Verehrter freund, in grosser Flüchtigkeit einmal ein Lebenszeichen. Aus beiliegenden
Papieren wirst Du ersehen, daß Du in Berliner Conzerten Mode geworden bist. Der
Effekt Deiner beiden Stücke in meinem Conzerte (No 12 und 6) war ein famoser.
Einstimmig loben sie die drei Hauptrezensenten in den heutigen Zeitungen (Spener,
Voss und ministerielle Sternzeitung ). Op. 41 hat heute Abend – ich komme eben aus
dem Conzert – einen erträglichen Vortrag gefunden und ist ebenfalls sehr stark
applaudirt worden. Eine Deiner beiden Sonaten bringen die Herren Lange u. Oertling
jedenfalls in einer der folgenden Soiréen zur Aufführung. Was mich anlangt, so werde
ich dies Jahr nur kleinere Piècen von Dir spielen – nicht ohne Absicht – und zwar in
der zweiten Soirée nur den Walzer aus den Tanzcapricen, in der letzten die Mazurka.
Die Sachen müßen in die Hände der Klavierlehrer und Dilettanten und Dein Name vor
Allem geläufig werden durch möglichst häufiges Genanntwerden. Du weisst daß ich das
Weimarische Musikfest schwer gebüsst mit achtwöchentlichem gräulichen Rheumatismus.
Jetzt habe ich nach langer Pause doppelt Klavierpflügen müssen. Der Erfolg des ersten
Conzerts war aber auch der Mühe werth. Nun kann ich wieder thun, was ich will und
zwar mit weit mehr Chance als früher. äNach Neujahr kommen drei Orchesterconzerte, im
ersten neunte Sinfonie, im letzten Faustsinfonie. Mitte Januar reise ich übrigens auf
ein vierzehn Tage nach Holland – auf Einladung versteht sich. — Prächtig wärs von
Dir, wenn Du zum 6 Dezember nach Frankfurt herüberkämst. Da spiele ich im
Museumsconzert, wozu ich einen Berliner Flügel mitbringe, der Dich jedenfalls
interessiren wird. Am 10. spiele ich dann in Leipzig – in der Euterpe. — Mad.
Marchand lässt bestens grüssen. Sie war vorgestern Abend mit der Artôt in meinem
Conzert und freute sich speziell über die Frühlingsboten. Meine ergebensten
Empfehlungen Deiner Frau Gemahlin und Fräulein Schwägerin, die sich hoffentlich
beide, wie auch Du besten Wohlseins erfreuen. Liszt wirst Du wohl und guter Dinge
gesehen haben. Ich bin sehr erfreut über Euer Zusammenkommen. Beste Grüsse von meiner
Frau. å Hier sonst nichts Neues – bald wirds viel Demokratie geben, überhaupt amüsant
werden. Ich bin noch immer sehr verschnupft und habe wenig Zeit mich zu erholen: aber
Heilgymnastik treibe ich privatim alle Tage. Lebe wohl für heute äDein Berlin, 12
Nov. 61. treuergebener Bülow.å [copyright Simon Kannenberg]