Verehrter freund, nur Dich bedaure ich, daß Du so viel mündliche und schriftliche
Einbrüche in Dein Zeit eigenthum zu erdulden hast. Vermuthlich werde ich nicht in
Mainz spielen können, und, um weitere Umstände zu vermeiden, ist es am besten, dieses
„vermuthlich“ zu einem „leider“ zu stempeln. Die unberechenbare Verzögerung der
ersten Vorstellung des Tannhäuser ist ein höchst fatales „steeple“ für alle meine
Pläne. Ende der Woche wollte und sollte ich mich auf den Weg machen: nun kommt es mir
aber lächerlich vor, wenn der Tannhäuser am 4 oder 6 März endlich gegeben werden
sollte, ein paar Tage vorher auszureissen und die ganze wenig erholungsvolle Reise zu
einem abgeschmackten Zeitverluste ohne allen Zweck zu machen. Gênant ist die Sache
für mich aber im allerhöchsten Grade. Ein Engagement zu Hof- und Stadtconzert in
Carlsruhe auf der Durchreise ist nicht mehr rückgängig zu machen. Eiligst muß ich
dann aber sofort nach Berlin zurückfahren. Schon fürchte ich verschiedenes für mich
ziemlich Wichtiges dort versäumt zu haben. Das stimmt mich sehr moros. Liszt, der
gestern ankommen wollte, hat ebenfalls seine Reise wieder verschoben. Alles geht der
Quere und wider Wunsch, wider Voraussicht. An der Tannhäusererscheinung ist Niemand
schuld als das erbärmliche Geschöpf: Dietsch der eselhafteste dickfelligste,
unmusikalischeste aller Kapellmeister, die ich je in Deutschland gerochen. Unter
keiner Bedingung will man dem Autor die persönliche Direction der ersten
Vorstellungen oder nur einer Generalprobe zugestehen. „Usus tyrannus“ sträubt sich
dagegen. Dietsch hat Angst daß bei seiner notorischen Unfähigkeit diese
aussergewöhnliche Maßregel ihm den Hals die Stellung kosten könnte. Nicht ohne. Aber
schlimm daß dieser „Schöps d’orchestre“ wie ihn W. nennt, Sänger, Chöre, Orchester,
die alle ihre Sache vortrefflich und bombenfest können, nur aus dem Geleise bringt
durch seinen Gedächtnissmangel, sein blödsinniges, unsicheres Herumfuchteln. Böse
Geschichte, die den Success des Werkes leicht compromittiren kann. Dietsch wird
natürlich protegirt durch Poniatowski, der aus verschiedenen Motiven sehr piquirt auf
RW. ist. Genug. Mehr mündlich, wenn Dich dergl. interessirt. — Aus den Wolken
gefallen bin ich über die freundlichen Zeilen Deiner Fräulein Schwägerin. Wie heisst:
Dank? Nach dem gewöhnlichen Weltlaufe hätte ich wohl ihr schönes Talent, ihre
sympathische Persönlichkeit bei meinen Basler Freunden verkleinern und verläumden
müssen? Nun, sage ihr meinen etwas gegründeteren Dank für ihre freundliche Gesinnung
gegen mich und meine aufrichtigste Freude über ihren verdienten Erfolg. — Heda! Welch
unzuverlässiges „Lied ohne Worte“ dieser Julius! Gestern (Mittwoch früh) habe ich
endlich Armingaud getroffen: er hat keine Note deines Quartetts, keinen Buchstaben
meines in den ersten Tagen des Dezember an ihn durch Sch. expedirten Briefes
erhalten! Ich brauche Dich wohl nicht besonders zu bitten, Deinem dummen Verleger den
entsprechenden Rüffel zu ertheilen. Es ist gar zu blödsinnig, ein unzuverlässiger
Geschäftsmann oder ein „Teufel der verzweifelt“. — äAlso unsrer beiderseitigen Ruhe
wegen sei der Mainzer Plan aufgegeben! Pruckner soll das Conzert spielen. Er wird
zudem dem Publikum sympathischer sein als meine offensive Person. Leb wohl und bleibe
mir gewogen. Verehrungsvolle Grüsse an Deine Frau Gemahlin. In treuer Ergebenheit
Dein Paris, 28 februar 1861. HvBülow.å [copyright Simon Kannenberg]