Absender: Hans von Bülow (C00114)
Erstellungsort: Berlin
Empfänger: Joachim Raff (C00695)
Datierung: 22. Juli 1860 (Quelle)
Standort: Bayerische Staatsbibliothek (München)
Signatur: Raffiana I, Bülow, Hans von Nr. 24
Umfang: 3 Seiten
Material: Papier
Incipit: Verehrter Freund,
vielen Dank für Deine Mühe! Die Gelegenheit,
Veröffentlichung: Bülow 1895 III, S. 332f.; Kannenberg 2020.

Dankt dem E. für die Einladung nach Süddeutschland [Wiesbaden]. Bittet den E., die Homburger Affäre auf sich beruhen zu lassen. Der E. habe den neulichen Brief missverstanden, vor allem in Bezug auf Brendel. Wollte nicht im Interesse des E.s, den man im Gegensatz etwa zu Rubinstein in diesem Blatt zu lange vernachlässigt habe, sondern im Interesse des Blattes selbst, diesem eine eindrückliche Mahnung ergehen lassen. Wollte den E. nicht hineinziehen und kompromottieren. Empfehlungen an Schwägerin und Gemahlin.

Verehrter Freund, vielen Dank für Deine Mühe! Die Gelegenheit, einmal in Süddeutschland zu spielen, ist mir sehr willkommen: ich fühle mich Dir sehr verpflichtet, daß Du sie mir verschafft \hast/ und, wenn das Curcomité mir eine Einladung für den 3 August zusendet, nehme ich sie mit Vergnügen an. äDie Homburger Affaire aber bitte Dich ja auf sich beruhen zu laßen. Am 8 August hören die Conservatoriumsferien auf; selbstverständlich verweile ich \lieber/ die kurze Woche ruhig in Deiner Gesellschaft in Wiesbaden, wohin ich dann etwa am 31 Juli abreise.å Meinen neulichen Brief hast Du übrigens leider missverstanden. Unter anderen Punkten auch den, welcher mich Brendel mit Dir in Verbindung bringen liess. Du wirst unschwer glauben können, daß ich nicht von der allzunaiven Annahme ausging, speziell Dein Interesse zu fördern, wenn ich den Redakteur des immerhin als Moniteur der deutschen Musikwelt geltenden Blattes auf eine künstlerische Pflicht aufmerksam machte, die betreffs Deiner so lange vernachlässigt worden ist, während für relativ unbedeutendere, unreifere Künstler, die der Richtung der Zeitung ebenfalls nicht angehören, z. B. Rubinstein, das Angemeßene und darüber geschehen ist. Im Interesse des Blattes selbst, für das ich mein altes, vielleicht egoïstisches „faible“ bewahre, in diesem Interesse allein nahm ich mir vor, eine eindrückliche Mahnung ergehen zu laßen. Daß ich Dir davon schrieb, war eigentlich unnütze Plauderei, implizirte aber keineswegs eine eben an und für sich gänzlich unzurechtfertigende Hineinziehung und damit Compromittirung Deiner Person. Was man in Wiesbaden spielt, ist wohl einerlei, wenn es nur auf den gemischten Chor wirkt. Diesen Objektivismus werde ich jetzt als Pianist zu cultiviren suchen, so weit ich der nöthigen Selbstüberwindung dazu fähig bin. äMündlich sprachst Du mir seiner Zeit von einem Vortrag mit Orchesterbegleitung. Das dürfte aber wohl in den bevorstehenden Hundstagen Schwierigkeiten machen. Übrigens hat vermuthlich die Programmbestimmung Zeit bis zu meiner Ankunft. å Ich mache mir eigentlich harte Vorwürfe über den ganzen Kram, als Diebstahl an Deiner Zeit. Suche mir seiner Zeit ein Gegengift gegen unnütze Reue zu verabreichen! äDeiner Frau Gemahlin und Fräulein Schwägerin bitte ich meine ergebensten Empfehlungen zu machen. Nochmals vielen Dank für Deine Bemühungen. Dein aufrichtigst ergebener Berlin, 22 Juli 1860. HvBülowå [copyright Simon Kannenberg]



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Zitiervorschlag: Bülow, Hans von: Brief an Joachim Raff (22. 7. 1860); https://portal.raff-archiv.ch, abgerufen am 16. 3 2026.