dem
Frühlingsboten von Raff c. entweder: Mazeppa, Conzertétüde von Liszt oder:
Ràkoczymarsch von Liszt. Ich glaube, dem Publikum jener Conzerte sind kürzere Piècen
angenehmer. Auf Opernfantasien bin ich gegenwärtig nicht eingeritten. Zudem würde
sich auch der Name „Liszt“ zu breit machen, was dann unnöthiger Weise bekrittelt
werden könnte. Henselt’s Conzert nicht zu spielen, thut mir eigentlich leid. Ich habe
daran seiner Zeit fleissig gearbeitet und damit in Cassel, Braunschweig, Leipzig,
Rotter- u. Amsterdam gleichmäßig gute Wirkung erzielt. Deine beiden Stücke zu
spielen, würde mir besonders angenehm sein. Unter der Romanze könnte ich ebensowohl
No 5 (E dur) als No 12 verstanden sein laßen. Hältst Du „Menuett u. Toccata“ aus der
Emoll Suite für praktischer, so ist mir das auch recht. Die Cmoll Polka aus der Cdur
Suite halte ich auch für geeignet. Rubinsteins Barcarole ist fasslich und spannend;
Du kannst das Stück noch nicht kennen, da ich es aus dem Manuscript gespielt. Anstatt
Mazeppa oder Ràkoczy könnte ich auch die Amoll Variationen (nach Pagagnini) loslaßen,
oder ein Fragment aus den Patineurs, doch würde ich eher für eines der obengenannten
Stücke sein. Willst Du mir die Qual der Wahl abnehmen, so wird Dir meine
Unentschlossenheit in jedem Falle dankbar sein. äNur Eins noch: wird mir Herr Pallat
wiederum gefällig sein, indem er mir sein Piano zum Üben herleiht oder der Vater
Deines talentvollen Schülers Hirsch?å Ich bin sehr schwach an Kräften und fürchte
jetzt die Anstrengung der unbedeutenden Reise. äNochmals herzlichsten Dank und Bitte
um weitere Verpflichtung durch Bevormundung betreffs Programm. Dein treuergebener
Berlin, 24 Juni 1862. Hans vBülowå Ich komme nochmals auf Henselt zurück. Wenn das
ganze Conzert für zu lang gehalten wird, so genügte es ja „Adagio und Rondo“ daraus
zu spielen. Ich würde mich behaglicher dabei fühlen als bei lauter Solostücken. Die
Probe für dieses Fragment von nicht viel mehr als einer Viertelstunde würde weder
viel Mühe noch Zeit kosten. Doch wie gesagt – ich setze dabei vielleicht irrig
voraus, daß das Orchester zur Verfügung für mich steht und der übrige Inhalt des
Programms ist mir ja unbekannt. Jedenfalls bringe ich die Stimmen vom Henseltschen
Conzert mit. [copyright Simon Kannenberg]