Absender: Hans von Bülow (C00114)
Erstellungsort: Berlin
Empfänger: Joachim Raff (C00695)
Datierung: 16. April 1862 (Quelle)
Standort: Bayerische Staatsbibliothek (München)
Signatur: Raffiana I, Bülow, Hans von Nr. 37
Umfang: 4 Seiten
Material: Papier
Incipit: Verehrter freund,
so eben empfing ich Deinen Brief. Nun weiss ich zwar nicht,
Veröffentlichung: Bülow 1895 III, S. 472ff.; Marty 2014, S. 222ff.; Kannenberg 2020.

Sei dem E. noch Dank für die Übersendung der Partitur der "Frühlingsode" schuldig. Möchte im Sommer mit Frau, aber ohne Kind an den Rhein, in die Nähe von Wiesbaden und Biebrich, z. B. nach Walluf. Greift das Thema "Brendel" auf. Die "Neue Zeitschrift für Musik" sei kein Blatt der Liszt-Wagnerschen "Partei". Die "nichtsnutzigsten unserer (meiner) Gegner" würden darin gehätschelt, alle "Schumannianer" von einem Dessauer Regierungsrat ("Neue Zeitschrift für Musik") in den Himmel erhoben. Es zeichne sich dadurch aus, dass es nicht schimpfe, nicht gemein sei wie die Wiener Blätter, dass Redakteur und Mitarbeiter nicht feil seien wie Bischoff. Möglicherweise habe Brendel eine "wohlmeinend" abrathende Opposition gegen den Vortrag vom Quartett d-Moll durch die Müller habe zu Schulden kommen lassen. Brendel habe auch das Henselt'sche Klavierkonzert als gefährlich bezeichnet, weil die Schumann vor acht Jahren damit Fiasko gemacht habe. Habe ein von Bronsart initiiertes Protestschreiben unterzeichnet. Dieses soll an die Öffentlichkeit gelangen, wenn keine Wirkung vom vertraulichen Umgang damit erzielt werde. Dabei sei aber die Kritik des Quartetts im Brendelschen Blatt brillant und viel besser als die Rezensionen von Raffs Freund Senff. Erinnert an die Kritik in den "Signalen", als er mit Damrosch im Vorjahr op. 73 gespielt habe. Erinnert den E. daran, dass er für die Popularität des E.s und Rubinsteins in Berlin verantwortlich sei. Beide haben sich jedoch "mehr als nöthig ostentiös dagegen verwahrt", der Weimarischen Partei zugeordnet zu werden. Könne mit Hiller oder Joachim nicht "fraternisiren". Freut sich über die Nachrichten von der Schwägerin des E.s. Habe auf ein gemeinsames Konzert in Hannover gerechnet. Damroschs Anstellung in Breslau sei sehr angenehm. Wünsche an die Gemahlin. Berichet vom Fiasko von Botts Oper.

