Verehrter freund, ich bin Dir einige Worte der Erläuterung zu meinem heutigen
telegrammatischen Refus schuldig. Seit Wochen kränkle ich auf eine sehr unangenehme
Weise. Die Unmöglichkeit mich gehörig zu schonen hat meinem Rheumatismus eine
chronische Hartnäckigkeit verliehen, die mich bis Ende des Monats selbst von allen
hiesigen Conzertbetheiligungen (als Spieler wie als Hörer) zurücktreten läßt. Alle
Abend stellt sich Fieber ein – in diesem Augenblicke erfreue ich mich noch eines
schmerzhaften Zahngeschwürs. – Mit Vergnügen hätte ich Deinem Freunde Barth aus der
Verlegenheit geholfen, wie unbequem mir – Gesundheitsrücksichten beiseite – die Reise
immer hätte sein können. Ich bitte Dich das für keine Phrase zu nehmen – ich hätte es
für eine quasi-Pflicht erachtet, Deinen Mitwunsch zu erfüllen, und betrachte mich in
dieser Angelegenheit als einen zur seinerzeitigen Zahlung gebundenen Schuldner. Jetzt
ist sie – unmöglich! Schliesslich fällt mir übrigens bei, daß ich von Schubertschen
Originalcompositionen nichts auf der Walze habe. Das hätte nun freilich nichts zu
sagen gehabt, da bis zum 19. Zeit gewesen wäre eine Claviersonate in- und auswendig
zu lernen, was mir sogar Spass gemacht hätte. Ein Trio und zwei Solo-Kleinigkeiten
hätten sich am Ende auch zugefunden event. von der Kette loslassen lassen. Bin ich
nicht ein Urgermane – nach Erledigung des „Ob“ noch über das „Wie“ Reflexionen
anzustellen? Mit grosser Freude habe ich Dein Quartett erhalten. Mit grossem
Mißvergnügen melde ich Dir, daß es ädem Bauerlümmelå Laub, der übrigens seine
Weisheit und Einfalt von den Herren Radecke, Würst et Comp. bezieht, ganz und gar
nicht gefallen und mein Vorschlag es in seiner Extrasoirée zu spielen Fiasko gemacht.
Er findet das Werk unquartettmäßig. Seine Kritik war unbezahlbar. Nun die Franzosen
werden besseren Geschmack haben – ich hoffe Du hast Die von mir gegebene Adresse
benutzt. Vielen Dank für die Nachrichten aus Schottland. Ich werde sie nächstens nach
Weimar diplomatisch expediren. Hast Du meine unverschämte Bitte, die Du gewähren
wolltest, nicht vergessen? Ich möchte die Emoll-Suite in meiner 2ten Soirée den 14
Dez. spielen und wäre Dir sehr dankbar für freundliche Romanzen varianten. Am 4 Dez.
will ich in einer Kammermusiksoirée der Euterpe – um deren Übernahme mich Bronsart
ersucht – Deine Klavier u. Geigen-Sonate in Leipzig spielen. Laub u. Singer haben
Angst vor dem Gewandhaus und wollen nicht recht daran. So weiss ich noch nicht, wem
ich zum Begleiter dienen werde. Damrosch, mit dem ich die Comp. vor etwa sechs Wochen
hier spielte, fasst sie meiner Ansicht nach ganz unübertrefflich auf: das Adagio
spielte er z. b. weit schöner als Laub. Wahrscheinlich werden wir uns an ihn wenden.
äMeine Frau ist wieder bettlägrig – doch beängstigt ihr Zustand nicht. Ersteres ist
vielmehr eine Präventivmaßregel. Doch sieht’s eben nicht gerade heiter im Hause aus.
Hoffend daß es Dir und Deiner Frau Gemahlin besser gehen möge und uns Euch herzlich
empfehlend, bitte ich Dich mein Bedauern, Deine Gesuchsunterstützung nicht als Ordre
auffassen zu können, durch kein Zürnen Deinerseits vergrössern zu wollen. Auf ein
[...] ander Mal mit Vergnügen und ohne „contante“ versteht sich. In freundschaftl.
Hochachtung Dein ergebenster Berlin, 10 Nov. 1860. HvBülowå [copyright Simon
Kannenberg]