Absender: Hans von Bülow (C00114)
Erstellungsort: Berlin
Empfänger: Joachim Raff (C00695)
Datierung: 15. Oktober 1860 (Quelle)
Standort: Bayerische Staatsbibliothek (München)
Signatur: Raffiana I, Bülow, Hans von Nr. 26
Umfang: 4 Seiten
Material: Papier
Incipit: Verehrter Freund,
die endliche Befreiung von den Sorgen, die mich seither über den Zustand meiner Frau beunruhigten,
Veröffentlichung: Bülow 1895 III, S. 338ff.; Marty 2014, S. 216ff.; Kannenberg 2020.

Sei befreit von den Sorgen um den Zustand seiner Frau. Dankt für die Gastfreundschaft in Wiesbaden, auch der Gemahlin. Am 12. Oktober sei bei Bülows eine Tochter geboren worden. Robert Schumann habe sich in solchen Fällen ins Bett gelegt oder sei durch alle Zimmer getobt. Umstellung in seinem Lebensstil, könne jetzt nicht mehr Klavier spielen. Wünscht sich, dass Daniella-Senta eine dramatische Sängerin werde. Will in der ersten Hälfte der Saison drei Klaviersoiréen geben, jedesmal mit einem Stück des E.s. Reflektiere vor allem auf die e-Moll-Suite op. 72. Habe Mühe mit der "Romanze", vor allem deren zweiten Teil. Bittet den E., dass dieser den Klaviersatz umarbeite - oder durch ein paar "ossia più difficile" erleichtere. Bittet den E. um Mitteilung, welche Stücke der "Frühlingsboten" op. 55 besonders geeignet seien für das Publikum. Der "Oberpriester des Hedaismus" [Julius Schuberth] zögere mit der Herausgabe von Raffs Quartett [op. 77]. Wollte, dass Laub dieses in diesem Winter aufführe, jetzt sei es zu spät. Liszt habe Nachrichten aus Rom bekommen, was den E. sicher freue. Dieser wolle den A. anfangs November 1860 in Berlin besuchen. Liszt habe sich erfreut gezeigt wegen den Bemühungen des E.s in Mainz. Allerdings habe Schott unzweideutig auf den Vorschlag der Herausgabe des 2. Klavierkonzerts geschwiegen. Arbeite an "Tannhäuserarrangements" für Paris. Bearbeite zudem auf Friedländers Antrag sechs Sonaten von Ph. E. Bach. F. (Peters) habe auf die Intervention des A.s bezüglich des zweiten Streichquartetts [op. 90] "sourde oreille" getan. Fragt, ob er diesem hingegen die beiden Vesperstücke [op. 81] offerieren könne. Grüsse von Mutter und Frau. Albumblatt für Frau Schott folge. Will den E. im nächsten Jahr auf der Reise nach Basel und vielleicht andere Schweizer Städte besuchen. Grüsse an Schreiber, Empfehlung an Barth.

