Verehrter freund, ich hätte Dir Manches zu schreiben: ich kann aber nur Weniges davon
für heute „erledigen“. Zuerst besten Dank für das Notenblatt und tausend
Entschuldigungen wegen der Belästigung und des nun folgenden Geständnißes. Ich hatte
mich mit der Zeit und mit Hülfe ernsteren Nachdenkens in die Stimmung der Romanze so
eingelebt, daß ich gegenwärtig die alte Version vorziehe – für dies Mal. Eine
Bestätigung für meine endliche Auffaßung, die nichts mehr Genirtes hat, bot mir das
Urtheil meiner Frau, der das Stück anfangs unsympathisch war, und die gegenwärtig für
die ganze Suite schwärmt. Speciell rühmt sie am Menuett die ächtfranzösische Eleganz,
die sie bei den Compositionen dieses Tanzes noch nie angetroffen. – In die Signale
schreibt Jäudas sohnå.◊1/ Tageblatt (Gleich) presste sich anständiger aus – das
Schnitzel folgt hierbei. Ersteres anlangend, ist in Leipzig eine komische Geschichte
passirt. Ein Hauptcollaborant der Neuen Zeitschrift hatte sich unlängst mit J. etwas
näher eingelassen, bestochen durch die bisher sehr maßvoll gehaltenen Euterpereferate
desselben in den Signalen. Zur Belohnung lobt er J.’s miserables Trio. Diese dumme
Lobhudelei erscheint am näml. Tage, der die Infamieen über Liszt und Dich in Senff
bringt! Gerechte Strafe für diplomatisiren wollende Tölpel, deren ursprüngl.
Ehrlichkeit ihre einzig taugliche Politik sein müßte und bisher auch gewesen ist. —
äHierbei zwei Programme zu gef. Notiznahme. Angenehm wäre es mir, du zeigtest sie
Schott’s, die daraus ersehen können, daß ich die von ihnen publizirten Comp. Liszt’s
in Berlin gar nicht vernachlässige. Ad vocem: Schott. Liszt ist bereit, von der
Honorarforderung für’s 2te Clavierconzert abzustehen – aber in Partitur gleich dem
ersten (Haslinger) muß es erscheinen. Für „Venezia e Napoli“ (Supplement zu den
Années de Pèlèrinage) wünschte er dagegen 30 L’dor zu erhalten. Wenn Dir’s nicht zu
taediös ist, so wäre es freundlich, da Du Dich einmal schon damit befassen gewollt
hast, die Sache ev. zum Abschluss zu vermitteln. Noch Eins. Schott’s sollen doch
dafür sorgen, daß das Tannh-Duo von mir u. Singer bei der am 15 Jan. stattfindenden
ersten Aufführung in Paris überall vorräthig ist und gehörig angezeigt war. Letzten
Winter als ich das Stück mit Armingaud gespielt, verkauften sich 6 Exemplare davon
bei Flaxland! – an Armingaud habe ich Deinem Wunsche gemäß wegen Deines Quartettes
ohne Zögern geschrieben und den Brief durch Heda expediren laßen. Friedländer –
Honorar? Fordere je nach dem Maßstabe den Du gegenwärtig für solche Arbeiten
anzulegen für passend hältst, nicht zu bescheiden. Ich disponire vorläufig über
diesen Herren, der meine „bonnes grâces“ zu haben wünscht, für künftige diverse
Unternehmungen darauf bauen. Er gibt Dir keinen Refus, dess sei sicher. – Ich –
verstehe nichts davon, so wenig wie ein neugebornes Kapellmeisterkind. Wenn Du wieder
einmal „nicht wissen“ solltest, so frage nur mich: ich weiss es auch nicht etc. Daß
Du im Leberleiden mein College geworden bist, hat mich wenig erbaut. Nimm Chelydonium
3 mal – (15 Tropfen) täglich – das ist probat: mich hat’s zum mindesten aus der
krankhaften Schlaffheit allmälig herausgezogen. Nach dem Conzert schreibe ich Dir
wieder, von der Wirkung, der direkten und der mittelbaren referirend.å Über Leipzig
wird Dir wohl Julius Sch. berichtet haben. Damrosch und Schreiber dieses haben ihre
Sache ganz leidlich gemacht, gehörig vorher probirt. Es ist gut gegangen: das
Publikum applaudirte nur nach 3. u. 4. Satz. In Berlin sind die Leute wärmer.
Damrosch thust Du grosses Unrecht, wenn Du glaubst, daß er fürs Publikum und nicht
für den Autor spielt! — äÀ propos – im Laufe dieses Winters wird in Copenhagen in
Gades Conzerten Deine Liebesfee gespielt. Ein junger dänischer Schüler zeigte mir
neulich das gedruckte Programm. Empfiehl mich ganz ergebenst Deiner Frau Gemahlin.
Ein paar Tage vor der ersten Tannh-Aufführung in Paris treffe ich in Wiesbaden ein –
das wird gegen Mitte Januar sein. Verzeih die Flüchtigkeit des heutigen Briefes und
bleibe mir gewogen. Dein Dir ganz ergebener Berlin, 12 Dez. 1860. HvBülow. Viele
Grüsse meiner Frau!å [copyright Simon Kannenberg]