Verehrter freund, äso eben empfing ich Deinen Brief. Nun weiss ich zwar nicht, ob Du
meine Antwort vor Deiner Rückkehr aus dem Süden erhalten wirst – schreibe aber
dennoch, weil ich es mir schon längst vorgenommen und nur durch die fast
ununterbrochene Locomotion der letzten Wochen daran verhindert worden bin. Somit
trifft auch die Post kein Vorwurf – es ist kein Brief von mir verloren gegangen und
ich bin Dir meinen Dank für die freundliche Übersendung der Partitur der Frühlingsode
noch schuldig. Was meine Sommerpläne anlangt, so habe ich die bestimmte Absicht Ende
Juni oder Anfang Juli auf etwa sechs Wochen mich mit Frau ohne Kind an den Rhein zu
begeben in der Nähe Wiesbadens und Bieberichs, aber nicht eben an einem dieser beiden
Orte Wohnung zu nehmen, sondern etwa in Walluf – beispielsweise. Später werde ich mir
erlauben Deinen freundlichen Rath und Beistand zu erbitten für Auswahl eines paßenden
Obdachs. Ich will vor Allem ruhig arbeiten, d. h. Dinge zu Ende bringen, die ich in
dem gegenwärtigen Quartal zu skizziren hoffe.å Wirst Du mir nicht böse werden, wenn
ich das von Dir zum zweiten Male angeschlagene Thema „Brendel“ nicht überhöre und Dir
kurz meinen Standpunkt angebe? Es scheint mir nicht müssig zu sein. Eine flüchtige
Umschau in den letzten Jahrgängen der Neuen Zeitschrift für Musik muß Jedermann
belehren, daß dieses Blatt nicht als Organ der Liszt-Wagnerschen „Partei“ betrachtet
werden kann. Die nichtsnutzigsten unserer (meiner) Gegner werden darin gehätschelt,
alle Schumannianer von einem Dessauer Regierungsrath („DAS“ ) in den Himmel erhoben
u. s. w. Dagegen alle Bestrebungen und Versuche Jüngerer (als „Zukunftsmusiker“
verpönter Sündenböcke) mit ängstlicher Pedanterie zur Ordnung gerufen. Das Einzige,
was das Blatt auszeichnet, ist daß es nicht schimpft, nicht gemein ist wie die Wiener
Blätter, daß Redakteur und Mitarbeiter nicht feil sind wie Bischoff u. C. – Es wäre
demnach endlich an der Zeit, daß die „conservativen“ Künstler, welche sich rühmen,
die Zeitung nicht zu lesen, aufhörten auf Parteimanoeuvres, auf Coteriewesen
loszuziehen, das höchstens bei ihnen selber gefunden werden könnte. Was Brendel
anlangt, so ist es möglich, daß er eine „wohlmeinend“ abrathende Opposition gegen den
Vortrag Deines Dmollquartetts durch die Müller sich hat zu Schulden kommen laßen. Der
Kerl ist so ähosen—rig å daß er mir neulich das Henseltsche Clavierconzert als
gefährlich bezeichnete – weil die Schumann vor acht Jahren damit fiasco gemacht.
Dergl. kommt leider oft bei ihm vor und ich war vor vierzehn Tagen in der Lage einen
von Bronsart ausgehenden Protest gegen Brendeleien mitzusigniren, der im Falle seine
vertrauliche Wirkung ausbleiben sollte, rücksichtslos an die Öffentlichkeit kommen
wird. Dagegen ist die Kritik in der Brendelschen Zeitschrift über Dein Quartett so
brillant, so enthusiastisch als es in der Ordnung, jedenfalls viel anständiger, als
die Recensionen, welche Dein Freund Senff über Deine Werke zu bringen pflegt. äIch
erinnere bei dieser Gelegenheit an die vorjährige Kritik Deines Op. 73 nach dem
Vortrage durch Damrosch und mich in Signalen und Neuer Zeitschrift. Ich lege eine
Copie des Brendelschen Referats bei. Wie gesagt, ich würde Dich mit diesen Dir
gleichgültigen Bagatellen nicht ennüyiren, wenn Du nicht in zwei Briefen das betagte
Thema angeschlagen hättest.å Was mich persönlich anlangt, so wirst Du wissen, daß ich
den von Dir ausgesprochenen Grundsatz nicht blos theoretisch adoptirt habe, sondern
seit Geraumen◊1 nicht ohne Erfolg praktizire. Die Popularität der zwei Namen Raff und
Rubinstein – frage Deine Verleger, wie viel sie von Deinen Compositionen hier
absetzen (und vergleichsweise in Cöln) – auf dem Berliner Terrain ist ein Verdienst
von mir auf das ich stolz bin und zwar in dem Maasse, daß ich mir einen besonderen
Dank dafür sehr energisch verbitten möchte. Auch auf die Angriffe, die ich dafür von
Seiten grüner „Parteigenossen“ erlitten, bin ich ebenfalls stolz. Die beiden
genannten Componisten haben sich mehr als nöthig ostentiös dagegen verwahrt, zur
Weimarischen Partei gezählt zu werden. – Ich bin, da ich so gut wie gar nicht
produzire, in den Stand gesetzt, Gerechtigkeit zu üben und in diesem Bewusstsein
kenne ich nur eine Partei und das ist die, die ich persönlich vertrete, der ich
Sympathie und Anerkennung zollt,◊2 gleichviel mit welchem Journale sie im Übrigen in
Verbindung stehen.◊3 Diese Unbefangenheit hat aber freilich an einem gewissen Punkt
ihre Gränze: ein Fraternisiren mit äHiller å oder äJoachim å würde ich als eine
persönliche Entehrung von mir weisen. Fraternisiren ist falsch – ich verstehe
darunter sogar das bei einer zufälligen Begegnung sich nicht von selbst verstehende
Rückenwenden. Pardon ob dieser Digression. äEs freut mich ungemein, daß Deine
Fräulein Schwägerin hergestellt ist und sich und allen intelligenten Musikfreunden
die Freude macht, einen neuen Wirkungskreis zu beschreiten. Ihr letztes Unwohlsein
war mir Egoisten ein harter Schlag – ich hatte auch auf ein gemeinsames Conzert in
Hannover gerechnet, das schliesslich unterblieben ist. Damrosch’s gegenwärtige
Stellung in Breslau ist eine sehr angenehme, weil rentable und musikalisch
hervorragende. Für Deine Befürwortung seines Auftretens in Wiesbaden sage ich Dir
meinen herzlichsten Dank. Mit dem Wunsche daß Deine Reise Dir und Deiner Frau
Gemahlin reiche Erholung und Unterhaltung gewähren möge Dein ganz ergebener Berlin,
16 April 1862. HvBülow.å Könntest Du vielleicht dem Germanismus entsagen, die Adresse
auf Briefen an mich so „beneidenswerth“ zu compliziren? ◊4Colossales Fiasco der
Bottschen Oper! Einstimmige Verurtheilung ohne mildernde Umstände durch Presse.
[copyright Simon Kannenberg]