Verehrter freund, äso eben empfing ich Deinen Brief. Nun weiss ich zwar nicht, ob Du meine Antwort vor Deiner Rückkehr aus dem Süden erhalten wirst – schreibe aber dennoch, weil ich es mir schon längst vorgenommen und nur durch die fast ununterbrochene Locomotion der letzten Wochen daran verhindert worden bin. Somit trifft auch die Post kein Vorwurf – es ist kein Brief von mir verloren gegangen und ich bin Dir meinen Dank für die freundliche Übersendung der Partitur der Frühlingsode noch schuldig. Was meine Sommerpläne anlangt, so habe ich die bestimmte Absicht Ende Juni oder Anfang Juli auf etwa sechs Wochen mich mit Frau ohne Kind an den Rhein zu begeben in der Nähe Wiesbadens und Bieberichs, aber nicht eben an einem dieser beiden Orte Wohnung zu nehmen, sondern etwa in Walluf – beispielsweise. Später werde ich mir erlauben Deinen freundlichen Rath und Beistand zu erbitten für Auswahl eines paßenden Obdachs. Ich will vor Allem ruhig arbeiten, d. h. Dinge zu Ende bringen, die ich in dem gegenwärtigen Quartal zu skizziren hoffe.å Wirst Du mir nicht böse werden, wenn ich das von Dir zum zweiten Male angeschlagene Thema „Brendel“ nicht überhöre und Dir kurz meinen Standpunkt angebe? Es scheint mir nicht müssig zu sein. Eine flüchtige Umschau in den letzten Jahrgängen der Neuen Zeitschrift für Musik muß Jedermann belehren, daß dieses Blatt nicht als Organ der Liszt-Wagnerschen „Partei“ betrachtet werden kann. Die nichtsnutzigsten unserer (meiner) Gegner werden darin gehätschelt, alle Schumannianer von einem Dessauer Regierungsrath („DAS“ ) in den Himmel erhoben u. s. w. Dagegen alle Bestrebungen und Versuche Jüngerer (als „Zukunftsmusiker“ verpönter Sündenböcke) mit ängstlicher Pedanterie zur Ordnung gerufen. Das Einzige, was das Blatt auszeichnet, ist daß es nicht schimpft, nicht gemein ist wie die Wiener Blätter, daß Redakteur und Mitarbeiter nicht feil sind wie Bischoff u. C. – Es wäre demnach endlich an der Zeit, daß die „conservativen“ Künstler, welche sich rühmen, die Zeitung nicht zu lesen, aufhörten auf Parteimanoeuvres, auf Coteriewesen loszuziehen, das höchstens bei ihnen selber gefunden werden könnte. Was Brendel anlangt, so ist es möglich, daß er eine „wohlmeinend“ abrathende Opposition gegen den Vortrag Deines Dmollquartetts durch die Müller sich hat zu Schulden kommen laßen. Der Kerl ist so ähosen—rig å daß er mir neulich das Henseltsche Clavierconzert als gefährlich bezeichnete – weil die Schumann vor acht Jahren damit fiasco gemacht. Dergl. kommt leider oft bei ihm vor und ich war vor vierzehn Tagen in der Lage einen von Bronsart ausgehenden Protest gegen Brendeleien mitzusigniren, der im Falle seine vertrauliche Wirkung ausbleiben sollte, rücksichtslos an die Öffentlichkeit kommen wird. Dagegen ist die Kritik in der Brendelschen Zeitschrift über Dein Quartett so brillant, so enthusiastisch als es in der Ordnung, jedenfalls viel anständiger, als die Recensionen, welche Dein Freund Senff über Deine Werke zu bringen pflegt. äIch erinnere bei dieser Gelegenheit an die vorjährige Kritik Deines Op. 73 nach dem Vortrage durch Damrosch und mich in Signalen und Neuer Zeitschrift. Ich lege eine Copie des Brendelschen Referats bei. Wie gesagt, ich würde Dich mit diesen Dir gleichgültigen Bagatellen nicht ennüyiren, wenn Du nicht in zwei Briefen das betagte Thema angeschlagen hättest.å Was mich persönlich anlangt, so wirst Du wissen, daß ich den von Dir ausgesprochenen Grundsatz nicht blos theoretisch adoptirt habe, sondern seit Geraumen◊1 nicht ohne Erfolg praktizire. Die Popularität der zwei Namen Raff und Rubinstein – frage Deine Verleger, wie viel sie von Deinen Compositionen hier absetzen (und vergleichsweise in Cöln) – auf dem Berliner Terrain ist ein Verdienst von mir auf das ich stolz bin und zwar in dem Maasse, daß ich mir einen besonderen Dank dafür sehr energisch verbitten möchte. Auch auf die Angriffe, die ich dafür von Seiten grüner „Parteigenossen“ erlitten, bin ich ebenfalls stolz. Die beiden genannten Componisten haben sich mehr als nöthig ostentiös dagegen verwahrt, zur Weimarischen Partei gezählt zu werden. – Ich bin, da ich so gut wie gar nicht produzire, in den Stand gesetzt, Gerechtigkeit zu üben und in diesem Bewusstsein kenne ich nur eine Partei und das ist die, die ich persönlich vertrete, der ich Sympathie und Anerkennung zollt,◊2 gleichviel mit welchem Journale sie im Übrigen in Verbindung stehen.◊3 Diese Unbefangenheit hat aber freilich an einem gewissen Punkt ihre Gränze: ein Fraternisiren mit äHiller å oder äJoachim å würde ich als eine persönliche Entehrung von mir weisen. Fraternisiren ist falsch – ich verstehe darunter sogar das bei einer zufälligen Begegnung sich nicht von selbst verstehende Rückenwenden. Pardon ob dieser Digression. äEs freut mich ungemein, daß Deine Fräulein Schwägerin hergestellt ist und sich und allen intelligenten Musikfreunden die Freude macht, einen neuen Wirkungskreis zu beschreiten. Ihr letztes Unwohlsein war mir Egoisten ein harter Schlag – ich hatte auch auf ein gemeinsames Conzert in Hannover gerechnet, das schliesslich unterblieben ist. Damrosch’s gegenwärtige Stellung in Breslau ist eine sehr angenehme, weil rentable und musikalisch hervorragende. Für Deine Befürwortung seines Auftretens in Wiesbaden sage ich Dir meinen herzlichsten Dank. Mit dem Wunsche daß Deine Reise Dir und Deiner Frau Gemahlin reiche Erholung und Unterhaltung gewähren möge Dein ganz ergebener Berlin, 16 April 1862. HvBülow.å Könntest Du vielleicht dem Germanismus entsagen, die Adresse auf Briefen an mich so „beneidenswerth“ zu compliziren? ◊4Colossales Fiasco der Bottschen Oper! Einstimmige Verurtheilung ohne mildernde Umstände durch Presse. [copyright Simon Kannenberg]



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Zitiervorschlag: Bülow, Hans von: Brief an Joachim Raff (16. 4. 1862); https://portal.raff-archiv.ch, abgerufen am 10. 3 2026.