Absender: Hans von Bülow (C00114)
Erstellungsort: Paris
Empfänger: Joachim Raff (C00695)
Datierung: Februar 1861 (Quelle)
Standort: Bayerische Staatsbibliothek (München)
Signatur: Raffiana I, Bülow, Hans von Nr. 32
Umfang: 3 Seiten
Material: Papier
Incipit: Verehrter freund,
nur Dich bedaure ich, daß Du so viel mündliche und schriftliche Einbrüche in Dein Zeit eigenthum zu erdulden hast
Veröffentlichung: Bülow 1895 III, S. 385ff.; Kannenberg 2020.

Werde vermutlich nicht in Mainz spielen können. Verzögerung des "Tannhäuser" sei schuld. Ein Konzert in Karlsruhe sei jedoch nicht rückgängig zu machen. Nachher wieder zurück nach Berlin. Liszt, der gestern ankommen wollte, habe seine Reise verschoben. Dietsch sei schuld an der Verzögerung des "Tannhäuser". Dieser werde von Poniatowski protegiert, der aus verschiedenen Gründen sehr "piquirt" auf Wagner sei. Hatte Freude an den Worten von E.s Schwägerin. Habe nun Armingaud getroffen, dieser habe aber die Noten [op. 77] und den Brief des A.s, die Schuberth hätte schicken sollen, nicht erhalten. Rät dem E., seinem "dummen Verleger" einen Rüffel zu erteilen. Pruckner soll das Mainzer Konzert spielen. Grüsse an Gemahlin.

Verehrter freund, nur Dich bedaure ich, daß Du so viel mündliche und schriftliche Einbrüche in Dein Zeit eigenthum zu erdulden hast. Vermuthlich werde ich nicht in Mainz spielen können, und, um weitere Umstände zu vermeiden, ist es am besten, dieses „vermuthlich“ zu einem „leider“ zu stempeln. Die unberechenbare Verzögerung der ersten Vorstellung des Tannhäuser ist ein höchst fatales „steeple“ für alle meine Pläne. Ende der Woche wollte und sollte ich mich auf den Weg machen: nun kommt es mir aber lächerlich vor, wenn der Tannhäuser am 4 oder 6 März endlich gegeben werden sollte, ein paar Tage vorher auszureissen und die ganze wenig erholungsvolle Reise zu einem abgeschmackten Zeitverluste ohne allen Zweck zu machen. Gênant ist die Sache für mich aber im allerhöchsten Grade. Ein Engagement zu Hof- und Stadtconzert in Carlsruhe auf der Durchreise ist nicht mehr rückgängig zu machen. Eiligst muß ich dann aber sofort nach Berlin zurückfahren. Schon fürchte ich verschiedenes für mich ziemlich Wichtiges dort versäumt zu haben. Das stimmt mich sehr moros. Liszt, der gestern ankommen wollte, hat ebenfalls seine Reise wieder verschoben. Alles geht der Quere und wider Wunsch, wider Voraussicht. An der Tannhäusererscheinung ist Niemand schuld als das erbärmliche Geschöpf: Dietsch der eselhafteste dickfelligste, unmusikalischeste aller Kapellmeister, die ich je in Deutschland gerochen. Unter keiner Bedingung will man dem Autor die persönliche Direction der ersten Vorstellungen oder nur einer Generalprobe zugestehen. „Usus tyrannus“ sträubt sich dagegen. Dietsch hat Angst daß bei seiner notorischen Unfähigkeit diese aussergewöhnliche Maßregel ihm den Hals die Stellung kosten könnte. Nicht ohne. Aber schlimm daß dieser „Schöps d’orchestre“ wie ihn W. nennt, Sänger, Chöre, Orchester, die alle ihre Sache vortrefflich und bombenfest können, nur aus dem Geleise bringt durch seinen Gedächtnissmangel, sein blödsinniges, unsicheres Herumfuchteln. Böse Geschichte, die den Success des Werkes leicht compromittiren kann. Dietsch wird natürlich protegirt durch Poniatowski, der aus verschiedenen Motiven sehr piquirt auf RW. ist. Genug. Mehr mündlich, wenn Dich dergl. interessirt. — Aus den Wolken gefallen bin ich über die freundlichen Zeilen Deiner Fräulein Schwägerin. Wie heisst: Dank? Nach dem gewöhnlichen Weltlaufe hätte ich wohl ihr schönes Talent, ihre sympathische Persönlichkeit bei meinen Basler Freunden verkleinern und verläumden müssen? Nun, sage ihr meinen etwas gegründeteren Dank für ihre freundliche Gesinnung gegen mich und meine aufrichtigste Freude über ihren verdienten Erfolg. — Heda! Welch unzuverlässiges „Lied ohne Worte“ dieser Julius! Gestern (Mittwoch früh) habe ich endlich Armingaud getroffen: er hat keine Note deines Quartetts, keinen Buchstaben meines in den ersten Tagen des Dezember an ihn durch Sch. expedirten Briefes erhalten! Ich brauche Dich wohl nicht besonders zu bitten, Deinem dummen Verleger den entsprechenden Rüffel zu ertheilen. Es ist gar zu blödsinnig, ein unzuverlässiger Geschäftsmann oder ein „Teufel der verzweifelt“. — äAlso unsrer beiderseitigen Ruhe wegen sei der Mainzer Plan aufgegeben! Pruckner soll das Conzert spielen. Er wird zudem dem Publikum sympathischer sein als meine offensive Person. Leb wohl und bleibe mir gewogen. Verehrungsvolle Grüsse an Deine Frau Gemahlin. In treuer Ergebenheit Dein Paris, 28 februar 1861. HvBülow.å [copyright Simon Kannenberg]



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Zitiervorschlag: Bülow, Hans von: Brief an Joachim Raff (28. 2. 1861); https://portal.raff-archiv.ch, abgerufen am 16. 3 2026.