Verehrter Freund, die endliche Befreiung von den Sorgen, die mich seither über den
Zustand meiner Frau beunruhigten, gestattet mir, wieder ein Mensch für Andere zu
werden und nun Dir und Deiner verehrten Frau Gemahlin zuvörderst meinen
langgeschuldeten Dank für Eure liebenswürdige, gastfreundliche Aufnahme in Wiesbaden
abzustatten. – In der Nacht vom 12 October ist meine Frau von einer Tochter glücklich
entbunden worden: ich mache Dir diese Mittheilung, weniger um Deine Glückwünsche zu
sollicitiren als um Dir mein langes Stillschweigen weniger bedenklich erscheinen zu
laßen. Ich komme mir dabei einigermaßen lächerlich vor, als ob ich mich in den
Familienbeziehungen nach einem berühmten Vorbilde hätte modeln wollen. Robert
Schumann pflegte während eines solchen seinem Hause nicht ungeläufigen Ereignißes
sich zu Bette zu legen oder heulend und jammernd durch alle Zimmer zu toben. Nun, das
gerade habe ich nicht gethan, aber doch eine Art Verbrecherbewusstsein die ganze
letzte Zeit mit mir herum geschleppt, das meinen Klaviersessel selbst häufig in eine
schiefe Ebene gebracht hat. Vorläufig schweigt nun das Piano, welches dem „chant“
Platz gemacht hat. Doch ich will die kaum sechzig Stunden alte Daniella-Senta nicht
verläumden: sie macht von ihrer Stimme nicht im Geringsten indiscreten Gebrauch.
Desto mehr ist es unser Wunsch, daß sie es später thue; wir wünschten lebhaft sie
könnte eine ordentliche dramatische Sängerin werden, und meine Freunde eine
künstlerische Freude an ihr erleben. Die „Bülow’s“ werde ich ja doch vor die Köpfe
stossen müßen, denn es versteht sich, daß ich sie katholisch erziehen lasse. Doch
genug des „Kindlichen“. Laß Dir jetzt eine furchtbar unverschämte Bitte vortragen:
Ich gebe in der ersten Hälfte der Saison wiederum drei Klaviersoiréen, aber nicht zum
Vortheil der Schillerstiftung. Wenn es geht, spiele ich in jeder ein Stück von Dir –
verwehre es nicht. Vor Allem reflectire ich auf die E moll Suite die ich bis auf die
Romanze ziemlich sicher inne habe. Aber die Romanze! Ich fühle mich ohnmächtig etwas
daraus zu machen, namentlich oder eigentlich nur aus der zweiten Hälfte. Findest
Du’s, um grad heraus zu reden, allzufrech von mir, wenn ich Dich bitte, mir dies
Stück umzuarbeiten, den Klaviersatz – durch ein paar „ossia più difficile“ wenigstens
– zu erleichtern? Die 16tel Begleitung bei der Wiederkehr der ersten Melodie verstehe
ich nicht zu spielen. Die Schuld mag an mir liegen, ich gehe sehr aufrichtigst von
dieser Ansicht aus. Könntest Du mir jedoch den verlangten Freundschaftsdienst
erweisen, mit willigem Geiste meinem schwachen Fingerfleische zu Hülfe zu kommen, so
wäre das sehr dankenswerth. Magst Du nicht, so quäle ich mich ein bischen länger. Bei
der Gelegenheit sage mir auch Deine Ansicht, welche Stücke aus den Frühlingsboten Du
für am geeignetsten hältst, dem Publikum in die Ohren zu summen. Ich dachte etwa: die
beiden E dur Stücke. Der Oberpriester des Hedaismus beider Welten zaudert gar sehr
mit der Herausgabe Deines Quartetts. Ich habe ihn wegen desselben dringendst mahnen
laßen, weil ich wollte, daß Laub es diesen Winter vorführte. Nun ist es damit dummer
Weise zu spät, worüber ich mich mehr ärgere, als es Dir indifferent sein wird. Liszt
hat endlich die ersehnten Nachrichten aus Rom erhalten, was Dich freuen wird. Anfang
nächsten Monats will er uns hier auf einige Tage besuchen. Bei seiner letzten
Anwesenheit sprachen wir über Mainz und er war erfreut über Deine Bemühungen
seinetwegen. Allein vermuthlich ist Dir unbekannt, daß Schott ziemlich unzweideutig
auf seinen Vorschlag, das zweite Clavierconzert in Partitur (wie das erste bei
Haslinger) zu bringen, geschwiegen hat, und für Liszt bildet dieser Wunsch den
Ausgangspunkt aller weiteren Verbindungen. Was meine Thätigkeit anlangt, so habe ich
mit einigen Tannhäuserarrangements z. b. der Ouverture für Paris zu thun gehabt;
jetzt bin ich dabei, auf Friedländers Antrag sechs Sonaten von Ph. Em. Bach zu
bearbeiten. F. (Peters) hat auf einige Insinuationen wegen Deines zweiten
Streichquartetts „sourde oreille“ gethan: dagegen kannst Du ihm die beiden
Vesperstücke auf meine Verantwortung offeriren. äSeine Adresse ist Berlin
Friedrichstraße 217.å Empfiehl mich gehorsamst Deiner Frau Gemahlin und behalte mich
in leiden könnendem Andenken als Deinen Dir aufrichtigst zugethanen Bewunderer.
äViele Grüsse von meiner Mutter und Frau. Albumblatt für Frau Schott soll
gelegentlich mit einer Sendung erfolgen. Adieu für heute Dein ganz ergebener Berlin,
15 Oct. 1860. HvBülow Anfang nächsten Jahres denke ich Dich im Vorbeireisen nach
Basel u. vielleicht andren Schweizer Städten auf eine Stunde zu besuchen. Darf ich
Dich bitten, Schreiber bestens zu grüssen und ihm meine neue Würde zu berichten? Bei
dieser Gelegenheit meine freundschaftl. Empfehlung an Herrn Conzertmeister Barth. å
[copyright Simon Kannenberg]