Verehrter Freund, vielen Dank für Deine Mühe! Die Gelegenheit, einmal in
Süddeutschland zu spielen, ist mir sehr willkommen: ich fühle mich Dir sehr
verpflichtet, daß Du sie mir verschafft \hast/ und, wenn das Curcomité mir eine
Einladung für den 3 August zusendet, nehme ich sie mit Vergnügen an. äDie Homburger
Affaire aber bitte Dich ja auf sich beruhen zu laßen. Am 8 August hören die
Conservatoriumsferien auf; selbstverständlich verweile ich \lieber/ die kurze Woche
ruhig in Deiner Gesellschaft in Wiesbaden, wohin ich dann etwa am 31 Juli abreise.å
Meinen neulichen Brief hast Du übrigens leider missverstanden. Unter anderen Punkten
auch den, welcher mich Brendel mit Dir in Verbindung bringen liess. Du wirst unschwer
glauben können, daß ich nicht von der allzunaiven Annahme ausging, speziell Dein
Interesse zu fördern, wenn ich den Redakteur des immerhin als Moniteur der deutschen
Musikwelt geltenden Blattes auf eine künstlerische Pflicht aufmerksam machte, die
betreffs Deiner so lange vernachlässigt worden ist, während für relativ
unbedeutendere, unreifere Künstler, die der Richtung der Zeitung ebenfalls nicht
angehören, z. B. Rubinstein, das Angemeßene und darüber geschehen ist. Im Interesse
des Blattes selbst, für das ich mein altes, vielleicht egoïstisches „faible“ bewahre,
in diesem Interesse allein nahm ich mir vor, eine eindrückliche Mahnung ergehen zu
laßen. Daß ich Dir davon schrieb, war eigentlich unnütze Plauderei, implizirte aber
keineswegs eine eben an und für sich gänzlich unzurechtfertigende Hineinziehung und
damit Compromittirung Deiner Person. Was man in Wiesbaden spielt, ist wohl einerlei,
wenn es nur auf den gemischten Chor wirkt. Diesen Objektivismus werde ich jetzt als
Pianist zu cultiviren suchen, so weit ich der nöthigen Selbstüberwindung dazu fähig
bin. äMündlich sprachst Du mir seiner Zeit von einem Vortrag mit Orchesterbegleitung.
Das dürfte aber wohl in den bevorstehenden Hundstagen Schwierigkeiten machen.
Übrigens hat vermuthlich die Programmbestimmung Zeit bis zu meiner Ankunft. å Ich
mache mir eigentlich harte Vorwürfe über den ganzen Kram, als Diebstahl an Deiner
Zeit. Suche mir seiner Zeit ein Gegengift gegen unnütze Reue zu verabreichen! äDeiner
Frau Gemahlin und Fräulein Schwägerin bitte ich meine ergebensten Empfehlungen zu
machen. Nochmals vielen Dank für Deine Bemühungen. Dein aufrichtigst ergebener
Berlin, 22 Juli 1860. HvBülowå [copyright Simon Kannenberg]