Verehrter Freund, die endliche Befreiung von den Sorgen, die mich seither über den Zustand meiner Frau beunruhigten, gestattet mir, wieder ein Mensch für Andere zu werden und nun Dir und Deiner verehrten Frau Gemahlin zuvörderst meinen langgeschuldeten Dank für Eure liebenswürdige, gastfreundliche Aufnahme in Wiesbaden abzustatten. – In der Nacht vom 12 October ist meine Frau von einer Tochter glücklich entbunden worden: ich mache Dir diese Mittheilung, weniger um Deine Glückwünsche zu sollicitiren als um Dir mein langes Stillschweigen weniger bedenklich erscheinen zu laßen. Ich komme mir dabei einigermaßen lächerlich vor, als ob ich mich in den Familienbeziehungen nach einem berühmten Vorbilde hätte modeln wollen. Robert Schumann pflegte während eines solchen seinem Hause nicht ungeläufigen Ereignißes sich zu Bette zu legen oder heulend und jammernd durch alle Zimmer zu toben. Nun, das gerade habe ich nicht gethan, aber doch eine Art Verbrecherbewusstsein die ganze letzte Zeit mit mir herum geschleppt, das meinen Klaviersessel selbst häufig in eine schiefe Ebene gebracht hat. Vorläufig schweigt nun das Piano, welches dem „chant“ Platz gemacht hat. Doch ich will die kaum sechzig Stunden alte Daniella-Senta nicht verläumden: sie macht von ihrer Stimme nicht im Geringsten indiscreten Gebrauch. Desto mehr ist es unser Wunsch, daß sie es später thue; wir wünschten lebhaft sie könnte eine ordentliche dramatische Sängerin werden, und meine Freunde eine künstlerische Freude an ihr erleben. Die „Bülow’s“ werde ich ja doch vor die Köpfe stossen müßen, denn es versteht sich, daß ich sie katholisch erziehen lasse. Doch genug des „Kindlichen“. Laß Dir jetzt eine furchtbar unverschämte Bitte vortragen: Ich gebe in der ersten Hälfte der Saison wiederum drei Klaviersoiréen, aber nicht zum Vortheil der Schillerstiftung. Wenn es geht, spiele ich in jeder ein Stück von Dir – verwehre es nicht. Vor Allem reflectire ich auf die E moll Suite die ich bis auf die Romanze ziemlich sicher inne habe. Aber die Romanze! Ich fühle mich ohnmächtig etwas daraus zu machen, namentlich oder eigentlich nur aus der zweiten Hälfte. Findest Du’s, um grad heraus zu reden, allzufrech von mir, wenn ich Dich bitte, mir dies Stück umzuarbeiten, den Klaviersatz – durch ein paar „ossia più difficile“ wenigstens – zu erleichtern? Die 16tel Begleitung bei der Wiederkehr der ersten Melodie verstehe ich nicht zu spielen. Die Schuld mag an mir liegen, ich gehe sehr aufrichtigst von dieser Ansicht aus. Könntest Du mir jedoch den verlangten Freundschaftsdienst erweisen, mit willigem Geiste meinem schwachen Fingerfleische zu Hülfe zu kommen, so wäre das sehr dankenswerth. Magst Du nicht, so quäle ich mich ein bischen länger. Bei der Gelegenheit sage mir auch Deine Ansicht, welche Stücke aus den Frühlingsboten Du für am geeignetsten hältst, dem Publikum in die Ohren zu summen. Ich dachte etwa: die beiden E dur Stücke. Der Oberpriester des Hedaismus beider Welten zaudert gar sehr mit der Herausgabe Deines Quartetts. Ich habe ihn wegen desselben dringendst mahnen laßen, weil ich wollte, daß Laub es diesen Winter vorführte. Nun ist es damit dummer Weise zu spät, worüber ich mich mehr ärgere, als es Dir indifferent sein wird. Liszt hat endlich die ersehnten Nachrichten aus Rom erhalten, was Dich freuen wird. Anfang nächsten Monats will er uns hier auf einige Tage besuchen. Bei seiner letzten Anwesenheit sprachen wir über Mainz und er war erfreut über Deine Bemühungen seinetwegen. Allein vermuthlich ist Dir unbekannt, daß Schott ziemlich unzweideutig auf seinen Vorschlag, das zweite Clavierconzert in Partitur (wie das erste bei Haslinger) zu bringen, geschwiegen hat, und für Liszt bildet dieser Wunsch den Ausgangspunkt aller weiteren Verbindungen. Was meine Thätigkeit anlangt, so habe ich mit einigen Tannhäuserarrangements z. b. der Ouverture für Paris zu thun gehabt; jetzt bin ich dabei, auf Friedländers Antrag sechs Sonaten von Ph. Em. Bach zu bearbeiten. F. (Peters) hat auf einige Insinuationen wegen Deines zweiten Streichquartetts „sourde oreille“ gethan: dagegen kannst Du ihm die beiden Vesperstücke auf meine Verantwortung offeriren. äSeine Adresse ist Berlin Friedrichstraße 217.å Empfiehl mich gehorsamst Deiner Frau Gemahlin und behalte mich in leiden könnendem Andenken als Deinen Dir aufrichtigst zugethanen Bewunderer. äViele Grüsse von meiner Mutter und Frau. Albumblatt für Frau Schott soll gelegentlich mit einer Sendung erfolgen. Adieu für heute Dein ganz ergebener Berlin, 15 Oct. 1860. HvBülow Anfang nächsten Jahres denke ich Dich im Vorbeireisen nach Basel u. vielleicht andren Schweizer Städten auf eine Stunde zu besuchen. Darf ich Dich bitten, Schreiber bestens zu grüssen und ihm meine neue Würde zu berichten? Bei dieser Gelegenheit meine freundschaftl. Empfehlung an Herrn Conzertmeister Barth. å [copyright Simon Kannenberg]



Zum Digitalisat: http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00133709/image_74
Bereitgestellt durch: Bayerische Staatsbibliothek München (BSB)
Lizenz: CC BY-NC-SA 4.0



Zum Digitalisat: http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00133709/image_75
Bereitgestellt durch: Bayerische Staatsbibliothek München (BSB)
Lizenz: CC BY-NC-SA 4.0



Zum Digitalisat: http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00133709/image_76
Bereitgestellt durch: Bayerische Staatsbibliothek München (BSB)
Lizenz: CC BY-NC-SA 4.0



Zum Digitalisat: http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00133709/image_77
Bereitgestellt durch: Bayerische Staatsbibliothek München (BSB)
Lizenz: CC BY-NC-SA 4.0


Zitiervorschlag: Bülow, Hans von: Brief an Joachim Raff (15. 10. 1860); https://portal.raff-archiv.ch, abgerufen am 16. 4 2026.